Der Autor über sich
Das Schreiben
Wir schreiben auch, um unserer eigenen Kenntnis des Lebens zu erweitern.
Wir schreiben, um andere zu locken, zu bezaubern und um zu trösten. Wir schreiben um andere zu locken, um unseren Liebsten eine Serenade darzubringen. Wir schreiben, um das Leben doppelt aus zu kosten: einmal im Augenblick selber und dann im Rückblick. Wir schreiben, um - wie Proust - die Dinge ewig zu machen und uns davon zu überzeugen, dass sie ewig sind. Wir schreiben um die Grenzen unseres Lebens zu überschreiten, um darüber hinaus reichen zu können. Wir schreiben, um uns selbst beizubringen, mit anderen zu reden, über unsere Reise ins Labyrinth zu berichten. Wir schreiben, um unsere Welt zu erweitern, wenn wir uns erwürgt, eingeengt oder einsam fühlen. Wir schreiben, so wie die Vögel singen, wie die Primitiven ihre Riten tanzen. Wenn Schreiben für Sie nicht Atmen ist, nicht Aufschrei oder Gesang - dann schreiben sie nicht, denn unsere Kultur hat keine Verwendung dafür! Wenn ich nicht schreibe, dann fühle ich, wie meine Welt zusammenschrumpft. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis. Ich fühle, das ich mein Feuer und meine Farbe verliere. Dichten sollte eine Notwendigkeit sein, so wie das Meer es nötig hat, sich zu heben und zu senken.
Ich nenne das: Atmen. Ich auch.
aus Anais Nin "Die neue Empfindsamkeit" ISBN 3-596-25209-1
Geschichten, die der Autor geschrieben hat: