20 Minuten
von
malli
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Ihre Hände hatten etwas von Spinnenbeinen als sie über die Tastatur flogen.
Sie saß gemütlich in der Wohnstube ihrer Großmutter und Trank Tee mit Zitrone. Immer wieder stoppten ihre Finger und berührten in ihrer kleinen Pause den goldenen Ring, in dem ein hübscher Opal gefasst war – ein Geschenk ihrer Mutter.
Nebenher fragte ihre Oma sie, was sie heute Abend vorhabe im Fernsehen zu gucken. Die Schreiberin antwortete nicht, doch daran war ihre Großmutter gewöhnt; die alte Frau lehnte sich stattdessen in ihren Stuhl zurück und löste ein Kreuzworträtsel. Ab und zu wanderte der Blick des Mädchens verträumt zu ihrer Großmutter, dann trank sie einen kurzen Schluck von dem Tee und widmete sich wieder ihrem Laptop, der auf ihren Knien lag.
Plötzlich kam dem Mädchen eine Idee und sie machte Musik für ihre Großmutter an, die alte Frau lächelte zufrieden und wandte sich ihrer Enkelin zu.
Der Opernsänger sang sehr schön und es gefiel sogar dem Mädchen, obwohl es nichts für Opern übrig hatte. Auch sie lehnte sich kurz zurück, trank den Tee und sah versonnen auf das Stück Text, das sie bereits geschrieben hatte. Dann zubbelte sie sich ihren Pullover zurecht und schrieb eifrig weiter, während ihre Großmutter vor sich hin murmelte.
Das Mädchen lehnte sich wieder zurück und lauschte dem Ende des ersten Liedes, ihr Blick viel wie so oft auf die Sofalehne, darauf saßen drei Puppen. Die Rechte war eine alte Babypuppe von dem Mädchen, sie hatte ihr aber nie viel bedeutet, das Püppchen in der Mitte war eine hübsche Porzellanpuppe mit einem rosa Kleidchen, ihre Oma hatte ihren Enkeln die Puppe früher nur ungern in die Hände gegeben und irgendwann hatte der Kopf der Puppe auch wirklich einmal einen Riss bekommen, der aber von den blonden Haaren überdeckt werden konnte. Die Puppe ganz links war eine alte Oma, sie strickte schon seit die Schreiberin sich zurück erinnern konnte.
Dem Mädchen juckte die Nase, ihr Blick viel wieder auf den Ring und dann auf die Uhr. Es war warm und das Mädchen hatte rote Wangen bekommen, wollte sich aber auch nicht den Pullover ausziehen. Sie zog die Nase hoch und hörte nicht auf zu schreiben.
Dann lächelte sie, weil sie ein Lied des Opernsängers kannte. Sie fasste sich in ihr blondes, lockiges Haar, dann wischte sie sich über die Augen. Es war erst Viertel vor sieben, aber sie spürte schon die aufkommende Schläfrigkeit.
Dieses Mädchen war nicht besonders groß und auch nicht besonders schön, aber es viel trotz allem überall auf. Es war ihre ungewöhnliche Ausstrahlung, wie ein seichter Sommerwind fegte sie durch einen Raum, raubte alle den Atem, während jeder Blick an ihr klebte. Die Mädchen betrachteten sie eifersüchtig, versuchten verzweifelnd ihre Fehler hervorzuheben und schaukelten sich immer höher in ihrem Klatsch; die Männer dagegen lächelten unwillkürlich und konnten nicht aufhören an sie zu denken, so manchem Mann hatte sie schon schlaflose Nächte beschert. Während sie bei manchem Mann die Rolle des Beschützers weckte, wurde so mancher Charmeur zum Schoßhund. Das Mädchen veränderte jeden Mann, dabei beachtete sie die Männer nicht einmal.
„Es ist ein Fluch.“, sagte das Mädchen in ihrer zarten Singstimme.
Die Oma schaute von ihrem Rätsel auf: „Wie bitte?“
Das Mädchen schreckte aus ihrem Traum auf und lächelte kaum merklich. „Ach nichts.“, sagte sie und schrieb hastig weiter.
Wie oft war sie schon verschwunden in ihren Traumwelten, mal war sie eine Retterin der Verfolgten, mal eine Verlassene, mal die glückliche Ehefrau eines Missionars und immer wieder nahm sie geheimnisvolle Rollen an, in denen sie mehr war als ein Mädchen.
Die Fingerspitzen des Mädchens berührten wieder den Ring an ihrem linken Ringfinger.
„Ich bin eben nur ein Mädchen. Aber ich kann mich ändern. Ich kann sein, wer ich möchte.“, dachte sie. Das Mädchen lächelte, unterdrückte einen Seufzer und trank noch einen Schluck.
„Nein!“, sagte sie dann entschlossen und ihre Großmutter schreckte auf. „Ich bin zufrieden.“ Dann lächelte sie und klappte den Laptop zu.
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