20 Stufen
von
Glory Halleluja
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20 Stufen
“ Dort unten spukt es!”
Der Nachbarsjunge grinst Lemony an; es ist kein freundliches Grinsen, sondern ein bösartiges. Man sieht noch mehr von den spitzen Zähnen, wie man es sowieso schon tut, und sein Gesicht hat etwas Wölfisches.
Lemony mag ihn nicht. Vor einer Stunde, als die gesamte Familie mit Kofferschleppen beschäftigt war, schlich er sich ein, und seitdem weicht er Lemony nicht von der Seite. Er sieht es wohl als seine Pflicht an, sie in dem neuen Haus herumzuführen und sie vollzuschwatzen. Von dem kaputten Kaminofen berichtete er ihr, in dem rußgeschwärzte Katzenkadaver stecken, von dem alten, kalkigen Wasserhahn, der nachts die gleichen gurgelnden Geräusche von sich geben soll wie ein Ertrinkender, und jetzt der Keller.
Lemony muss zugeben, dass der Keller nicht sonderlich einladend wirkt. Selbst das Tageslicht, das noch fröhlich zwischen den Küchengardinen hervorwinkt, vermag die bedrohliche Schwärze zu ihren Füßen nicht vertreiben, denn mehr ist unterhalb der Treppenstufen, die in die absolute Schwärze führen, nicht. Lemony spürt, wie sich ihre Nackenhaare aufstellen. Der Duft von Angst steigt ihr in die Nase; es riecht modrig, nass, kalt...
Schnell schlägt sie die schwere Kellertür zu und lehnt sich mit verschränkten Armen dagegen. Die großen Metallschaniere drücken unangenehm gegen ihren Rücken, aber darunter spürt sie von der Sonne aufgewärmtes Holz. Wärme verdrängt kalte Angstgedanken.
“So? Und was ist es diesmal? Die Geister toter Hausratten, die mir die Zehen abknabbern werden?”
Sie schenkt dem Nachbarsjungen einen abschätzigen Blick. Du machst mir keine Angst, soll er sagen.
Der Junge verengt die Augen zu Schlitzen. Die Wolfszähne bleiben weiterhin gebleckt.
“Ich sehe schon, du glaubst mir nicht. Okay, vielleicht habe ich das mit den Katzengeistern ein wenig übertrieben, aber das, was ich dir jetzt erzähle...”
Lemony schnaubt verächtlich.
“ Du weißt ja, wer hier vorher gewohnt hat. Der alte Fabrikwächter Johann mit seiner Frau und den beiden Kindern. Eine durch und durch nette, gut bürgerliche Familie, so wie ihr...”
Lemonys Mutter kommt aus der Küche, in der Hand balanciert sie eine große Kiste mit rostigen Töpfen. Fleißig sieht sie aus, mit hochgekrempelten Ärmeln und farbbespritzter Hose, und das ist sie ja auch. Seit Wochen rackert sie sich für das neue Haus ab, dirigiert Möbelpacker, schleppt Kisten, streicht und malert, sortiert und räumt ein. Und heute ist der letzte Arbeitstag, dann sind sie fertig; sind fertig und können das Haus auch endlich mit Leben beziehen. Ihre Augen lachen vorfreudig und sie zwinkert den beiden Kindern zu, das eine in Abwehrhaltung an die Kellertür gelehnt, das andere frech zurückgrinsend.
“Dachten wir.”
“ Ja, das soll auch mal vorkommen”, spöttelt Lemony. “ Und weiter?”
“ Nicht so ungeduldig!”
Der Nachbarsjunge sieht, das er jetzt Lemonys ungeteilte Aufmerksamkeit hat und kostet den Siegesmoment aus.
“ Das Schauerliche kommt jetzt: Unser ganzes Dorf erzählt sich, dass der alte Johann seine Frau schlug; als sie ihm eines Tages nicht das Essen kochen wollte, schubste er sie die Kellertreppe hinunter. Du hast die Treppe gesehen?”
Lemony sieht das klaffende dunkle Loch unter der Kellertür. Ihr Herz beginnt ängstlich mit den Flügeln zu schlagen.
“Jaa...schon. W, was ist dann passiert?”
Der Nachbarsjunge beugt sich vor, soweit das seine Nasenspitze Lemonys Nasenspitze beinahe berührt und sie ihm in die Augen schauen muss. Eine Hand legt er auf ihre verschränkten Arme. Sie wagt es nicht, zurückzuweichen.
“ Nun ja”, flüstert er, “ man weiß nicht, ob es Absicht war oder nur ein Versehen, aber jedenfalls stürzte sie die gesamten Treppenstufen hinab und brach sich beide Beine.”
Lemony muss schlucken.
“ Natürlich versuchte sie, wieder nach oben zu gelangen, was ihr logischerweise nicht gelang. Also blieb sie liegen, und weil sich weder ihr Mann um sie kümmerte, noch ihre Kinder- die hatten das ja nicht mal mitgekriegt- ist sie dort jämmerlich verreckt.”
Das letzte Wort raunt er Lemony direkt ins Ohr und krallt gleichzeitig seine Finger in ihren Arm. Er hat lange Nägel und Lemony trägt nur ein dünnes Hemd- sie ist sich sicher, wenn sie es auszieht, wird sie dort Kratzspuren finden. Eine Gänsehaut kribbelt und krabbelt ihr über den ganzen Körper.
Der Nachbarsjunge ist sich Lemonys Reaktion genau bewusst. Er hat sie da, wo er sie haben will. Er kostet von ihrer Angst, sie schmeckt süß nach bösen Mädchenalpträumen und nächtlichen Panikattacken. Zufrieden erzählt er weiter.
“ Man weiß nicht mal an was. Hunger, Durst vielleicht. Kälte. Oder irgendwas da unten hat sie geschnappt. Und ihre letzten Worte sollen “Stufen” gewesen sein, verstehst du? Sie sprach von den Stufen, jene, die sie nicht mehr hochkam.”
Lemony ist sich der Tür in ihrem Rücken unangenehm bewusst, Sie spürt die Kälte durch das Holz dringen, hört Schritte, ein Schleifen, ein Stöhnen? Wenn nicht sogar Finger, die an der anderen Seite kratzen....
Sie stöß sich von der Tür ab, schüttelt die Hand des Jungens weg. Mit wackeligen Schritten stakst sie zum Telefonschränkchen, greift nach dem Hörer und wendet dem Nachbarsjungen demonstrativ den Rücken zu.
“ Warum ist die restliche Familie weggezogen?”
Der Junge lehnt jetzt an der Kellertür, er stopft die Hände in die Hosentaschen und zuckt mit den Schultern.
“ Weiß nicht. Naja...ICH würde nicht gerne in einem Haus wohnen, in dem einer verreckt ist, du etwa? Vielleicht spukt es ja da?”
Er grinst.
“ Oh, verzeih. Hab ich dir jetzt etwa Angst gemacht?”
Etwas zu schnell wirbelt Lemony herum und faucht ihn an:
“ Quatsch! Woher willst du denn bitte wissen, was die Frau gesagt hat? Und überhaupt! Das klingt einfach wie eine doofe Geschichte von einem noch dooferen Jungen, der nichts mit sich anzustellen weiß und deswegen seine Nachbarn belästigt!”
Lemony atmet tief ein, versucht Furcht in Wut zu verwandeln, und für den Moment gelingt es. Der Nachbarsjunge scheint etwas zurückzurudern.
“ Stimmt aber wirklich!”, beteuert er. “ Da kannste jeden hier im Dorf fragen!”
“Pah!”, schnaubt Lemony. “Das hab ich nicht nötig! Deine Lügengeschichten glaub ich sowieso nicht!”
Plötzlich wirkt der Junge gelangweilt. Er stößt sich von der Wand ab, die Hände immer noch tief in den Taschen vergraben.
“ Wie du meinst”. Er zuckt gleichgültig mit den Schultern.
“ Wollen wir dann Fußball spielen?”
“Also, die Schlüssel hab ich, Geld auch...Sylvia, ich glaub ich wär`so weit!”
Lemonys Vater steht im Flur und tastet seine Manteltaschen ab, sodass Münzen und Schlüssel klirren und klimpern. Edel sieht er aus, mit glänzenden Schnürschuhen, feinem Smoking und vor Gel schimmernden Haaren. Heute Abend wird er das erste Mal in der neuen Stadt aus gehen; er und seine Frau sind zu einem Geschäftsessen mit seinem neuen Firmenchef geladen und werden es sich bei Lammkotelett und Rotwein gut gehen lassen. Allerdings nur, wenn sie es noch rechtzeitig schaffen; Lemonys Mutter steht immer noch vor dem Spiegel und
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