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Kategorien > Grusel > Gänshaut

20 Stufen

von Glory Halleluja

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aber sie weiß, dass sie ihrem Vater vertrauen kann. Sie lässt den Hörer liegen und läuft schleichend in die Küche. Sie weiß nicht einmal, warum sie so leise läuft, wo es doch, abgesehen vom sanften Regentrommeln, sowieso mucksmäuschenstill ist. Vielleicht will sie nicht gehört werden? Von was will sie nicht gehört werden?
Trotzdem klingen ihre Schritte auf dem knarzigen Boden unangenehm laut, als Lemony durch die Küche läuft. Sie kramt in den Schubladen, stellt sich auf Zehenspitzen und tastet den Schrank ab. Da! Ihre Finger umschließen etwas Längliches, Festes. Triumphierend schließt sie die Faust um die Kerze und zieht ein Feuerzeug aus der Schublade. Zittrig versucht sie, das Feuerzeug zu entflammen; es knipst und schnipst und ein Funke springt über.
“ Endlich!”
Lemony atmet erleichtert aus. Ein heller Lichtschein legt sich über das Zimmer und die dämonischen Finger der Finsternis müssen sich wohl oder übel zurückziehen. Sie streckt die Kerze von sich wie ein Schwert und läuft zurück zum Telefon.
“In Ordnung, Papa, ich hab die Kerze, was jetzt?”
Ihr Vater klingt ebenfalls erleichtert.
“ Mutiges Mädchen. Jetzt musst du nur noch in den Keller zum Sicherungskasten und den großen roten Schalter umlegen. Mehr ist es gar nicht.”
In. Den. Keller. Diese Worte lösen bei Lemony eine ekelhaften Gänsehautschauer aus.
“ Muss ich das?”, flüstert sie entsetzt.” Ich kann nicht! Dort unten ist es doch noch dunkeler!”
“ Komm, das ist doch keine große Sache!”, erwidert ihr Vater streng. “Du hast schon die Kerze holen können, das schaffst du doch mit links!” Als Lemony nicht antwortet, redet er sanfter auf sie ein: “ Das packst du, Schatz. Es sind genau 20 Stufen nach unten, die kannst du ja mitzählen.”
Ein tiefer Widerwillen brodelt in Lemonys Magen, sagt ihr: tu das nicht!, hält ihr die grausige Geschichte des Nachbarjungen vor Augen; aber der Löwenmut über ihrem Herzen beißt ihn hinfort. Lemony umklammert mit einer Hand die Kerze, mit der anderen öffnet sie die Tür. Das schreckliche Quietschen hallte in Lemonys Ohren.
“ Sehr schön.” Wie aus der Ferne hörte sie die Stimme ihres Vaters, obwohl sie das Telefon einfach nur auf das Schränkchen gelegt und auf Lautsprecher gestellt hat.” Und jetzt los!”
Lemony zögert nicht, kneift die Augen zusammen und tritt auf die oberste Stufe, der erste Schritt in die gähnende Dunkelheit.
“Eins.”
Die flackernde Kerzenflamme vermag kaum die Schwärze zu Lisas Füßen zu vertreiben. Die ersten Schatten zwicken in ihre Zehen.
“ Zwei.”
“ Drei. Vier.”
Schritt, Schritt.
Langsam taucht Lemony in die Finsternis des Kellers ein, die sich sofort wie ein Mantel um sie legt. Schon verdrängt ein Kältehauch die Wärme der Kerzenflamme und ihr gefriert das Blut in den Adern.
“Fünf.”
Schritt.
“Sechs.”
Schritt.
“ Sehr gut, Lemony. Das erste Stück hast du schon geschafft! Nur weiter so!” Ihr Vater feuert sie an, so, als würde sie an einem Sportwettkampf teilnehmen. Schneller, Lemony! Höher! Weiter!
“Sieben.”
Schritt.
“Acht.”
Schritt.
“Neun.”
Schritt.
Ein leicht modriger Geruch steigt Lemony in die Nase. Er erinnert sie an ein Burgverlies, das sie vor Jahren mit ihren Eltern besuchte.
“Zehn.”
Schritt.
“Elf.”
Schritt.
“Zwölf.”
Schritt.
“ Schau, jetzt bist du schon über die Hälfte der Treppe hinaus. Das machst du sehr schön.” Die Stimme ihres Vaters dringt aus großer Entfernung zu Lemony, ganz so, als ob die massiven Wände des Kellers sie verschluckten, bevor sie ihre Ohren erreichen.
“ Dreizehn.”
Schritt.
“Vierzehn.”
Schritt.
“ Fünfzehn.”
Schritt.
Lemonys Augen sind immer noch geschlossen, ihr Atem sowie Herzschlag beschleunigen. Die feuchte Luft legt sich um ihre Waden, als ob Hände nach ihr greifen würden.
“Sechzehn.”
Schritt.
“Siebzehn.”
Schritt.
“ Achtzehn.”



“ Tapferes Mädchen. Nur noch zwei Schritte!” Lemonys Vater sinkt erleichtert in seinem Stuhl zurück. Fast hätte er schon Angst um sein Mädchen gekriegt. Aber jetzt hatten sie ja alles unter Kontrolle. Er und seine Frau würden eben ein wenig früher aufbrechen und zuhause gleich die Kinder beruhigen. Würden sie eben das Tiramisu zum Dessert verpassen, na und?
“Neunzehn.”
Schritt.
“ Zwanzig.”
Schritt.
Lemonys Vater atmet aus.
“ Bravo, Schatz, du hast es geschafft! So, jetzt streck deine Hand aus, dann kannst du den Kasten berühren. Den Schalter ganz rechts drückst du nach oben und schon ist das Licht wieder an.”
“ Einundzwanzig.”
Schritt.
Der Vater runzelt die Stirn.
“ Ähh, Lemony?”
“Zweiundzwanzig.”
Schritt.
Der Vater presst das Handy an das andere Ohr.
“ Schatz? Was machst du?”
“ Dreiundzwanzig.”
Schritt.
“Du...du müsstest jetzt unten sein!”
“Vierundzwanzig.”
Schritt.
“Lemony, halt! Wohin gehst du? Das geht doch nicht...Bleib stehen!”
“Fünfundzwanzig.”
Schritt.
“ Lemony.”
“Sechsundzwanzig.”
Schritt.
“Lemony!”
“Siebenundzwanzig.”
Schritt.
“LEMONY!”
“Achtundzwanzig.”
Mit einem lauten Scheppern kracht das Handy zu Boden und zersplittert zu 1000 Teilen.
“Achtundzwanzig.
Neunundzwanzig.
Dreißig.
Einunddreißig.
Zweiunddreißig.
Dreiunddreißig.”
...




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