AUF DER RÜCKSEITE EINES SPIEGELS
von
Lex Divina
1
AUF DER RÜCKSEITE EINES SPIEGELS
Das „hoffende Ich“ ist ein existentielles Paradoxon
Beim Umdrehen eines Spiegels hofft man inständig, ein anderes Bild von sich selber zu erblicken. Nicht ein besseres Bild. Auch kein schlechteres. Nur ein anderes! Denn es geht dabei um keine qualitative Gradation der Wahrnehmung, sondern um die quantitative Umstrukturierung der eigenen Erwartung. Dabei entdeckt man, dass eigentlich kein Spiegel auf seiner Rückseite reflektierfähig ist, so dass man erfahren muss, dass auf der Rückseite eines Spiegels gar nichts existiert, nicht einmal die zur Verwechslung neigende Projektion des Originals. Auf der Rückseite eines Spiegels findet nicht einmal die Fälschung ihre Beständigkeit und das Original muss, verblüfft und erschrocken zugleich, feststellen, dass zwischen der Qualität der Wahrnehmung und der Quantität der Erwartung nur eine einzige Verbindung besteht: die der paradoxen Erfahrung, dass das hoffende Ich sich ontologisch auflöst, wenn es hofft, zu erwarten, was es wahrnimmt.
Und das Ich steht unter einer Straßenlaterne. Und das Licht wirft den Schatten des Ichs gnadenlos gegen den Asphalt, wo er seine Dreidimensionalität zwar verliert, doch an Zeitlosigkeit gewinnt. Die Schatten der Nacht können ihn zwar in sich aufsaugen, das Licht der Straßenlaterne kann ihn ohne weiteres von der Straße wegwischen, doch er bleibt unverwundbar, er bleibt unverändert, er bleibt beständig, er bleibt unsterblich, weil er sterblich in der Zeitlosigkeit seines Nicht-Empfinden-Könnens ist.
Und deshalb ist das hoffende Ich stets einsam. Denn es wird im Glauben gelassen, lebendig durch das eigene Empfinden zu sein. Deshalb ist das Ich stets dreidimensional, damit ihm das Privileg der Zeit als vierten und einzigen, lebenseinfließenden Dimension verweigert bleibt. Deshalb hofft das Ich ununterbrochen. Und es hofft. Und hofft. Auf nichts Schlechteres. Auch auf nichts Besseres. Sondern bloß auf etwas Anderes. Und es ist etwas Anderes! Nichts! Die Rückseite eines Spiegels. Wo das Ich das Paradoxe, das Leben mit Lebendig-Sein verwechselt. Alles andere befindet sich außerhalb dieses Lebens. Alles andere sind Schatten! Und die Schatten sind nicht lebendig! Sie leben! Und bloß da – Und nur da! – entfalten sich Liebe und Freundschaft.
1
Kommentare
M.S. schrieb am 2008-04-30 15:44:03:
Augezeichnet!
LG
Nacht schrieb am 2007-12-29 07:18:24:
Hi
Sehr gut getroffen. Interessant beschrieben, ein bißchen unheimlich. Aber gefällt mir sehr gut.
LG Nacht
Kommentar hinzufügen