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Kategorien > Kurzgeschichte > Trauriges

Abgefahren

von elinora

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Für Sarah,
die mich mit der Poesie versorgt,
die ich zum Schreiben brauche.



Abgefahren

Nun stehe ich hier am Bahnsteig und starre ihm hinterher. Ich starre ihm hinterher, dem Zug, von dem ich jetzt nur noch die Rücklichter sehe. Und wieder ist einer abgefahren, ohne mich.
Ich setze mich auf die Absperrung. Ein Luftzug will mich ärgern, indem er mir eine meiner Locken zitternd ins Gesicht bläst. Doch er kann mich damit nicht ärgern. Es macht mich nur traurig, denn ich weiß, dass niemand mehr kommen wird, um sie mir aus dem Gesicht zu streichen. Dass er nicht kommen wird.
Er wird nicht kommen, mich küssen und mich fragen, ob ich bereit bin und an alles gedacht habe. Er wird nicht meine Hand halten, bis der Zug einrollt und dann mit mir zusammen einsteigen. Und wir werden nie ankommen. All das wird nicht sein. Nie mehr.

„Lass uns abhauen,“ hatte er gesagt und mich dabei ernst angesehen. „Lass uns um die Welt reisen und wo es am schönsten ist, da bleiben wir.“
– „Du bist verrückt!“ hatte ich kopfschüttelnd geantwortet und mich weiter auf meine Lasagne konzentriert. „Das stimmt nicht,“ hatte er sich verteidigt. „Aber wenn wir nicht bald hier abhauen, dann werde ich es noch. Keine Frage.“ Ich ging nicht weiter auf ihn ein, denn ich wollte keinen Streit. Der Druck, der seit den letzten Tagen auf ihm lastete, hatte ihn angriffslustig und ebenso schnell verwundbar gemacht. Ich stempelte diesen Vorschlag als eine aus seinem Stress und der Angst, verfolgt zu werden, entsprungene Laune ab. Sie würde schon vorbeigehen.
Eine Weile lang schwiegen wir. Dann schien er es nicht mehr auszuhalten. „Wo wolltest du schon immer mal hin?“ Ich blickte von meiner Lasagne auf und lächelte ihn an. „Was soll das?“ Ich hatte extra den ’Komm doch endlich wieder zur Vernunft’ – Blick aufgesetzt, doch an seinem ernsten Ausdruck konnte ich damit nicht rütteln. „Du sollst mir einfach antworten,“ sagte er. „Wo wolltest du schon immer einmal hin?“
– „Nach Salerno,“ hatte ich seufzend geantwortet und eine Augenbraue hochgezogen. Ich wünschte mir zwar schon seit langem, nach Salerno zu fahren, doch bis jetzt war es immer nur ein Traum, dessen Erfüllung ich nie in Erwägung gezogen hatte. Auch jetzt hatte ich es nur gesagt, um ihn nicht weiter zu reizen. Gespannt auf seine Reaktion musterte ich ihn. „Salerno?“ fragte er, als wolle er sichergehen, dass er sich nicht verhört hatte. „Ja, Salerno.“ Gleich würde er lachend den Kopf schütteln und mich fragen, ob ich deshalb immer italienisch kochte. Er überlegte kurz. Dann sagte er zu meiner Überraschung: „Salerno ist gut. Ich mag Süditalien.“ Ich konnte nicht anders. Ich musste ihn anstarren, als wäre ich drei Jahre alt und er mein Vater, der mir gerade erzählt hatte, dass wir den Weihnachtsmann am Nordpol besuchen würden.
„Salerno ist gut.“ wiederholte er. „Nächste Woche können wir losfahren.“ Er sah mir tief in die Augen und strich mir eine meiner Locke hinters Ohr, die mir vor lauter Freude ins Gesicht gehüpft war. Ich konnte sehen, dass er glücklich war. Doch er konnte sich nicht so freuen, wie ich, denn da war noch etwas anderes. Ein Schatten hatte sich über sein Gesicht gelegt. Es war der Schatten vollster Konzentration, die er von nun an benötigen würde, wenn diese Flucht gelingen sollte. Ich konnte spüren, dass er Angst hatte. Angst und Sehnsucht danach, endlich wieder frei zu sein. Frei von den Fesseln, die er sich selbst auferlegt hatte. Ich umarmte ihn. „Wir gehen nach Salerno, wo dich niemand kennt.“ hauchte ich ihm beruhigend ins Ohr.
Innerhalb der kommenden Tage organisierte er unsere Reise. Nachdem wir mit dem Zug in Berlin angekommen waren, würden wir einen Flug nach Rom nehmen und von dort aus mit dem Zug nach Salerno gelangen. Gefälschte Papiere standen uns bereits zur Verfügung.
Ich spürte, wie die Spannung an ihm nagte und seine Stimmung immer wechselhafter wurde. In der vorletzten Nacht vor unserer Reise kam er spät nach Hause. Der Schweiß rann ihm von der Stirn und er war völlig außer Atem. Auf meine Frage, was passiert sei, antwortete er nur knapp und im ungehaltenen Ton, dass die Sache anfangen würde, Leben zu kosten. Ich verstand sofort, worum es ging und hoffte nur, dass er nicht gezwungen gewesen war, noch jemanden aus dem Weg zu räumen. Es wurde immer offensichtlicher, dass unsere Flucht von Nöten war. Ich konnte nicht ertragen, dass er nur noch ein gejagter Jäger zu sein schien und es fiel mir immer schwerer, nicht an dem Gedanken zu verzweifeln, dass er vielleicht eines Tages nicht mehr nach Hause kommen würde. Ich wollte endlich ein ruhiges Legen mit ihm zusammen führen. An einem Ort, an dem er auf die Straße gehen konnte, ohne jeden Moment damit rechnen zu müssen, verhaftet zu werden. Uns eine neue Identität zuzulegen und ein neues Leben zu beginnen, war unsere einzige Chance.
Am letzten Abend vor der Abfahrt packte ich meine Sachen. Alle fünf Minuten schaute ich wie gebannt auf die Uhr. Erbarmungslos tickte sie vor sich hin, ohne dass er endlich ankam. Er hätte schon vor einer Stunde da sein müssen. Doch er würde noch kommen. Das wusste ich. Er war bis jetzt immer zurückgekommen.
Die Uhr tickte. Es war bereits 23.30 Uhr. Doch er würde noch kommen. Schon in fünf Stunden würde unser Zug fahren. Er hatte nicht mehr viel Zeit, doch er würde noch kommen.
Ich hatte fertig gepackt, war müde und bereit zur Abfahrt. Er war noch nicht da, doch ich wusste, er würde gleich kommen. Ich entschloss mich, ein wenig zu schlafen. Beruhigt von dem Gedanken, dass er bald da sein würde, um ganz leise seine Sachen zu packen und sich dann zu mir zu legen, schlief ich ein.
Als ich aufwachte, war es bereits zehn vor halb vier. Er war immer noch nicht da, doch ich befahl mir, Ruhe zu bewahren. Wahrscheinlich hatte er noch zu tun und kam gleich zum Bahnhof. Vielleicht wollte er seine Sachen nicht mitnehmen. Er wollte alles hinter sich lassen. Das wusste ich.
Ich stand auf und kämmte mir die Haare. Ich wollte zum Bahnhof. Zu ihm. So schnell, wie möglich.
Beladen mit meinem Koffer verließ ich die Wohnung ohne mich noch einmal umzudrehen. Dieses Leben hier interessierte mich jetzt nicht mehr. Ich wollte in mein neues Leben, mit ihm. Nie mehr auf der Flucht. Ein schöner Gedanke. Erfüllt von einem Gefühl der Gelassenheit, das ich mir aufgezwungen hatte, trat ich auf die dunkle Straße und zerrte meinen Koffer zum Auto. Dort angekommen, hievte ich ihn in den Kofferraum. Bevor ich einstieg, ließ ich meinen Blick noch einmal über die mir allzu bekannte, düstere Straße schweifen. Vielleicht würde er ja doch noch auftauchen. Aber nirgends eine Spur von ihm. Bestimmt wartete er am Bahnhof auf mich.
Es war nicht ich, die den Wagen über die nächtlich stillen Straßen lenkte, sondern mein neues Schicksal, das mich zu sich rief. Mein neues Leben. Unser gemeinsames Leben.
Eine Radioreporterin holte mich mit rauer Stimme wieder ins Bewusstsein zurück. Unerbittlich und ohne

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