Adoptierst du mich?
von
Ariane Rathsmann
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Es ist ein warmer Herbstnachmittag. Charlotte ist in den Park gelaufen, wie so oft. Sie beobachtet die verschiedenen Menschen aus der Distanz. Bei einer jungen Frau bleiben ihre Augen hängen. Diese gefällt ihr, sie hat ein dickes Buch vor sich und einen Textmarker in der Hand. Auf einem Heft neben ihr, sieht sie groß den Äskulapstab mit der Schlange. Plötzlich schaut die junge Frau auf und entdeckt das Kind. „Was starrst du mich so an! Verschwinde!“ Charlotte weicht ein Stück zurück „Bist du Doktorin?“ Fragt sie leise. „Ich bin Medizinstudentin! Kannst du mich jetzt bitte alleine lassen!“ Da geht Charlotte. Doch sie beobachtet die Studentin weiter aus der sicheren Entfernung. Als diese aufsteht und geht, folgt das Kind ihr.
Judith Simon sucht ihren Schlüssel raus, als sie zufällig zur Seite blickt und das kleine Mädchen vom Nachmittag hinter einem Auto verschwinden sieht. Wütend geht sie in die Richtung und sieht sie zwischen zwei Autos hocken. „Was soll das?“ Charlotte steht auf und weicht zurück und steht plötzlich ohne es zu merken richtig auf der Straße. Die Studentin sieht die Autos von einer Ampel wieder losfahren. „Bist du verrückt, runter da!“ Ruft sie und zieht das Mädchen am Arm von der Straße weg. „Warum zum Teufel bist du mir nachgelaufen?“ Charlotte zuckt mit den Schultern. „Wie heißt du?“ „Charlotte.“ „Ich würde meinen du gehst jetzt mal ganz schnell zu dir nach Hause!“ Sie nickt leicht. „Gut dann hau ab und ich geh jetzt da rein! Alleine!“ Damit geht die Studentin wieder zu ihrem Wohnhaus, schließt auf und geht hoch zu ihrer Wohnung. Gegen 16.00Uhr beginnt das Wetter umzuschlagen. Plötzlich zieht sich der Himmel zu und draußen regnet es in Strömen. Judith sitzt inzwischen an ihrem PC und wirft ab und zu einen Blick nach draußen als sie auf der anderen Seite des großen Zimmers Blumen gießt schaut sie runter zur Straße und bekommt fast einen zu viel. Auf dem Bordstein etwa fünf Meter vom Wohnhaus entfernt sitzt das kleine Mädchen. Ohne Jacke oder gar Kapuze. Judith zögert, doch das Mädchen macht nicht die geringsten Anstalten aufzustehen, also schnappt sie sich Jacke und Schlüssel und geht nach draußen. „Verdammt was machst du hier! Warum gehst du nicht heim?“ Ruft sie. Charlotte steht auf und dreht sich zu ihr. „Ich weis nicht wie ich Heim komme.“ Judith verdreht die Augen. „Wie alt bist du?“ „Vier.“ „Und wo wohnst du?“ „Karl-Marx-Alle 6.“ Die Studentin stöhnt leicht, das ein vierjähriges Kind nicht allein dahin zurückfindet ist ihr klar. Sie schiebt das Mädchen zu ihrem Auto, was vor ihrem Haus steht. „Steig ein und schnall dich an!“ Bevor Judith los fährt, reicht sie Charlotte noch eine Decke aus dem Kofferraum.
Eine Viertelstunde später klingelt Judith an dem Haus, während Charlotte ängstlich neben ihr steht.
Bald darauf öffnet ihr Vater. „Was gibt es? … Da bist du ja kleine Kröte wo hast du dich schon wieder rum getrieben?“ „Sie ist mir seit dem Park nachgelaufen, ich möchte hoffen das das nicht wieder vorkommt.“ „Was? Das tut mir natürlich sehr Leid, entschuldigen sie vielmals, sie wird schon bestraft werden. Charlotte, rein jetzt!“ Der letzte Satz ist gebrüllt. „Danke für das heimbringen."
Sobald die Studentin weg ist, schnappt der Vater Charlotte und prügelt auf sie ein, bis die Kleine sich nur noch wimmernd auf dem Boden krümmt.
Judith versucht so schnell wie möglich das kleine Mädchen aus ihren Gedanken zu streichen. Deren Vater war ihr überhaupt nicht sympathisch.
Es ist zwei Tage später, als Judith wieder durch den Park geht. Allerdings ist an dem Samstag windiges, nass-kaltes Wetter. Sie möchte eigentlich schnellstmöglich nach Hause, als sie auf einer Bank das kleine Mädchen sitzen sieht. Nur zufällig hat sie einen Blick hingeworfen, einen zweiten um Charlotte zu erkennen. Das Kind sitzt in sich gekehrt da und schaut auf den Boden. An den Füßen hat sie Sandalen und allgemein ist sie viel zu dünn gekleidet für das Wetter. Judith die nie etwas für Kinder übrig hatte überlegt ob sie einfach weitergehen soll, doch irgendwas hindert sie daran. „Charlotte?“ Das Mädchen blickt erschrocken auf. Ihre Lippe ist geschwollen, das rechte Auge blutunterlaufen und an der Stirn hat sie ein großes Pflaster. „Was hast du denn angestellt?“ „Bin die Treppe runter gefallen.“ „Was machst du hier draußen?“ Sie zuckt mit den Schultern. „Warum bist du mir neulich nachgelaufen?“ „Weil …“ Charlotte antwortet nicht. „Weil?“ „Weil du mir gefallen hast.“ „Warum gehst du immer alleine in den Park?“ „Weil ich nicht zu Hause sein mag.“ „Aber zu Hause ist es doch viel wärmer.“ „Aber da drin nicht.“ Sagt Charlotte und deutet auf ihr Herz. Judith schaut sie verwirrt an. „Atodierst du mich?“ „Was?“ „Ob du mich … atodierst?“ „Meinst du adoptieren? Nein, nein, nein wie kommst du denn darauf. Du hast doch deine Mama und deinen Papa. Die Missverständnisse lassen sich sicher aus der Welt schaffen Kleines. Ich bin dafür ganz sicher nicht die richtige. Ich muss jetzt auch nach Hause.“ Charlotte nickt traurig. „Okay, tschüß und nicht wieder nachlaufen.“ Sagt die Studentin, mit der Wendung des Gesprächs ist sie gar nicht klar gekommen. Auf dem Weg dreht sich Judith immer wieder um, aber Charlotte ist auf ihrer Bank sitzen geblieben.
Erst am Abend als es dunkel wird geht Charlotte wieder nach Hause, sie weis bereits wie man mit einem Schlüssel umgeht. Ihre Eltern hängen im Wohnzimmer rum. Alkohol, die üblichen Spritzen, Charlotte ist das schon gewöhnt
„Lottchen komm du machst jetzt einen Ausflug ins Paradies.“ Sagt ihre Mutter an einem Tag als sie von ihrer Arbeit kommt und das Kind auf der Treppe sitzt. Sie macht im Bad eine Spritze fertig, mit einem kleinen Anteil von dem was sie sich selbst immer spritzt. Charlotte schaut zu wie sie das weiße Pulver auf einem Löffel über dem Feuerzeug schmilzt und dann in die Spritze zieht. Tapfer hart sie aus, als ihre Mutter ihr die Injektion verabreicht. Wenig später fühlt sich Charlotte anders, sie läuft quer durch die Wohnung, dann öffnet sie die Tür und ist plötzlich auf der Straße. Die Beine tragen sie in den Park. Sie blickt nach oben, der Himmel wirkt so fröhlich. Sie streckt die Arme aus im weiterlaufen.
Judith war im Gottesdienst wie jeden Sonntag, die Predigt hat sie wütend gemacht. Was der Pfarrer da über Nächstenliebe und Verantwortung gesagt hat. Schließlich wird sie Ärztin, ist das nicht genug Nächstenliebe? Und gerade in dieser schlechten Laune, entdeckt sie auch noch das Kind.
Charlotte läuft rüber auf eine große Wiese, immer noch mit ausgestreckten Armen.
Charlotte sie rennt weiter, dann stolpert sie fällt hin und steht wieder auf. Der Blick des Kindes geht nach oben. „Die schönen Wolken!“ Ruft sie. Extrem genervt blickt Judith zu ihr rüber, als das Mädchen immer wieder ihre Schreie ausstößt. Von Ungeduld gepackt läuft die Studentin auf sie zu. „Charlotte sei still!“ Ruft sie aber das Mädchen hört reagiert gar nicht. Judith beeilt sich und läuft bis sie bei ihr ist und Charlotte an den Schultern packen kann.
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Kommentare
Mondspiegelung@gmx.de schrieb am 2012-01-10 09:35:45:
Nachdem ich die Geschichte mit der Kleinen Tony gelesen habe, und mir selbst da schon die tränen in den Augen standen, dachte ich nicht daran, dass sich das wiederholen würde.
meinen aller größten Respekt an die Autorin, so Gefühlvoll zu schreiben, und den Leser mit in denn Bann zu ziehen, meinen Glückwunsch.
So etwas gehört definitiv an die Öffentlichkeit.
Ich hatte eine Gänsehaut pur.
anele schrieb am 2009-06-16 16:38:55:
Die Geschichte ist so gut gecshrieben ich kann nichts sagegen WEITER SO!!!!!!!
Natchen schrieb am 2008-08-29 21:29:29:
Ich weiß nicht, was ich dazu sagen kan... die Geschichte ist genial. Und zum Gleück weiß ich, dass es "nur" eine Geschichte ist. Aber sie spiegelt die Realität wieder, was die Geschichte noch besser macht. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, um soch Leid zu sehen. Gut gescgrieben!
zOe schrieb am 2007-09-21 16:46:00:
oh mann du bringst mich echt zum weinen... und das allerschlimmste ist, dass diese geschichte wahrscheinlich gar nicht so weit hergeholt ist... einfach erschreckend! aber wunderbar geschrieben! kompliment!
Andre Dörrier schrieb am 2007-06-15 23:19:12:
Eine bewegene Geschichte die unter die Haut geht,und wieder mal großartig geschrieben. Man du hast echt talent,i want more :-)
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