After Live
von
Bltzableiter
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Dass der Tod Erlösung und Vergessen bedeutet, ist eine dreiste Lüge. Die Welt verändert sich nur geringfügig, man hat das Gefühl, Gewicht zu verlieren und die Wahrnehmung spielt verrückt, doch das ist schon alles.
Das war das erste, was Jack einfiel, als er sich, ohne irgendein Gefühl, von seinem Körper löste und auf diesen herabsah. Zunächst dachte er, die Welt der Toten sei voll Wasser, da alles waberte und verschwommen wirkte. Doch er verwarf diesen Gedanken, als er feststellte, dass er sich frei bewegen konnte. Zweifel über seinen Tod keimten auf: Noch immer atmete er und unterlag den Gesetzen der Schwerkraft, die seinen Körper, beziehungsweise das, was er allmählich davon fühlen und sehen konnte, kontrollierte. Nach ein paar Augenblicken konnte er mit einer Hand seinen Arm berühren, und dieses Gefühl unterschied sich nicht im Geringsten zum vorherigen Körper. Anscheinend war er ein Klon seiner selbst, angepasst an die neue Welt.
Schließlich sah er wieder auf seine Leiche auf dem Boden. Sie lag auf dem Bauch und hielt sich selben mit den Händen, während die Augen ins Leere starrten.
Schade um die Lederjacke, dachte Jack, hundertfünfzig Dollar für die Katz. Doch im nächsten Moment machte er sich klar, dass Geld in dieser Welt noch weniger Wert war als das Papier, aus dem es gemacht wurde. Unbedeutende, grüne Scheine mit Bildern längst vergangener Persönlichkeiten, die sich auch irgendwo hier aufhalten mussten. Jack musste grinsen: Geldscheine konnte man bestimmt als Fahndungsplakate benutzen.
Sein Blick ging wieder zur Leiche und schließlich weiter nach links, zu seinem Mörder. Von dem Jungen, er mochte kaum älter als zwanzig sein, war nichts mehr übrig außer einem immer stärker verblassendem Standbild; ein Bild, welches sich in die Netzhaut der Totenwelt gebrannt hatte und nun langsam verschwand, schließlich würde auch dieser Herr irgendwann eine Freikarte für diese Pseudounterwasserwelt erhalten, und dann würde man ihn noch oft genug sehen.
Das Bild, was man sah, zeigte einen jungen Mann. In seiner einen Hand hielt er einen Revolver, aus dessen Lauf noch Rauch austrat. In der anderen Hand hielt er Jacks Lederjacke. Seine Augen starrten auf Jacks Leiche und drückten Entsetzen aus. Wahrscheinlich wurde ihm jetzt erst bewusst, was er getan hatte.
Jack war ihm nicht böse. Vor fünf Minuten, als er noch lebendig war, ja, da war er sauer gewesen. Er hatte es gehasst, wenn ein Rowdy meinte ihn ausrauben zu müssen, und er hatte ihm gedroht die Zähne auszuschlagen, wenn er nicht abhaute. Doch der Junge wollte anscheinend die Lederjacke um jeden Preis haben, und so hatte er einen Revolver gezogen und ...
Ach, was soll's, dachte Jack. Lederjacken haben hier unten noch weniger Wert als Geld, lästige Tierhaut, die sie in Wirklichkeit ist.
Die Altstadt war nun noch farbloser als vorher, die Nacht und die Dunkelheit noch stärker, und die Stille noch beängstigender. Er hoffte, dass es hier auch eine Sonne gab, um die sich diese Welt drehte. Oder auch zwei, dann wäre es hier in England schön warm. Nach Hause, in die Staaten, würde er wohl nicht mehr kommen. Außer es gab Boote. Aber hatte das Wort Heimat überhaupt noch eine Bedeutung? Hatte hier überhaupt noch etwas eine Bedeutung?
Der Junge war nun fast gänzlich verschwunden. Sein Körper war nur noch mit großer Mühe zu erkennen, die Augen jedoch ... die Augen und vor allem die Iris waren noch klar zu erkennen: zwei kleine schwebende Punkte.
Seine Leiche fing nun ebenfalls an zu verschwinden. Jack spürte etwas wie Trauer, denn seine ehemalige Hülle war der letzte Rest seines früheren Lebens. Er hätte gerne die Lederjacke mitgenommen, aber dafür war es zu spät. Sein alter Körper war nur ein kurzer Besucher, wenn nicht sogar nur ein Taxi, um etwas in diese Welt zu liefern und um anschließend wieder zu verschwinden. Sollten sich die Lebenden um den Rest kümmern.
Hinter der Stelle, an welcher der Junge stand, befand sich ein großer Torbogen, der weiter in die Altstadt führte. Alternativ könnte ich mir auch mal die Einkaufsmeile anschauen, dachte er sich und gab der aufflammenden Neugier nach. Er wollte sehen, was hier gleich und was ungleich der anderen Welt war, er wollte es sehen und anfassen, es berühren.
Der Torbogen schimmerte und machte den Anschein, als ob er sich bewegte wie eine Alge im Meer. Allerdings viel langsamer und interessanter. Ein kleiner Lichtstrahl fiel auf den Bogen. Jack hob den Kopf und sah, dass die Dunkelheit nun doch von Licht durchdrungen wurde: Die pechschwarzen Wolken rissen auf und ließen nach und nach das Mondlicht durch.
Endlich, als alle Wolken verschwunden waren, konnte man den Mond in seiner ganzen Pracht sehen: Viel größer und gewaltiger als in der anderen Welt. Er nahm fast den gesamten Himmel ein. Wäre der Mond auch in der anderen Welt so nah, dann wäre er dank ihrer Anziehungskraft mit der Erde kollidiert.
Jack, vom neuen Licht bestärkt, machte sich auf um die Welt zu erkunden. Eigentlich, dachte er sich, müsste es hier von Menschen nur so wimmeln, schließlich sterben täglich über Tausende und das seit mehr als zwanzigtausend Jahren!
Und was war eigentlich mit Gott?
Na ja, dachte er sich, der taucht vielleicht noch irgendwo auf. Eigentlich hätte er, seinem alten Religionslehrer zufolge, sowieso in der feurigen Hölle oder im sonnigen Himmel landen müssen. Oben oder unten.
Dies war keins von beiden, es war die Mitte. Er war weder ab- noch aufgestiegen.
Aber was nicht ist kann ja noch werden, dachte er sich und marschierte weiter.
Die Häuser wirkten wie alte Schwarz-Weiß-Fotos und Jack wunderte sich, warum sie nicht verschwanden wie die Menschen.
Schließlich erreichte er einen gewaltigen Marktplatz, den Jack kleiner in Erinnerung hatte. Klein und gemütlich war er in der anderen Welt, hier war er groß und beängstigend.
In der Mitte befand sich ein riesiger Springbrunnen. Drei Engel hatten sich zur Mitte gewandt und ihre Trompeten erhoben, aus deren Öffnungen sich milchiges Wasser ergoss. Doch das Wasser bewegte sich nicht, es blieb erstarrt in der Luft hängen, als wolle es den Gesetzen der Physik spotten. Obwohl unbeweglich, hatte es nichts von seiner flüssigen Konsistenz eingebüßt, wie Jack feststellte, als er einen der unbeweglichen Schläuche mit dem Finger berührte.
Die Cafés, die überall am Rande des Platzes lagen, wirkten verlassen und ihre schwarzen Scheiben ließen keinen Blick in ihr Inneres zu. Dennoch konnte Jack sich nicht des Gefühls wehren, beobachtet zu werden.
Die Stille und die Größe des Platzes verursachten bei Jack eine Gänsehaut; sein Herz klopfte wie wild.
Als er Letzteres spürte, zuckte er vor Schreck zusammen und sagte laut: „Verfluchter Tod! Wie oft haben ich und andere über dich Vermutungen und Spekulationen angestellt! Wozu braucht ein Toter Luft, er atmet ja nicht mehr! Wozu schlägt sein Herz, wenn er doch TOT ist? Oh, was kommt als nächstes? Der Hunger? Der Schmerz? Was passiert, wenn ich angegriffen werde? Sterbe ich wieder? Wohin
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Kommentare
André schrieb am 2009-06-14 17:00:28:
Also eigentlich war's das. Bist aber nicht die erste, die nach einer Fortsetzung fragt ^^
Ich überlege es mir, aber ich glaube, es wird keine geben. Fortsetzungen kommen nur in den seltensten Fällen an den ersten Teil ran xD
Veronica Wallner schrieb am 2009-06-05 14:33:31:
wo echt spannend....
wird's ne fortsetzung geben, oder war's das?
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