Allein in der Zeit der Nächstenliebe ... ?!
von
Krümelmonsterchen
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Es war spät Abends. Ja fast Nacht. Man hätte wahrscheinlich die Hand vor Augen nicht mehr gesehen, wäre der Platz nicht hell erleuchtet gewesen. Soweit das Auge sah waren Stände. Hell erleuchtet mit bunten, blinkenden Lichtern. In Reihe standen die Hütten und ließen lediglich kleine Spalten, um die Passanten hindurchzulassen. Die Häuschen hielten aneinander fest, als hätten sie Angst, sich zu verlieren. Allerhand verschiedene Waren wurden feilschgeboten. Von Lampen über Schmuck bis hin zu Zuckerwatte und Bratkartoffeln. Weinachtliche Musik vibrierte in der Luft und von drüben schallte der Chor. Es lag ein Geruch von Zimt in der Luft. Dieser kam wohl von dem Gewürzstand keine zehn Meter entfernt. Auf dem sonst so ruhigen Platz herrschte heute buntes treiben. Es wurde gedrängt und man musste aufpassen, sich nicht gegenseitig umzulaufen. Von überall her hörte man Stimmen und das laute Gerufe der Händler, die ihre Waren anpriesen.
In Mitten all dieses Treibens ging eine Gestalt. Sie trug einen schwarzen Mantel, den sie bis zum Hals verschlossen hatte. Auf dem Kopf trug sie einen schwarzen Hut, welcher ihr Gesicht fast vollständig verdeckte. Ein schwarzer Schal vermummte zusätzlich ihr Gesicht. Unter dem Mantel trug sie eine blaue Jeans, die schon etwas abgetragen aussah. Und an den Füßen braune Wanderstiefel, wie es zu dieser Jahreszeit nur normal war. Die Hände in den Hosentaschen versenkt ging sie langsam und fast schon gebückt. Jonathan war der Name der unscheinbaren Gestalt. Überall um ihn herum waren glückliche Menschen. Davorn an dem Süßigkeiten-Stand standen ein Kind, sowie eine Frau und ein Mann. Es musste sich wohl um eine Familie handeln, dachte Jonathan.
Familie ... Vor noch nicht alzu langer Zeit hatte auch er eine Solche gehabt, ihre Nähe gespürt und eine Zuflucht gehabt. Nun ist dies anders. Als seine Mutter damals gestorben war, hat dies die Familie geteilt und er, Jonathan, hatte schlicht den Kontakt verloren. Mit seinem Vater hat er sich ohnehin nie verstanden. Im Grunde war es ihm nur Recht, so dachte er jedenfalls. Wie viele Freiheiten er nun hatte. Was er sich nun erlauben konnte. Und wie einsam er im Winter, am Ende des Jahres immer war ... Schnell verwarf Jonathan den Gedanken. Schließlich war er nur hierher gekommen, um sich abzulenken. Doch mit jeder Minute wurde das Gefühl stärker in ihm, dass er sich einfach am falschen Platz befand. Er war nicht gern unter Menschen. Er fühlte sich einfach nicht wohl. Auch den Ständen oder der Atmosphäre schenkte er nicht die mindeste Beachtung. Jonathan hob seinen Kopf um sich umzusehen und auf andere Gedanken zu kommen. Schön war es. Ginge es ihm nicht so verdammt mies, so hätte er bestimmt großen Gefallen daran gefunden. Wie hatte er sich nur früher immer auf diese Zeit gefreut. Wie schön war es gewesen zusammen mit seiner Familie über den Markt zu laufen. Hier was zu betrachten, dort was zu essen. Er hat das alles immer für so selbstverständlich genommen. Nun würde er dieses Gefühl nie mehr fühlen können. Jonathan wünschte sich, er hätte die Zeit damals mehr genoßen. Voll ausgelebt. Es gab nichts schlimmeres, als an Weihnachten allein zu sein ... Bewusst war ihm das schon lange gewesen, trotzdem erschreckte Jonathan sich über diese Erkenntnis.
Er schaute den Menschen, an denen er vorbeiging in die Augen. Sie strahlten alle so viel Glück aus ... Warum war nur er dazu gezwungen sein Leben allein zu bestreiten? Sah denn niemand, dass er an seiner Einsammkeit langsam zerbrach? Hilfe brauchte? Einfach nicht mehr konnte ... ? Sie schauten Jonathan in die Augen. Lächelten ihn an. Einige nickten ihm auch zu. Aber niemand war sich im klaren darüber, wie es in ihm drin aussah. Sie gingen an ihm vorbei und im nächsten Moment hatte man sich schon gegenseitig wieder vergessen. Wahrscheinlich hatten die Menschen einfach andere Gedanken im Kopf. Darüber, was sie ihren Lieben am heiligen Abend wohl schenken sollten, was sie an den Weinachtstagen essen würden, was sie unternehmen würden, wie sie ihre Zeit zusammen verbringen sollten ... Trauer überkam Jonathan bei diesem Gedanken. Wieso zum Teufel konnte er nicht einfach darüber hinwegsehen? Diesen Gedanken und die mit ihm zusammenhängenden Gefühle aus seinem Innern verbannen?
Weil das nicht so einfach war ... Weihnachten – Das Fest der Nächstenliebe ...
Und was war mit den Menschen, die keine Nächsten hatten, die sie lieben konnten und von denen sie geliebt wurden, an denen sie Halt fanden? Was war mit diesen Menschen? Mit Menschen, wie ihm? Jonathan wollte fort von diesem Ort, von diesen vielen Menschen. Einfach nur weg. Irgendwohin, wo er allein sein konnte.
Zum alten Parkhaus! Dort war nie jemand. Dort konnte er ganz allein mit sich sein. Mit seinen Gedanken. Also ging Jonathan in die Richtung, in welcher das Parkhaus lag. Seine Füße bewegten sich wie von allein. Gedanklich war Jonathan schon wieder ganz woanders. Er war zwar noch nie gläubig gewesen, aber er verstand nicht, was das für ein Gott sein konnte, der Menschen derartig leiden lässt. Der einigen Menschen in der Zeit der Nächstenliebe und Verbundenheit so allein lässt. Warum lässt er zu, dass Menschen innerlich sterben? Wozu noch leben, wenn man das Leben eigentlich Leid ist? Nicht mehr will, keine Lust mehr darauf hat täglich darum zu kämpfen nicht gänzlich zu verzweifeln. Tag für Tag dieselben Gefühle. Man möchte schreien, weinen, davonlaufen und doch kann man nicht. Man wird festgehalten auf diesem dunklen Weg und weiß in seinem tiefsten Innern, dass man der Leere nie mehr entfliehen kann ... Wozu dann überhaupt noch leben?!
Ein Schauer durchfuhr Jonathans Körper. Was war nur los mit ihm?
Inzwischen stand Jonathan vor der Tür zum Treppenhaus des Parkhauses. Die Hand auf die Tür gelegt. Verzweifelte er nun doch ... ?
Er öffnete die Tür und machte sich an den Aufstieg. 6 Stockwerke hatte das Parkhaus. Wozu bitte brauchte ein Parkhaus dermaßen viele Stockwerke? Als ob es genügend Autos in diesem Dorf gäbe, die ganzen Plätze zu belegen ... Im Endeffeckt war sowieso nur jeder 10. Platz belegt. Wenn überhaupt. Da hätten auch zwei Stockwerke ausgereicht ... oder eins. Die Autos, welche hier standen sahen richtig verlassen und einsam aus. Fast so, als gehörten sie garnicht hier her.
Jonathan erreichte endlich den 6. Stock und ärgerte sich über den nicht vorhandenen Fahrstuhl. Frisch war die Luft hier oben. Er trat an den Rand der Plattform und lehnte sich gegen das Geländer. Die Aussicht war beeindruckend. Die Nacht war glasklar und unter ihm leuchteten die Lichter. Wenn er ganz genau hinhörte so hörte er ganz leise die Musik zu ihm hinüberschallen. Die Luft roch ganz leicht nach Karamell. Und die Einsamenkeit ... sie erdrückte ihn fast ... er musste jeden Moment unter ihrer Last zusammenbrechen. Die Verzweiflung fraß sich tief in sein Herz in seine Seele ... ganz langsam fraß sie sich immer tiefer in ihn hinein. Ganz langsam wurde die Traurigkeit übermächtig. Ganz langsam ... langsam
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Kommentare
Juju schrieb am 2008-12-10 16:03:55:
Ohhh,... die Geschichte ist so traurig, aber wunderschön geschrieben!
Großes Lob und weiter so,
Juju
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