Als es begann...
von
Dafitt
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Als es begann…
Als es begann, war er neun Jahre alt. Viel zu jung um so etwas zu erleben. Er hatte eine schreckliche Zeit durchgemacht. Als es begann, war er gewandelt. Auf dem schmalen und wackeligen Grat über der bodenlosen Schlucht, die sich Wahnsinn nannte. Beinahe wäre er gefallen. Die ganzen zehn Jahre lang wäre er beinahe gefallen. Aber heute ist endlich der Tag gekommen. Der Tag, an dem er es beenden wird. Unwillkürlich fasst er in seine rechte Manteltasche. Langsam, bedächtig. Ein beruhigendes Gefühl breitet sich in ihm aus, als er ihren Inhalt betastet. So lange. So lange hat er sich diesen Moment herbeigesehnt. Seit dem Tag, als es begann. An jenem Tag widerfuhr ihm das Schlimmste, was seiner Meinung nach einem 9-jährigen Kind widerfahren konnte: Er spielte an der Straße. Mit seinen Autos. So wie jedes Mal, wenn der Himmel so strahlend blau war wie an diesem Tag. Er spielte gern dort. Da war seine Mama auf der anderen Straßenseite. Er winkte ihr zu. Sie winkte zurück und lächelte. Gleich würde sie zu ihm kommen und ihn fragen, was er da spielte und ob er einen Orangensaft trinken wolle. Sie hatte die Blumen der Nachbarn, die im Urlaub waren, gegossen und ging über die Straße in seine Richtung. Das plötzliche, unerträglich laute Quietschen dringt noch heute in seinen Ohren, auch wenn es längst nicht mehr zu hören ist. Die Ereignisse rasen aufs Neue wie Blitze durch seinen Kopf, tanzen vor seinen Augen, wild durcheinander. Sein Vater, der ausstieg und die ganze Zeit murmelte: „Oh mein Gott!“. Und: „Ruf einen Krankenwagen, Mike, ruf um Gottes Willen einen Krankenwagen!“. Der Krankenwagen kam. Er fuhr nicht mit. Er rannte weg. Irgendwohin. Rannte, bis es dunkel wurde. Dann setzte er sich hin. Er weinte nicht. Etwas Schlimmeres passierte mit ihm. Es war, als hätte jemand ein Tintenfass über seinem Bewusstsein ausgeleert. Nur war diese Tinte von einem vollkommenen Schwarz, das sein Bewusstsein in Finsternis tauchte. Er sah nichts mehr, hörte nichts mehr, war völlig allein. Allein. Verlassen von allen. Allein in der Finsternis. Panik ergriff ihn. Er schrie. Nach seiner Mutter. Niemand antwortete. Und das war das Schlimmste. Er zittert, als er jetzt über die damaligen Ereignisse nachdenkt. Er spürt wieder die damalige Verzweiflung, die Hilflosigkeit und er taumelt. Droht zu fallen, von dem Grat zu kippen und in die Schlucht zu stürzen. Er fasst wieder in seine Manteltasche. Ihr Inhalt beruhigt ihn erneut, gibt ihm wieder festen Stand auf dem wackeligen Grat. Außerdem sind da noch Sie. Sie sorgen immer dafür, dass er nicht in den Abgrund, der Wahnsinn heißt, fällt. Damals war er kurz davor gewesen, in der ausweglosen Finsternis. Doch da war er gerettet worden. Er sah die Sterne. Nicht die gewöhnlichen Sterne, die er Nacht für Nacht am Himmel beobachten konnte, die jedermann beobachten konnte. Diese Sterne waren von einem warmen Weiß, reiner als jeder andere Stern, den er je in seinem Leben gesehen hatte. Plötzlich vergaß er alle Angst. Sie waren strahlend hell, ohne ihn zu blenden, so wahrhaftig und klar vor ihm, dass er unwillkürlich ein Glücksgefühl in sich verspürte. Da begann es. Da sprachen sie zu ihm. Mit warmen, sanften Stimmen. Stimmen, die ihn bis heute begleitet haben. Fürchte dich nicht. Wir beschützen dich. Und das hatten sie getan. Immer. Jedes mal, wenn er wieder auf dem wackeligen Grat zu stürzen drohte, hatten sie ihn gestützt. Sie waren seine Sterne. Seine eigenen, die nur er sehen konnte. Er hatte keine Angst gehabt und ein normales Leben geführt. Zuerst hatten sich Obdachlose, die nie eigene Kinder gehabt hatten, um ihn gekümmert. Sie liebten ihn und verrieten ihn nicht. Ein Gesetz der Welt, in der sie lebten. Früh war er selbstständig geworden. Doch gestern hatte er ihn gesehen. Und hatte gleich wieder zu stürzen gedroht. Sein Vater. Der Mann, der die Schuld hatte. Die Schuld an dem Tod seiner Mutter. Am liebsten hätte er laut geschrieen. Er hatte sie umgebracht. Wieder waren es die Sterne, die ihn stützten, ihm halfen klar zu denken. Hatte er das wirklich? Hatte sein Vater sie wirklich ermordet? War es nicht ein Unfall gewesen? Er erinnerte sich. Wie verzweifelt er gewesen war. Fassungslos. Wie er gebrüllt hatte vor Verzweiflung. Es war ein Unfall gewesen. Er hatte seine Frau geliebt. Nie im Leben hätte sein Vater sie mutwillig umgebracht, davon ist er überzeugt. Fest überzeugt. Sie begannen zu sprechen. Er hat sie umgebracht. Es kann kein Unfall gewesen sein! Er hätte sie rechtzeitig auf der Straße sehen müssen. Er hatte genug Zeit gehabt um zu bremsen, das wissen wir! Aber er hat sie geliebt! Er hätte sie nie umgebracht… Bist du dir da so sicher? Er hätte eine Affäre haben können…und seine Frau stand kurz davor sie aufzudecken…Er hasste sie. Er wollte sie umbringen. Er hätte genug Zeit gehabt zu bremsen! Aber… Vertrau uns, Mike! Das tut er. Das hat er immer getan! Bring ihn um, Mike! Das ist deine Bestimmung! Töte ihn! Er vertraute Ihnen. Bedingungslos. Er weiß, wo er ihn findet. Er sitzt in einem Café, zusammen mit einer Verabredung. Das haben Sie ihm gesagt. Er fasst ein drittes mal in seine Tasche und umfasst ihren Inhalt. Der Lauf schmiegt sich perfekt in seine Hand. Er beruhigt ihn. Sein Weg ist der Richtige! Sie haben es ihm gesagt. Er erreicht das Café. Er betritt es. Sieht sich suchend um. Findet, was er sucht. Sein Ziel sitzt direkt am Schaufenster. Er ist allein. Seine Begleitung ist nicht da. Wahrscheinlich auf der Toilette. Vorsichtig zieht er seine Waffe, lädt sie durch und steckt sie wieder in die Tasche. Niemand hat etwas bemerkt. Er bewegt sich langsam auf seinen Tisch zu. Jetzt, wo er ihn ansieht, beginnt sein Herz zu rasen. Der Schweiß bricht ihm aus. Sein Mund ist völlig trocken. Ist es das richtige? Beruhige dich. Du machst das sehr gut. Das sind Sie. Seine Sterne beruhigen ihn ein wenig. Trotzdem zittert er. Er hat den Tisch erreicht. Er steht direkt vor ihm. Der Mann, der einmal sein Vater gewesen war. Der sieht auf. „Ja, bitte?“ Er zittert nun unkontrolliert. Jetzt können ihm nicht mal mehr seine Sterne helfen. Das muss er alleine tun. Fürchte dich nicht. Es ist deine Bestimmung. Zitternd greift er in seine Tasche. „Erkennst du mich?“, fragt er leise. Der Angesprochene runzelt die Stirn. Er sieht ihn genauer an. Versucht zu erkennen. Runzelt die Stirn noch tiefer. „Tut mir leid, ich…“ „Du hast mein Leben zerstört. Damals. Du allein!“ Plötzliches Erkennen. „Mike…?“ Er sieht ihn nur an. Antwortet nicht. „Mein Gott, bist du das? Aber…“ Der Mann ringt nach Worten. Er ist nicht mehr mein Vater! „Ich verfluche dich!“ Er zieht seine Waffe. Richtet sie auf ihn. „Halt, Mike, was…“ Tu es! Er ist nicht mein Vater. „Tu es nicht, Mike!“ Du musst es tun. Vertrau uns. Er entsichert die Waffe. „Mike, was damals geschehen ist…lass es mich erklären…“ „Es gibt nichts zu erklären!“, unterbricht er den Mann. Tu es. Jetzt. Töte ihn! Die Gäste bemerken, was passiert. Sie schreien auf, rennen raus. „Mike…“ Der Mann. Tu es. Sein Vater. Töte
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Kommentare
matzöööö schrieb am 2009-07-16 17:54:50:
ach das is bitter
anele schrieb am 2009-06-10 06:53:15:
Gut geschrieben das Ende etwas ausführlicher
Yasha schrieb am 2009-06-09 18:49:23:
Super Geschichte !!! =D
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