An der Ampel
von
Joko
Während meiner Ausbildung fuhr ich einen alten Ford Sierra Stufenheck. Mein
erstes Auto. Eine echte Schrottmühle, aber Metall auf vier Rädern, was sich
vorwärts bewegt. Keine Servolenkung, keine automatischen Fensterheber und
natürlich keine Klima. Kein Luxus, aber meins. Heute vermisse ich die Kiste
sogar ein bisschen.
Irgendwann im Sommer bin ich mit meinem Dicken, Spitzname meiner Rostlaube,
an der Ampel gestanden und zwar oben an der neuen Weinsteige, da wo man zum
Haigst abbiegen kann. Okay, sagt nur den Stuttgartern was, ich weiß. Es war
so gegen 17:30 Uhr an einem Freitag und ich war schon ziemlich spät dran,
denn die Schulung mit unserer Ausbilderin hatte länger gedauert als erhofft,
was natürlich meine ganze Planung durcheinander gebracht hatte und nun
musste ich auf dem schnellsten Weg nach Hause, um pünktlich zu einer
Verabredung zu kommen und duschen wollte ich also auch noch, denn bei 30
Grad im Schatten muffelt man doch dann ein bisschen und das schöne heiße
Auto versetze meinem Deo einfach den Todesstoss.
Die Fenster waren bis zum Anschlag unten und auch das Schiebedach stand
offen. Das ich nicht damals andauernd eine Ohrenentzündung oder so was
hatte, verwundert mich heute noch, außerdem frage ich mich, wie ich das mit
meiner Frisur immer hinbekommen habe. Kann mich echt nicht erinnern.
Also ich raus aus dem Büro, rein ins Auto und wie schon gesagt, bis zu
dieser Ampel lief es eigentlich ganz gut mit dem Verkehr obwohl es Freitag
Nachmittag war. Kriechend, aber man ist vorangekommen.
Vor mir an der Ampel stand ein großer fetter nagelneuer Daimler. Ich kann
mich nicht erinnern, was für ein Modell, aber ziemlich groß und lang auf
jeden Fall. Schwarz und auf Hochglanz poliert. Alle Fenster oben. Klar, der
hat ne Klima, habe ich mir gedacht.
So standen wir nun an der Ampel. Um ehrlich zu sein stauten wir uns an der
Ampel, denn wir standen nicht richtig davor, wir sahen sie halt nur von
weitem.
Ich schaute immer wieder nervös auf die Uhr und ging meinen Plan, wie ich
noch einigermaßen pünktlich zu meiner Verabredung komme, im Kopf durch.
Ampelphase um Ampelphase kamen wir der Kreuzung näher und ich wusste wenn
die Ampel rum ist, dann läuft der Verkehr und ich bin so gut wie zu Hause.
Bei jeder grünen Ampelphase rollte der dicke Daimler gemütlich ein paar
Meter vor, ließ noch ein paar weitere Fahrzeuge in unsere Spur und der
Fahrer schien sich einen schönen Nachmittag in seiner Proletenkarre zu
machen. Ich presste mich an seine Stoßstange und wurde von Minute zu Minute
ärgerlicher. "Jetzt lass die doch nicht alle rein, du Depp!" dachte ich bei
mit. "So kommen wir nie vorwärts." Kleine Schweißperlen bildeten sich in
meinem Nacken und ich merkte wie mir die Suppe den Rücken runter lief.
Richtig lecker!
Nach 4 Ampelphasen hatte wir es dann geschafft. Bei der nächsten würden wir
drüber kommen. Noch war alles möglich. Ich lag gerade noch so in der Zeit.
Mit bereits eingelegtem Gang lauerte ich auf das Grün der Ampel. Die
Spannung stieg und ich zählte die Autos vor mit: Ein Kombi, ein Golf,
irgendwas Japanisches, noch mal Golf, BMW, wieder was komisches in gelb, ein
Fiat und dann der Daimler vor mir und dann ich. Das schaffe ich!
Die Ampel wurde grün. Ich von der Kupplung runter und schon leicht
angefahren, wieder auf die Kupplung und 2 cm nach hinten gerollt, wieder von
der Kupplung runter. "Nun macht schon!" sagte ich leise vor mich hin. Der
erste ist schon rüber über die Ampel, der zweite rollt, der dritte auch,
einer nach dem anderen fährt an. Jetzt der dicke Daimler. Ich gebe Gas. Das
war ein Fehler, denn der Daimler nicht. Ich bremse mit aller Gewalt und bin
wahrscheinlich einen Millimeter vor seiner Stoßstange zum stehen gekommen.
"Wieso fährt der nicht?" sage ich zu mir.
Was macht der Fahrer? Er schaut nach unten und fährt nicht. Ich hinten schon
halber am durchdrehen und hupe. Er schaut hoch und gibt endlich Gas, aber in
dem Augenblick schaltet die Ampel wieder auf gelb und der rollt lediglich
zur Haltelinie vor. Super, das war's. Wieder 3 Minuten warten.
Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte den Menschen gefragt, ob er
eigentlich nichts besseres zu tun hat, so kurz vor dem Wochenende, außer die
Leute davon abzuhalten nach Hause zu kommen. Der kann doch am Sonntag
spazieren fahren, oder wenn er schon so gerne in seiner Schwanzverlängerung
sitzt, dann soll er sich doch auf den Parkplatz stellen und dort an den
Amaturen rumspielen! Scheiße war ich sauer.
Die Ampel wurde wieder gelb und grün. Aber jetzt. Ich wieder von der
Kupplung runter, aber der Typ fährt immer noch nicht. "Jetzt gib doch
endlich Gas, du Arschloch!" platzt es laut aus mir raus. Im gleichen
Augenblick höre ich links neben mir zwei Männer lachen. Ich drehe mich um
und neben dran sitzen im einem Cabrio zwei junge Geschäftstypen mit blauen
Hemden und lachen mich aus. Na ja, wohl mehr darüber was ich gesagt habe und
dann fahren sie los.
Gott war das peinlich! Der Daimler fuhr an und ich tuckerte brav hinter ihm
her, denn ich traute mich nicht das Cabrio zu überholen und der Beifahrer
hatte sich schon einmal umgedreht und geschaut. Wenn mein Kopf nicht schon
vorher rot von Hitze und Ärger gewesen war, dann eben jetzt vor Scham. Man
sollte beim Autofahren nie vergessen, dass die Fenster unten sind im Sommer
und zuerst nach links schauen, bevor man was sagt....
Kommentare
Supergirl@tiscali.de schrieb:
Witzige Erzählung. Hätte ich Sie doch nur schon gelesen, bevor ich letzte Woche aus meinem Wagen dem Porsche neben mir einen Vogel zeigte. ;-)
phoenix41@web.de schrieb:
Super geschrieben hat mir sehr gut gefallen!
SkippiHoyl@aol.com schrieb:
Ja, ja so ist es im Leben!
So oder ähnlich hat`s wohl schon ein jeder erlebt, beziehungsweise durchlebt.
Hat mir sehr gut gefallen.
Nalamica@web.de schrieb:
Eine echte Alltagserzählung, wie ich sie ähnlich auhc shcon erlebt habe;aber die verwendete Sprache ist zu umgangssprachlich.
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