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Kategorien > Kurzgeschichte > Fantasy - Drama

An der Grenze

von Slade

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»Wir haben ihn verloren!«
Lange Zeit konnte sich niemand rühren. Das Ticken der Uhr über dem Eingang ließ den Moment länger erscheinen. Die Zeit blieb stehen.
»Zeitpunkt des Todes?«
»16 Uhr 53, Doktor.«
Der Arzt ließ traurig seinen Kopf hängen und atmete tief durch. Schweißperlen liefen ihm die Stirn herunter. Er straff seine Handschuhe ab und schmiß sie niedergeschlagen auf einen Tisch. Dann blickte er kurz zur Seite.
Einige Meter von ihm entfernt in einem kleinen Raum hinter einer dicken Glasscheibe saß Nea und brach in Tränen aus. Hinter ihr stand Paul und seine Frau Melissa und nahmen sie fest in die Arme. Auch ihren Augen entronnen Tränen, aber sie versuchten sich, so gut es ging, zu beherrschen. Es half nichts. Er war tot. Für immer.
Der Doktor drehte sich um und blickte wieder auf den leblosen Körper.
Eine Krankenschwester stand neben ihm und legte tröstend die Hand auf seine Schulter.
»Sie haben ihr Bestes getan. Wie wir alle«, sagte sie leise.
Der Doktor sah sie an und nickte dann langsam.
»Ja, vielleicht haben sie Recht. Trotzdem... Danke.« Er drehte sich um und ging schlurfend zum Ausgang.
»Ich sage es seiner Familie und dann... dem Colonel.« Doch er blieb in der Tür stehen und überlegte einen Moment. »Laßt ihn hier, vielleicht möchten sie ihn noch einmal sehen. Er ging langsam weiter. »Und dann beseitigt alles.«

»Wir haben ihn verloren!«
Jack verlor die Orientierung. Ihm wurde schwindelig und er hatte das Gefühl, als ob er sich schnell vorwärts bewegte. Er konnte seine Augen nicht öffnen, also versuchte er sich zu erinnern, an die Zeit bevor er sein Bewußtsein verloren hatte. Nichts.
Unvermittelt umhüllte ihn dann eine unnatürlich starke Helligkeit. Jack fühlte plötzlich Geborgenheit und Liebe, die ihm von allen Seiten entgegen strömte.
Einige gedämpfte Stimmen, zunächst unhörbar leise, doch immer lauter, erregten dann Jacks Aufmerksamkeit. Ein Mann und eine Frau unterhielten sich, während er im Hintergrund ein leises, regelmäßiges Piepen vernahm.
»Legen sie bitte einen Zugang. Wie lange ist er ohne Bewußtsein?«
»Ca. Zwanzig Minuten.«
Der Mann verlangte einen Tubus.
»Blutdruck?«
»52 zu 81. Viel zu wenig, wenn sie mich fragen. Es wird schwer werden, ihn durchzukriegen.«
»Hmm. Wie alt ist er nochmal?« fragte der Mann, ohne auf ihre Bemerkung zu reagieren.
»68.«
Auf einmal fing Jacks Hals leicht zu schmerzen an. Etwas bohrte sich durch seine Luftröhre.
»Ich bin drin. Beatmen.« Der Mann bat um einen Tupfer.
»Krankengeschichte?«
»Praktisch nicht vorhanden. Kerngesund.«
»Familie?«
»Er ist allein.«
Der Schmerz in Jacks Körper wurde stärker und stärker und gleichzeitig fing das Piepen an, unregelmäßig zu werden. Etwas in ihm wehrte sich dagegen, geholfen zu werden.
»Wiederbelebungsmaßnahmen vorbereiten! Rasch!«
Doch auf einmal hörte das Piepen für einen Moment auf und wurde von einem schrillen, andauernden Pfeifen abgelöst.
»Nulllinie! Er reagiert nicht!«
Die Stimmen überlagerten sich dann, und das Pfeifen wurde gleichzeitig leiser, bis eine flüsternde Stimme es mehr und mehr überlagerte. Er vernahm nur noch diese Stimme. Aber sie war seltsam fremd. Nicht... menschlich?
»Jack! Jack! Du bist nicht mehr, wo du warst. Du bist nicht, wer du warst. Öffne deine Augen und begreife, Jack.«
Er versuchte seine Augenlider aufzuklappen, und es gelang ihm tatsächlich. Von überall her schien ein sanftes Licht zu kommen. Obwohl er sehen konnte, weigerte sich sein Verstand zu begreifen. Der Schmerz in Jacks Körper wurde fast schon unerträglich, doch auf einmal wurde sein Körper von einem Glücksgefühl überströmt und die Schmerzen wurden vom Höhenflug seiner Empfindungen verdrängt. Wo befand er sich?
Jack versuchte zu lächeln, aber seine Lippen formten eine eigenartige Grimasse, kein Lächeln, dessen war er sich sicher. Bin ich jetzt... tot?, fragte sich Jack, doch er verdrängte den Gedanken schnell. Konnten Tote denken?
Es wehte kein Wind, nicht einmal ein laues Lüftchen und trotz des seltsamen, quellenlosen Lichts, das scheinbar keine Wärme ausstrahlte, fror Jack nicht.
Als er Anstalten machte, sich aufzusetzen, verspürte er innere Panik, die sein Glücksgefühl schlagartig verdrängte. Es gab nichts, das einem festen Untergrund ähnelte. Er schwebte in einem völlig leeren Raum, ohne Boden, ohne Decke, ohne Wände. In einem unendlich weiten Nichts umschloß ihn irgendeine rätselhafte Kraft wie ein Kokon und hinderte ihn daran herunterzufallen. Oder fiel er etwa doch?
Jack versuchte ruhig zu bleiben und sah sich um. Erst jetzt nahm er die vielen Menschen wahr. In regelmäßiger Entfernung zueinander, etwa zwei Meter schätzte er, über und unter ihm, rechts und links neben ihm, schwebten nackte Menschen, die wie auf einem Grill um die eigene Achse rotierten.
War dies vielleicht eine Art Wartezimmer auf... ja, worauf?
Die Brustkörbe der Menschen hoben und senkten sich, als ob sie schliefen, und Jack war wohl der einzige, der bei Bewußtsein war. Der einzige unter all diesen Millionen, der nicht schlief. Doch woher kamen dann diese Stimmen?
»Sie haben ihr Bestes getan. Wie wir alle«, sagte plötzlich eine gedämpfte, weibliche Stimme aus dem Nirgendwo. Es war die Frau von vorhin. Sie klang so traurig, daß Jack versuchte sie zu ignorieren. Er wollte nicht tot sein. Jedenfalls noch nicht.
Dann senkte er seinen Blick, um sich selber anzuschauen. Auch er war nackt. Die Haut war glatt, die Bauchmuskelatur kräftig. Er bemerkte starke Muskeln am ganzen Körper und erinnerte sich daran, daß man jung sein mußte, um so einen jungen, kraftstrotzenden Körper zu besitzen. Dies war nicht mehr der Körper eines 68-jährigen alten Mannes, der er vorher war. Ihm fiel auf, daß unter all den Menschen in seiner Umgebung kein einziger alt wirkte. Alle schienen unter dreißig zu sein, so wie er selbst.
Er schaute sich weiter um. Etwa dreißig Zentimeter neben ihm befand sich eine Stange aus glänzendem Metall. Sie ragte aus der bodenlosen Tiefe unter ihm und führte in die Unendlichkeit über ihm. Es gab anscheinend unendlich viele dieser grauen Stangen, die sich jeweils in regelmäßiger Entfernung zu den Körpern befanden. Die neben ihm schien das einzige solide Objekt in seiner Nähe zu sein, also versuchte Jack sie zu ergreifen.
Aber diese geheimnisvolle Kraft, die ihn auch in diesen schwebenden Zustand hielt, hinderte ihn an seinem Vorhaben. Durch seine Bewegung fing er zwar an, ein wenig zu driften, doch die Kraft beförderte ihn sanft wieder in die Ausgangsposition.
Die Kraft geht also anscheinend von der Stange aus. Doch warum hindert sie mich daran, sie zu berühren? Und was würde wohl passieren, wenn ich es doch täte?
Er versuchte einen langsamen Salto und es gelang. Die Belohnung dafür war, daß er die Entfernung zur Stange verringern konnte. Nur noch etwa 15 Zentimeter. Ein schnelles Strecken seines Körpers brachte weitere acht Zentimeter. Dann versuchte er eine schwimmende Bewegung, die ihn pro Arm- und Beinzug etwa einen Zentimeter näher zur Stange brachte. Nach einer

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