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Kategorien > Aus dem Leben > Reisen

Ankunft und Abfahrt

von Andreas Lutz

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Ankunft und Abfahrt

Ein alter Mann war auf dem Weg zu einem geschäftlichen Termin in Stuttgart. Man fährt frühmorgens am – zu diesem Zeitpunkt beinahe menschenleeren – Ellwanger Bahnhof ab. Um diese Uhrzeit kann man sich den Sitzplatz noch frei auswählen. So kam es, dass sich der Mann einen Platz auf der Schattenseite des Zuges nahm, gleich im ersten Wagon rechts neben der Türe. Die Türen schlossen; die Fahrt begann. Der Blick des alten Mannes fiel auf die große Bahnhofsuhr. In knapp zwei Stunden würde er es besser wissen. Wenn der Kauf der Firma zu seinen Gunsten ausfiel, dann konnte er es sich auch leisten, früher in Ruhestand zu treten. Dann hätte er auch endlich wieder Zeit für die von ihm so geliebte Gattin und vielleicht auch wieder die Muße sein altes Hobby, das Schreiben wieder aufzunehmen.
Das Quietschen der Räder ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken. Hastig packte er seinen Koffer mit den Akten - den bloß nicht vergessen – und eilte zum Nebengleis. Hier traf man schon mehr Menschen an. Der alte Mann blickte sich sehr bewusst und konzentriert auf dem Aalener Bahnhof um. Es konnte das letzte Mal sein, dass er diese Strecke fahren musste. Er stellte den Koffer mit den wichtigen Akten zwischen seine Beine, schloss die Augen und lauschte. Sofort wurde er von einem hektischen Stimmengewirr überrollt. Junge Männer am Telefon, die ihr Zuspätkommen entschuldigten, Mütter die beruhigend auf ihre kleinen Kinder einredeten, die Kinder die ungeachtet dieser Tatsache schrieen, sei es aus Freude oder aus Zorn, Schaffner die mit Kollegen diskutierten ob und wann diverse Züge abzufahren hätten und die eigentümlich penetrante und doch langweilige Stimme der Durchsagen: auf all das hatte der alte Mann noch nie geachtet.
„Sie da, aufpassen!“, durch ein paar barsche Worte und einem groben Rempeln wurde dem alten Mann rücksichtslos klargemacht, dass der Zug schon lange eingefahren war, und man nun einzusteigen hatte. Doch der alte Mann hatte nur gedankenverloren neben dem Wartebänkchen von Gleis 2 gestanden, die Augen immer noch geschlossen, und hatte den Gedanken genossen, morgen höchstwahrscheinlich nicht mehr zur Arbeit zu müssen.
Jetzt aber blinzelte er ein paar Mal, gerade so, als wolle der wieder in die Realität zurückkehren und eilte zum Zug. Wieder dasselbe Spiel, wieder hektisch einen Sitzplatz erkämpfen.
Und dann, gerade als sich der alte Mann erschöpft auf seinem Fensterplatz niederließ und durch die milchige Scheibe nach draußen zum Wartebänkchen von Gleis 2 blickte, wurde ihm jäh bewusst, das es gewiss nicht das letzte Mal war, dass er die beiden Bahnhöfe in Ellwangen und Aalen mit ihren Eigenarten, charakteristischen Geräuschkulissen und gar Gerüchen betreten würde, dass er bestimmt noch einmal hierher kam und in Kontakt mit all diesen wunderbaren Dingen kam. Er hatte seinen Koffer mit den Akten neben dem Wartebänkchen bei Gleis 2 stehen lassen.
Ein mildes Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht des alten, glücklichen Mannes.

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Kommentare

Hildegard i.M. schrieb am 2006-12-30 18:10:43:
"Ich hab noch einen Koffer in Berlin..." LG

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