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Kategorien > Fantasy >

Annabelle 1

von Darkangel

Der Wind hatte schwere, dunkle Regenwolken von den Bergen ins Tal geweht, die sich langsam, aber unaufhaltsam vor den Mond geschoben hatten und so die nächtliche Landschaft in zwei Bereiche teilten. Die Bergflanke an der das Dorf lag, war in silbernes Mondlicht getaucht und der Wald, der am anderen Ende des Weges der in Richtung Küste führte, lag in völliger Finsternis. Der warme Schein von Kaminfeuern drang aus den Fenstern der Bauernhäuser, die sich schutzsuchend an die Bergflanke drückten und wo er auf das feuchte Gras traf, vermischte er sich mit dem silbernen Mondlicht und lies die Halme wie flüssiges Gold erstrahlen. Die Dorfbewohner hatten sich schon vor Stunden, vor dem drohenden Sturm in die behagliche Sicherheit ihrer Stuben geflüchtet
und warteten dort auf den Morgen, der hoffentlich wieder schöner Wetter bringen würde. Hier auf dem schmalen Streifen Land der zwischen den Bergen und dem Meer lag, war das Wetter wechselhaft und trügerisch. Trotzdem konnten die Menschen die Vorteile beider Lebensräume nützen. Die nahe See versorgte sie mit Fisch und Salz und die Berge über ihnen waren voll mit Kohle und Erz. Sogar Gold sollte es hier geben, aber keiner der Dörfler hatte je ernsthaft danach gesucht. Gold gab es auf leichtere Art und Weise zu verdienen als tagaus tagein im Dreck zu wühlen. Die sanften Hügel die den Bergen und der See vorgelagert waren, boten genügend Raum für Felder und Weiden, welche die Menschen mit Fleisch und Getreide versorgten. Es schien der perfekte Ort für eine wohlhabende Siedlung zu sein, doch so wie die Menschen hier von beiden - Meer und Gebirge - profitierten, so sehr litten sie auch unter den Beiden. Der Wind neigte hier dazu eisig von den Berghängen herunterzuwehen, und dort wo er sich mit der warmen Seeluft traf, vermischten sich die beiden zu gewaltigen Unwettern die er wieder vom Meer her auf die Berge zu trieb. Wo die dunklen Wolken, erst den Großteil ihrer Last loswerden mussten um dann mit dem kläglichen Rest Wasser der noch in ihnen war, über die schroffen Berggipfel schweben zu können. Schwere Unwetter waren hier keine Seltenheit und an die auf diese Unwetter folgenden
Steinschläge und Murenabgänge hatten sich die Menschen hier schon längst gewöhnt, genauso wie an die zahllosen Lawinen, die im Winter die schroffen Berghänge hinunter und ins Tal donnerten. Nein, das Tal hier war kein angenehmer Ort zum Leben und wer hier bleiben wollte hatte wohl seine eigenen Gründe, nicht in die nur drei Tagesreisen entfernte Stadt im Landesinneren zu ziehen. Die meisten der Leute hatten auch ihre Gründe. Die einen konnten sich die teuren Wohnungen in der Stadt nicht leisten und schworen, lieber würden sie hier arm in ihrem eigenen Haus sterben als in
der Stadt auf der Straße leben. Die anderen kamen aus der Stadt und wollten wegen der einen oder anderen Querele mit Kirche, Gericht oder etwas anderem, nicht mehr aus Deads fort. Aber so verschieden die Gründe der Menschen für ihr hier bleiben auch waren, so hatten doch alle eines gemeinsam. Hier war es üblich sich das karge Brot durch gelegentlichen - und bei manch einem
auch ständigem - Schmuggel aufzubessern. Besonders gefragt waren Rum und Waffen, bei den Geschäftsleuten aus der Stadt, die nur ungern die hohen Zölle bezahlen wollten. Und so wurden die Waren von großen Schiffen, die weit vor der Küste ankerten in die kleinen Fischerboote der Dörfler verladen, welche die Fässer und Kisten anschließend in den unzähligen Höhlen und Kavernen der Küstenregion versteckten, bis einer der Kaufleute aus der
Stadt wieder einmal nach Nachschub verlangte. So war es hier schon seit Menschengedenken und so wird es wohl auch in Zukunft bleiben. Die Menschen hier hatten sich genauso daran gewöhnt zu schmuggeln wie sie sich an das launische Wetter gewöhnt hatten. Und eben dieses Wetter, oder besser, der Wind der den ganzen Tag von den Bergen aufs Meer hinausgeweht war, hatte von Regen und Sturm erzählt, weshalb man sich, sobald man die wichtigsten Arbeiten erledigt hatte in das Innere der Häuser zurückgezogen hatte und
sich dort bei Bier und Schnaps Geschichten erzählte. Man sang Lieder und spielte Spiele, die Kinder harmlosere als die Erwachsenen und die Mütter und Großmütter spielten gar nicht. Sie hatten genug zu tun, wussten zu genau um das Leben mit seinen Schwierigkeiten und Gefahren. Deswegen hatten sie schon vor langer Zeit aufgehört zu spielen, heute nähten, kochten oder putzten sie um ihren Männern die schwere Arbeit mit einem kräftigenden Mal und einem blitzenden Heim zu vergelten. Und als das Heulen des Windes immer lauter wurde und die ersten schweren Tropfen auf die Dächer prasselten, beglückwünschte sich jeder selbst zu seinem Glück um Warmen und Trockenen zu sein. Umso mehr hätte es die Menschen verwundert, zumindest wenn sie aus dem Fenster gesehen hätten und überhaupt etwas davon bemerkt hätten, dass dort in der vom Mond silberhell erleuchteten Nacht zwei dunkle Gestalten in Richtung des in völliger Finsternis liegenden Waldes liefen.

Eigentlich hätte Peter Beaddle schon lange schlafen sollen. Und eigentlich glaubten seine Eltern auch dass er in seinem Bett, schön mit warmen Decken zugedeckt, friedlich schlummerte. Aber er lief gerade durch den strömenden Regen, vom Dorf weg auf den Wald zu. Ihm dicht auf den Fersen folgte seine kleine Schwester Annabelle und versuchte verzweifelt mit ihm Schritt zu halten. Allerdings hatte sie mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen. Erstens hatte der vierzehnjährige Peter wesentlich längere Beine als sie und machte dementsprechend größere Schritte und zweitens zerrte der Wind dermaßen an ihrem Nachthemd und dem darübergeworfenen langen Ölmantel, dass es sie schier von den Beinen werfen wollte. Aber sie dachte gar nicht daran aufzugeben, dann würde Peter sie nämlich wieder auslachen und das war absolut undiskutabel für sie. Also kämpfte sie mit der entschlossenen Verbissenheit einer Sechsjährigen die sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, damit mit ihrem Bruder Schritt zu halten. Der Regen wurde immer stärker und die herbstlichen Äste und Zweige der Bäume reckten sich schwarzen Armen und Fingern gleich in den Nachthimmel. Als sie den Waldrand erreichten schlüpfte Peter durch eine Lücke im Gebüsch und verschwand in der Dunkelheit. Annabelle blieb kurz stehen und blickte mit ihren großen Augen den Waldrand entlang. Es war so dunkel, dachte sie und ein klitzekleines Gefühl von Unsicherheit begann sich in ihrem Magen auszubreiten. Schließlich tauchte Peters Kopf wieder aus dem Gebüsch auf und musterte sie finster.
"Wo bleibst du denn du kleine Mistkröte?" fauchte er. Annabelle hüpfte erschrocken einen Schritt zurück.
"Da drin ist es sicher ganz schrecklich dunkel," sagte sie vorsichtig und ein boshaftes Grinsen erschien auf dem Gesicht ihres Bruders.
"Also hast du doch Angst!"
Annabelle reckte trotzig das Kinn.
"Hab ich nicht!"
"Hast du wohl! Und wenn du Angst hast dann geh lieber heim. Ist ja nicht weit, das schaffst du sicher alleine!"
Annabelle blickte ihn unsicher an. Alleine zurückgehen. Es war dunkel und kein Erwachsener war unterwegs. Was wenn ein Hobb auftauchte und sie mitnahm? Sie schluckte den Klos in ihrem Hals hinunter und trat einen Schritt auf Peter zu.
"Ich komme mit!"
"Dann beweg dich," zischte ihr Bruder und verschwand wieder im Wald. Annabelle folgte nur eine Sekunde später. Kaum waren sie durch das Gebüsch gekrochen wurde es schlagartig stockfinster. Wo auf dem Feld noch das Mondlicht zur Orientierung gereicht hatte, wurde es hier von Wolken und Ästen vom Boden ferngehalten. Annabelle quiekte erschrocken als etwas sie an der Hand berührte.
"Ach sei doch still," hörte sie die Stimme ihres Bruder direkt neben sich.
"Hast du die Lampe dabei?"
Annabelle kramte in der Tasche des viel zu großen Mantels und förderte die Petroleumlampe hervor. Peter schnappte sie sich und zündete sie mit einem Streichholz an. Das goldene Licht vertrieb die Dunkelheit um sie herum und seine flackernde Flamme erweckte gleichzeitig die Schatten zwischen den Bäumen zum Leben. Staunend blickte sich Annabelle um. Die Bäume waren so groß. Und in der Nacht war es hier wirklich unheimlich. Bei Tag war sie schon oft mit ihrer Mutter hier gewesen und hatte nichts entdeckt was sie hätte ängstigen können. Aber in der Nacht, nur mit ihrem Bruder hier zu sein, das war etwas ganz anderes. Peter hatte sich bereits in Richtung der Waldmitte aufgemacht und Annabelle wollte um gar keinen Preis allein zurückbleiben. Also holte sie einmal tief Luft und folgte ihm.
"Was wollen wir eigentlich in der Hütte?"
Peter grunzte, gab aber sonst keine hilfreiche Antwort. Die Lampe weit vor sich haltend, bahnte er sich seinen Weg durch Gestrüpp, unter tiefhängenden, mit Moos und Flechten bewachsenen Zweigen hindurch und um unzählige Baumriesen herum.
Annabelle folgte ihm.
"Also was machen wir in der Hütte, da lebt doch schon lange keiner mehr," verlangte Annabelle noch mal zu wissen. Peter blieb stehen und drehte sich zu ihr um.
"Aber sicher lebt dort jemand," sagte er mit einem bösen Grinsen. Annabelle machte einen Schritt zurück.
"Da wohnen Hobbs und Hexen und Lichterlinge. Und manchmal übernachtet dort sogar ein Baumtroll." Während er das gesagt hatte, war er immer näher an Annabelle herangekommen und berührte nun mit seiner Nasenspitze fast die ihre. Annabelle blickte ihn aus angstgeweiteten Augen an.
"Das stimmt doch nicht," sagte sie, und fügte mit dem leisesten Hauch von Unsicherheit hinzu, "oder?"
Peter grinste noch breiter.
"Wart's ab," sagte er schließlich nur und machte sich wieder auf den Weg. Wieder bahnten sie sich ihren Weg - Peter mit der Petroleumlampe immer voran - durch Gestrüpp und unter tiefhängenden Zweigen hindurch, in Richtung der Hütte, die die Mitte des Waldes markierte. Während sie durch die Dunkelheit gingen, blickte Annabelle immer wieder nach links und rechts, versuchte mit ihren Blicken die Dunkelheit zu durchbohren und hatte dabei ein grimmiges Gesicht aufgesetzt. Wenn ein Hobb oder ein Lichterling auftauchen sollte, dachte sie sich nämlich, würden diese sich hüten auf sie loszugehen, wenn sie nur möglichst böse dreinschaute. Trotzdem hatte sie schreckliche Angst und ihre Seitenblicke wurden immer nervöser.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und rannte vor zu ihrem Bruder und nahm seine Hand.
"Peter," sagte sie zaghaft, "ich hab schreckliche Angst." Peter wandte ihr sein Gesicht zu und lächelte aufmunternd.
"Gleich sind wir bei der Hütte und dann suche ich das Buch von dem mir Opa erzählt hat und dann sind wir auch schon wieder weg," versuchte er sie zu beruhigen.
"Was ist das denn für ein Buch?"
"Opa hat gesagt es ist ein Zauberbuch," erklärte er verschwörerisch.
"Ein echtes Zauberbuch mit Zaubersprüchen?"
Peter nickte und Annabelle blickte ihn bewundernd von untern her an.
"Und was willst du damit machen?" wollte sie wissen. Ihr Bruder zuckte mit den Schultern.
"Weiss ich noch nicht. Es mir mal anschauen, es herzeigen."
"Aber was ist denn wenn in der Hütte wirklich ein Hobb ist? Oder ein Lcihterling?" flüsterte Annabelle. Peter lachte.
"Denen ist es zu dunkel und zu nass. Die werden in ihren Höhlen schlafen."
"Aber in der Hütte ist es ja auch trocken. Warum sollten sie also in einer Höhle schlafen wenn sie in einem Bett schlafen können?"
Peter blickte sie herablassend an.
"Ich habe keine Angst vor einem Hobb!" erklärte er fest. Und Annabelle packte seine Hand fester.
"Wenn du keine Angst hast, dann hab ich auch keine," verkündete sie. Peter lachte und zog sie weiter.
"Schau nur," rief Annabelle plötzlich und deutete nach vorne. "Da brennt ein Licht zwischen den Bäumen." Peter blieb stehen und runzelte die Stirn.
"Hmm," machte er. "Da vorne ist die Hütte. Und da scheint jemand dort zu sein. seltsam."
"Vielleicht ist es ein Hobb," hauchte Anabelle plötzlich gar nicht mehr so mutig und trat bedächtig einen Schritt nach hinten, so dass sie hinter Peter zu stehen kam.
"Ach was, Hobb. Das ist sicher nur ein Wanderer der hier Halt gemacht hat, als ihn der Regen überrascht hat. Los gehen wir weiter."
"Aber vorsichtig," fügte Annabelle hinzu.
Also gingen sie langsam auf das Licht, das warm und golden durch die Bäume schimmerte, zu. Als sie am Rand der Lichtung in deren Zentrum die alte Holzhütte stand, angekommen waren, löschte Peter die Lampe und machte Annabelle ein Zeichen, dass sie hier warten sollte, während er einen Blick in die Hütte warf. Annabelle nickte und Peter schlich sich, jede Deckung ausnutzend an die Hütte heran. Als er unter dem einzelnen, hell erleuchteten Fenster angekommen war, lehnte er sich kurz an die Wand und richtete sich dann vorsichtig auf. Als er schließlich in das Innere der Hütte blicken konnte, vermochte er im ersten Moment nichts zu entdecken. Dann sah er die in schwarz gekleidete Gestalt die mit dem Rücken zu ihm auf dem Boden hockte und mit einer Brechstange eines der Bodenbretter zu lösen versuchte. Gerade als Peter sich fragen konnte, was der Fremde denn da tat, tauchte Annabelle neben ihm auf und presste ihre Nase an die vom Regen nasse Fensterscheibe.
"Was macht der denn da?" verlangte sie zu wissen.
"Still, oder willst du, dass er uns entdeckt?" zischte Peter sie an.
"Was macht der denn da?" verlangte Annabelle, diesmal etwas leiser zu wissen. Peter blickte wieder in das Innere der Hütte und zuckte mit den Schultern.
"Keine Ahnung," gab er zu.
Annabelle schwieg und betrachtete das Treiben des Fremden in der Hütte.
"Vielleicht sucht er auch das Zauberbuch?" schlug sie vor.
Peter nickte zustimmend.
"Das wird es wohl sein."
"Das ist ja praktisch," quäkte Annabelle vergnügt, "Dann können wir ihm ja helfen."
"Annabelle, lass das."
Doch Annabelle hatte nur Augen für den Fremden in der Hütte.
"Schau Peter, er scheint es gefunden zu haben." Sie hüpfte aufgeregt auf und ab und klatschte in die Hände. Peter packte sie grob an der Schulter und drückte sie nach unten.
"Spinnst du jetzt total?" fauchte er sie an. "Wir haben keine Ahnung wer das ist, geschweige denn, was er hier eigentlich will. Du kannst doch nicht einfach so Lärm machen. Was ist wenn es ein verkleideter Hobb ist?"
Annabelle zog ihre Unterlippe zwischen die Zähne und schien konzentriert nachzudenken. Schließlich schüttelte sie ihren Kopf und meinte langsam:
"Ich glaube nicht dass das ein Hobb ist. Hobbs sind kleiner und ganz haarig. Der hier ist eher groß und dünn."
"Ist ja auch egal," knurrte Peter, "Vielleicht ist es ein Verrückter, oder ein geflohener Mörder, oder."
Annabelle blickte ihn schief an. Dann stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen.
"Angst?" fragte sie hämisch. Peter schüttelte den Kopf.
"Natürlich hab ich keine Angst, ich möchte nur vorsichtig sein."
"Na dann ist es ja auch egal, oder?" sagte seine kleine Schwester und ehe Peter auch nur reagieren konnte, hatte sie die Hand gehoben und kräftig an die Scheibe geklopft. Der Fremde im Inneren der Hütte lies das Buch, das er gerade aus einem Loch unterhalb der Dielen gehoben hatte fallen und sprang auf die Beine. Dann war er mit zwei schnellen Schritten am Fenster und hatte es auch schon aufgerissen. Peter versuchte sich so gut es ging in den Schatten unter dem Fenster zu verbergen, aber es gelang ihm natürlich nicht. Der Fremde packte die ihn anstrahlende Annabelle am Kragen und Peter an den Haaren und zog sie auf die Beine. Sein Gesicht hatte er unter einer schwarzen Kapuze verborgen und das einzige was man davon erkennen konnte waren zwei große, leicht rötlich glühende Augen. Annabelle kreischte laut auf als der Fremde sie am Kragen ihres viel zu großen Mantel festhaltend durch das Fenster hob. Peter versuchte sich in der Zwischenzeit verzweifelt aus dem stählernen Griff des Unbekannten frei zu kämpfen. Allerdings waren seine Bemühungen eher zaghaft, da jede seiner Bewegungen ihn schmerzlich daran erinnerte, dass er von dem Mann an den Haaren festgehalten wurde. Dann packte ihn der Fremde auch am Kragen und hob ihn in die Hütte, wo er ihn in eine der Ecken warf. Peter blieb einen Moment benommen liegen und kämpfte gegen eine Ohnmacht an. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise und der Aufprall hatte einen stechenden Schmerz in seinem Knie hinterlassen. Irgendwo am anderen Ende des einzelnen Zimmers hörte er Annabelle schluchzen. Und der Fremde in seinem schwarzen Umhang stand mitten im Raum und starrte sie schweigend unter seiner Kapuze hervor an. Schließlich wandte er sich Peter zu. Er ging in die Hocke und packte sein Kinn grob mit der Hand.
"Was wollt ihr um die Zeit hier?" verlangte er zu wissen. Peter lief ein Schauer den Rücken hinunter. Diese Stimme kam ihm seltsam vertraut vor. Der Fremde schüttelte ihn.
"Antworte mir, Bursche!" fuhr er ihn an.
"Wir wollten, wir wollten, nur spazieren gehen." Stammelte Peter.
Der Fremde lachte rau.
"Spazieren gehen? Im schlimmsten Sturm des Jahres? Halt mich nicht für dumm, Junge." Er zog Peter auf die Beine und hielt ihn am Kragen fest, so dass seine Beine gute fünf Zentimeter in der Luft baumelten. Peter strampelte aus Leibeskräften was jedoch nichts brachte. Der Fremde hielt ihn mit eisernem Griff fest. Plötzlich hörte Peter Annabelle zornig kreischen und als er den Kopf drehte konnte er sehen, wie sie ihren Angreifer mit wütenden Tritten gegen sein Schienbein traktierte.
"Lass meinen Bruder los, du Hobb!" rief sie mit ihrer wütenden Kleinmädchenstimme und holte zu einem neuen Tritt aus. Der Fremde packte sie am Kragen und schleuderte sie ohne Kraftanstrengung in eine der Ecken.
"Sei ruhig, du kleiner Dummkopf," sagte er herrisch und wandte sich wieder Peter zu.
"Also noch mal, was wolltet ihr hier mitten in der Nacht?"
"Das Zauberbuch suchen," presste Peter hervor und der Griff lockerte sich ein wenig. Aber wohl nur aus Überraschung ob der Antwort, denn keine Sekunde später schlossen sich die Finger wieder wie Stahlzangen um seinen Kragen.
"Das Zauberbuch, soso." er kicherte meckernd. "Was hättet ihr denn damit gemacht, wenn ihr es gefunden hättet?"
Peter gab keine Antwort sondern überlegte fieberhaft wie sie hier wieder rauskommen sollten. Schließlich trat er mit der Kraft der Verzweiflung zu. Er konnte zwar nicht sagen wo er getroffen hatte, aber sein Angreifer ging mit einem tonlosen Stöhnen zu Boden. Peter wand sich aus dem gelockerten Griff des Fremden und hastete zu seiner Schwester, packte sie und zog sie auf die Beine. Dann rannte er, die wie am Spieß schreiende Annabelle hinter sich her ziehend zum Fenster und stürzte sich hinaus. Der Aufprall trieb ihm zwar die Luft aus den Lungen aber er rannte ohne sich umzusehen oder zu verschnaufen weiter auf den Waldrand zu. Annabelle schrie noch immer gellend und ließ sich auch weiter von ihrem Bruder mitziehen. Sie hatten die Sträucher schon fast erreicht, als die Tür der Hütte aufflog und die Gestalt im schwarzen Umhang ins Freie trat. Mit einem lauten Brüllen stürzte er den Beiden nach und hatte sie mit wenigen Schritten eingeholt. Annabelle schrie noch lauter und Peter schlug mit seinen Fäusten auf den Angreifer ein. Dieser schlug zurück, und das wesentlich kräftiger als Peter, um den sich alles zu drehen begann.
"Lass ihn los du Schwein!" hörte Peter seine kleine Schwester kreischen. Und dann den Fremden lachen. Allerdings endete das Lachen in einem erstickten "Uff" und einem erneuten Quietschen seiner Schwester.
"Lass ihn los, lass ihn los, lass ihn los, du Schwein, du Schwein, lass meinen Bruder sofort los!" schrie Annabelle. Erneut traf Peter eine Faust mitten im Gesicht und er sah Sterne. Dann wurde er losgelassen und fiel auf den schlammigen Boden, wo eine Welle von Übelkeit über ihn hinwegschwappte.
"Das einzige Schwein, dass ich hier sehe, bist du mein Kind!" hörte er die Antwort des Fremden, der ein Geräusch wie zerreißender Stoff und eine helles Leuchten folgte. Annabelle begann erneut zu kreischen und dann wurde es dunkel um Peter.

Peter wurde von einem feuchten Kuss geweckt. Mühsam schlug er die Augen auf und schloss sie gleich wieder, als er merkte wie hell es war. Die Sonne tat ihm in den Augen weh und sein Kopf fühlte sich an als hätte er eines mit einer Schaufel übergezogen bekommen. Als er sich vorsichtig aufrappelte und sich umsah drehte sich alles um ihn und er schloss vorsichtshalber die Augen. Als er sie wieder öffnete saß vor ihm ein kleines, rosa Schweinchen und blickte ihn aufmerksam an. Als es sich seiner Aufmerksamkeit gewiss war, begann es aufgeregt zu quieken und zu grunzen, lief auf und ab und rannte schließlich auf ihn zu und sprang auf seinen Schoß, wo es sich an ihn kuschelte. Peter sah das Tier einen Moment lang verwundert an und schob es dann wieder von sich runter. Das Schwein schien davon allerdings wenig angetan zu sein, denn während er versuchte auf die Beine zu kommen, rannte es wiederholt und unter lautem, zornigen Quieken gegen sein Schienbein. Schließlich gab Peter es auf und dreht sich mit bösem Gesicht zu dem kleinen, rosa Etwas um.
"Husch, mach dass du fort kommst, ich hab keine Zeit für dich," rief er und fuchtelte mit den Armen um das Schwein zu vertreiben. Das setzte sich auf seine Hinterbeine und blickte ihn mit schräg gestelltem Kopf an. Peter war in der Zwischenzeit endgültig wieder auf die Beine gekommen und blickte sich nach seiner kleinen Schwester um.
"Annabelle," rief er und begann auf die Hütte zu zu gehen. "Annabelle, wo bist du?"
Das Schwein setzte sich ebenfalls dieselbe Richtung in Bewegung und begann wieder zu quieken. Peter wandte sich unwillig um.
"Ach, verzieh dich doch." rief er. Das Schwein machte jedoch keinerlei Anstalten ihm zu gehorchen sondern trabte ungerührt weiter. Peter kratzte sich am Kopf.
"Annabelle?" rief er wieder. Keine Antwort. Nur das Schwein begann wieder aufgeregt zu quieken und rannte erwartungsvoll auf ihn zu. Peter ging ein paar Schritte weiter und versuchte es erneut. Sobald er den Namen seiner kleinen Schwester rief, kam das Schwein auf ihn zu getrabt. Peter schüttelte verwundert den Kopf und kämpfte die aufkeimende Panik nieder, die ihn zu befallen drohte. Er musste seine Schwester finden, sein Vater würde ihn totschlagen wenn er ohne seinen kleinen Liebling heimkommen würde. Er begann die Hütte langsam zu umrunden. Vielleicht hatte sie sich ja auf der Rückseite versteckt. Aber auch auf der Rückseite der Hütte konnte er das Mädchen nicht entdecken. Langsam wurde er ärgerlich.
"Annabelle! Wo bist du? Komm jetzt her!"
Und wie ein rosa Wirbelwind kam, nicht seine kleine Schwester sondern das kleine Schweinchen um die Ecke gelaufen und setzte sich aufgeregt quiekend vor ihm in den Matsch. Peter verdrehte die Augen. Er beugte sich nach unten und kniff die Augen zusammen. Eindringlich starrte er das Schwein an und es starrte teilnahmslos zurück.
"Sag mal, warum kommst du immer wenn ich nach meiner Schwester rufe um die Ecke gerannt?"
Seinen Worten folgte aufgeregtes Quieken und das Schwein begann vor ihm auf und ab zu laufen. Peter runzelte die Stirn und griff sich an den Kopf.
"Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass du mir etwas zu sagen versuchst," murmelte er. Das Schwein hörte urplötzlich auf mit dem Gequieke und blickte Peter aus seinen kleinen schwarzen Augen aufmerksam an. Peter ging in die Hocke und beugte sich näher zu dem rosa Wesen hin.
"Also kleines Schweinchen, was versuchst du mir zu sagen?"
Das Tier richtete sich auf, blickte nach rechts und links und sauste dann um die Ecke, dass der Schlamm in feuchten Batzen aufflog und die Wand der Holzhütte mit einer schmierigen Schicht überzog. Peter konnte nicht anders als zu lachen. Wie ein geölter Blitz kam da aber das Ferkel schon wieder um die Ecke gesaust und zog etwas hinter sich her. Als es vor Peter angekommen war, lies es sein Beutestück fallen und starrte ihn beifallheischend an. Er konnte sich nicht verkneifen an einen kleinen Hund zu denken, der gerade ein Kunststück gemacht hatte und nun gelobt werden wollte. Peter griff nach dem dunklen Stück Stoff, welches das Schwein vor ihm fallengelassen hatte und hob es hoch. Das war eindeutig Annabelles Mantel und zwar genau der den sie gestern Nacht angehabt hatte. Verwirrt drehte er das Kleidungsstück in seiner Hand hin und her. Das Schwein saß ihm gegenüber und blickte ihn immer noch mit einem erwartungsvollen Blick an. Schließlich ließ Peter das Stück Stoff sinken und schüttelte betrübt den Kopf.
"Es hat keinen Sinn.", sagte er, mehr zu sich selbst als zu dem rosa Etwas zu seinen Füßen. "Annabelle ist verschwunden und ich werde sie nie wieder finden."
Das Schwein verdrehte die Augen und rollte sich auf den Rücken. Peter meinte ein frustriertes Schnaufen zu hören, schob es aber auf seine Einbildung. Er legte die Hände vors Gesicht und begann zu weinen. Einerseits weinte er wegen seiner kleinen Schwester die verschwunden war, andererseits weinte er auch wegen sich und weil er schuld daran war, dass sie überhaupt mitgekommen war. Hätte er darauf bestanden dass sie wieder ins Bett ginge, wäre das alles nicht passierte. So rollten heiße Tränen über seinen Wangen und bildeten, während sie den Schmutz wegspülten, schmutzige Bahnen auf seinem Gesicht. Als er die Hände wieder von seinem Gesicht nahm und die Tränen aus den Augen geblinzelt hatte, sah er das kleine Schwein wie es gerade versuchte in den Mantel zu klettern. Schließlich hatte das Ferkel es geschafft und blickte Peter wieder einmal erwartungsvoll von unten herauf an. Und dann begann es durchdringend zu quieken und in den Mantel seiner Schwester gehüllt auf ihn zuzulaufen wobei es über die für seine Beinchen viel zu langen Ärmel stolperte. Und genau da passierte es. Die Erkenntnis traf Peter wie mit einem Vorschlaghammer und hätte ihm, wenn er nicht sowieso schon gesessen wäre die Boden unter den Beinen weggezogen.
,Hatte der Schwarze Mann nicht etwas gerufen bevor ich das Bewusstsein verloren habe?', überlegte er.
"Das einzige Schwein, dass ich hier sehe, bist du mein Kind!" hallte die dunkle Stimme in seinem Kopf wieder und er hörte erneut das schrille Kreischen seiner Schwester. Er blickte auf das Schwein, dass in Annabelle's Mantel gewickelt vor ihm auf dem Boden saß, hört in seinem Kopf das Kreischen seiner Schwester und zählte schließlich Eins und Eins zusammen. Er beugte sich nahe an das Ferkel heran und flüsterte: "Annabelle?"
Sofort sprang das Schwein auf ihn zu, machte es sich in seinem Schoß gemütlich und quiekte aufgeregt auf ihn ein. Peter starrte das Tier einen Moment lang fassungslos an dann begann er den kleinen, rosa Kopf zu streicheln, während er ständig: "Das kriegen wir schon wieder hin.", murmelte. In seinem Kopf spielten sich hunderte Szenarien gleichzeitig ab. Da sah er sich von seinem Vater windelweich geprügelt, seine weinende Mutter, seinen wütenden Großvater der ihm die Ohren langzog. Er sah sich als Erwachsenen mit einem Schwein an seiner Seite durch den Ort spazieren. Er schüttelte den Kopf um diese Gedanken zu vertreiben. Irgendetwas musste es ja geben, was ihm helfen konnte seine Schwester wieder zurückzubekommen.
Das Schwein hatte es sich in seinem Schoß endgültig gemütlich gemacht und sich zu einem kleinen Ball zusammengerollt.
"Wir brauchen das Zauberbuch," überlegte Peter laut, "aber wo ist der Mann damit hin verschwunden?"
Er nahm das Schwein und setzte es vorsichtig auf den verdreckten Mantel.
"Bleib schön hier, Annabelle. Ich schaue mich mal um, ob der Kerl in dem Matsch nicht ein paar Spuren hinterlassen hat."
Annabelle grunzte gehorsam und setzte sich auf ihre Hinterbeine. Peter begann den aufgeweichten Boden um die Hütte herum zu untersuchen und schon nach kurzer Zeit hatte er etwas gefunden, was eindeutig eine Spur war. Und diese Spur führte direkt in den Wald und auf die Berge zu. Nachdenklich kaute er an einem Finger und blickte seine Schwester an.
"Annabelle, ich glaube wir müssen ein Stück wandern, bis wir den Schwarzen Mann gefunden haben. Aber dann wirst du wieder ein kleines Mädchen." Er lächelte.
"Und so lange kannst du das Alles ja als ein großes Abenteuer sehen!"
Annabelle streckte sich und gab ein Grunzen von sich, dass genauso gut ein Lachen oder ein Stöhnen hätte sein können. Dann trabte sie auf Peter zu, und beide machten sich, den Fußspuren im Matsch folgend, auf in den Wald.



Kommentare

Storyparadies Moderator Klaus schrieb am 2006-02-28 21:16:10:
Nicht schlecht, aber leider ist der Anfang viel zu langwierig. Zu viele Erklärungen für dies und das. Dann wird die Geschichte besser, bewegter, Interessanter. Neugierde wird beim Leser geweckt und auch ich bin gespannt wie es weitergeht.
alexander.hammermeister@web.de schrieb:
scheiße
nicole.hein@ schrieb:
Etwas zu LAAAAAAAAAAAAAAANNNNNNNNGGGGGGGGGGG !!!!!!!!!!!!!!!
rcl25@gmx.net schrieb:
@ alexander
danke für die fundierte und eindeutige kritik
@ nicole
hi... klar isses lang, soll ja auch noch länger werden. Aber danke für den Hinweis, werde versuchen die Stories in Zukunft in kürzere Abschnitten einzusenden :-)

Gruß
darkangel
rcl25@gmx.net schrieb:
Hi Leutz,
sagt mir bitte mal was ihr davonhaltet, soll nämlich eine Geschichte für meine Nichten werden - und Harry Potter sind die soooo anspruchsvoll geworden :-)
Gruß
darkangel
toxin2004@web.de schrieb:
Hi,
ich muss vorweg sagen, dass ich die Geschichte aufgrund der Länge erstmal nur bis zur Hälfte gelesen hab, aber ich denke nicht, dass der Schreibstil sich noch arg ändert, oder?
Ich finde die Geschichte sehr gut geschrieben, doch stellenweise wirklich etwas lang, vorallem wenn du irgendetwas beschreibst. In solchen Fällen neigt man dazu, einen Abschnitt nur kurz zu überfliegen, wenn absehbar ist, dass es sich die ganze Zeit über nur um die Beschreibung beispielsweise des Waldes handelt. Achte darauf, dass es nicht ausartet. In Zukunft lieber mehr Raum für die Fantasie der Leser lassen =)
Teilweise wiederholst du dich auch ("...wer hier bleiben wollte hatte wohl seine eigenen Gründe, nicht in die nur drei Tagesreisen entfernte Stadt im Landesinneren zu ziehen. Die meisten der Leute hatten auch ihre Gründe.").
Trotzdem, insgesamt wirklich gut, aber ich frage mich ob es für deine Nichten nicht stellenweise doch etwas zu langatmig wird, zumal es schneller ermüdet, etwas vorgelesen zu bekommen, als selber zu lesen. Ich denke, vorallem Kinder wünschen sich etwas mehr Handlung.
Wie alt sind die beiden denn?
Gruß, Toxin
rcl25@gmx.net schrieb:
hi Toxin,

danke für die Anregungen. Stimmt, jetzt wo du es sagst fallen mir die Doppelungen auch auf. Was das langatmige betrifft... da werd ich mir wahrscheinlich schwertun, da das einfach "mein Stil" - gerade bei Beschreibungen - zu sein scheint. Ich würde mich trotzdem freuen wenn du auch den Rest der Story lesen würdest, da sich der Schreibstil nach der Einleitung doch arg ändert.
Was meine Nichten betrifft - zum Vorlesen sind - oder besser fühlen - sich die Beiden mit 10 und 11 1/2 schon zu alt :-)
Gruß
darkangel
toxin2004@web.de schrieb:
So, endlich durch =)
Tasächlich ändert sich der Stil, und nach dem langatmigen Anfang, nach dem ich schon die Flinte ins Korn werfen wollte, fängt die Geschichte zu flutschen an und lässt sich leicht und fließend lesen, wirkt auch nicht mehr so 'überlang'.
Insgesamt sehr schön und nett geschrieben, für Kinder in dem Alter genau das Richtige! Weiter so :-)
Gruß, Toxin
daratheis@web.de schrieb:
Hi Darkangel,
was deine Nichten davon halten werden weiß ich nicht, aber mir gefällt's.
Schön flüssig geschrieben, und bis auf die bereits erwähnten Wiederholungen hab ich an deinem Stil nix dran auszusetzen.
Ich wäre dir allerdings dankbar, wenn der nächste Teil ein bissl kürzer wär, weil ich mir bei so langen Texten immer zweimal überleg ob ich les oder nicht.
Diesesmal hat es sich gelohnt *g
Also, dein Stil gefällt mir, der schwarze Mann gefällt mir (liegt an meiner Vorliebe für dunkle Umhänge und tief ins Gesicht gezogene Kapuzen *g), die Story find ich jetzt nicht unbedingt so faszinierend (aber es soll ja was für Kinder sein und ich denke, deinen Nichten gefällt's) wobei ich da Toxin rechtgeben muss, der erste Absatz ist nicht unbedingt was, was Kinder interessiert...

Liebe Grüße, Lanna

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