Armageddon in der Teetasse 1
von
Kolja
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Langeweile mag beizeiten geeignet sein, Menschen in schlechtere Subjekte zu verwandeln, als sie ohnehin schon sind. Besonders dramatisch kann es werden, wenn zu ihr noch so etwas wie Kreativitätsmangel hinzutritt, der bestimmte Berufsstände geradezu zwingt, die Grenzen des Machbaren immer weiter auszudehnen, bis es nichts mehr machbares gibt.
Diese Gedanken mögen auch Herrn Doktor Dieter Ulbricht durch den Kopf geschossen sein, als er auf die Leichenverseuchten Straßen der Taubenallee blickte. Dabei war es weniger der Anblick eines vermodernden Corpus, der sein Tageslächeln des Gesichts verwiesen hatte. Es war auch nicht die Tatsache, dass es die Vogelgrippe 80 Jahre nach ihrer Entdeckung endlich geschafft hatte, die Karriereleiter heraufzuklettern, die spanische Grippe vom Throne zu stoßen und sich selbst die Krone aufzusetzen (und dafür ein Entgeld von bisher 20 %% der Weltbevölkerung entrichtete). Nein, was diesem ehrenwerten Mediziner störte war die Einfallslosigkeit der Medienlandschaft. Die besten Serien der Vergangenheit (Opas glückliches Siechtum, unser erster gemeinsamer Sargnagel, Live im Freudenhaus) waren nicht mehr zu empfangen, weil die Belegschaft des Senders inklusive Vorstand das alljährliche Geflügelfest besucht hatte.
So aber gab es niemanden, der die Bevölkerung mit notwendigem Vakuum füllte, was man in Zeiten allgemeiner Panik aber nun mal dringend braucht. Auf Dauer tote Menschen anzustarren ist zwar zunächst spannend, vermag aber auf Dauer nicht zu überzeugen.
Herr Ulbricht hatte es satt. In seine Praxis kam seit Tagen auch kein einziger Patient mehr, denn alle blieben zu Hause und verließen ihre Häuser wenn, dann nur, um die Apotheken zu besuchen und Fernsehzeitungen zu kaufen. Wenn man Essen wollte, musste man eben mit der örtlichen Karantänekantine vorlieb nehmen, die überall eingerichtet worden waren. Aber da ja niemand mehr rausging, hatten diese mobilen Etablissements nicht von der Hand zu weisende Probleme beim Absatz ihrer Speisen und so war nun auch den Köchen langweilig.
"Wenns niemand macht, dann mach ichs eben!" sprang es dem Herrn Ulbricht durch sein gelangweiltes Hirn. Er würde den Job des Senderleiters übernehmen! Er würde das Volk aus seiner Lethargie reißen! Er würde der komödiantische Heilsbringer der Nation werden!
Er nahm seinen Hut und fasste an die Türklinke, um sie zu öffnen. Er hatte sie gerade einen Spalt weit aufgemacht, als ihm ein schmerzendes Stechen durch sein Gesäß fuhr und er laut aufschreien musste. "Ahhh, ihr Schweine, wenn das vorbei ist, stecke ich euch mein ganzes Instrumentarium an ärztlichen Utensilien in eure Ärsche!".
Er hatte die sogenannten Blaumacherüberwacher vergessen. Dies war ein Berufsstand jüngeren Datums, der aus der Not geboren wurde und in der Anfangszeit der Seuche entstand. Diese Männer hatten Beamtenstatus (Privatisierung wurde jedoch lebhaft diskutiert) und die Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass kein Arzt vor seiner Pflicht, die Seuche unter Kontrolle zu halten. Wenn sie einen dabei erwischten, wie er tatsächlich das Handtuch (und seinen Kittel) werfen wollte, so zückten sie ihr speziell angefertigten Pfeilgewehre und jagten dem betreffenden Sohn des Hippokrates einen Pfeil mit Ameisensäure in eine bestimmte Stelle des Hinterns. Das piekte zunächst ein wenig und verwandelte sich dann in ein Gefühl, als ob Bakterien Benzin unter der Haut ausgegossen und angezündet hätten.
Ulbricht wandte sich vor Schmerzen und schmetterte wilde Beschimpfungen gegen die Schützen, die sich im Regelfall vor Lachen nicht mehr halten konnten. Dabei hätte unser Arzt nur noch zwei Minuten bis zu seiner gesetzlich zugelassenen Pause warten müssen und er hätte zumindest eine Speise einnehmen können, ohne gleich einen Pfeil im Hintern stecken zu haben.
So aber humpelte er zur Tür, denn der Schmerz hatte auch sein Bein erreicht. Wieder griff er zur Tür und wollte sie aufmachen als sie sich scheinbar verselbstständigte, gegen sein Gesicht manövriert wurde und selbiges auch eben so zielsicher traf, wobei er mit voller Wucht gen Erdreich geschleudert worden war. Jetzt wäre Ulbricht am liebsten rausgegangen, um mit einem der Corpusse zu verkehren, auf das auch sein Hirn bald zu zwitschern anfing, aber er fügte sich vorerst in sein Schicksal und blieb liegen.
Die Tür war aufgerissen worden und Herein kam ein Zylinder. Jedenfalls war das das erste, was man von dem dick beleibten etwas sah, das gewichtigen Schrittes das Behandlungszimmer betrat.
"Herr Ulbricht, ich bin beeindruckt, dass sie offensichtlich so beeindruckt von meiner Anwesenheit sind. Wir kennen uns."
Ulbricht kramte in seiner Erinnerung. Von einem Fettsack mit Zylinder (und einer übelriechenden Zigarre) wusste ihm sein Kopf keine Meldung zu machen.
"Würde ich sie kennen, dann nur, wenn ich Spezialist für Adipositaspatienten wäre, ich aber bin auf Infektionskrankheiten Spezialisiert und langweile mich zu tode. Im Übrigen liege ich gerade auf dem Boden und habe Schmerzen in Gesäß, Anus und Bein. Wenn sie mich bitte entschuldigen würden, ich möchte nun speisen." Er raffte sich auf und wollte den gut gebauten Mann beiseite schieben, doch der knallte seinen Spazierstock zwischen Ulbricht und Wand.
"Halt! Wenn ihnen langweilig ist, dann habe ich genau das Richtige für sie, sie kommen jetzt mit mir essen und dann reden wir über ihre Zukunft Herr Ulbricht!"
Ulbricht schaute etwas geknickt drein, als der Herr seinen Arm um ihn legte und mit seinem Bauchspeck zuerst die Tür verlies.
Fortsetzung folgt
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