Arman
von
Iris Feller
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Da stand dieses kleine Wesen plötzlich vor mir und ich dachte mir, fein, endlich habe ich jemanden zum spielen. Nicht, dass ich total einsam war, aber da wir gerade hierher aufs Land gezogen waren, lebte ich nun von meinen Schulfreunden doch etliche Kilometer weit entfernt und in unmittelbarer Nachbarschaft waren kaum Kinder in meinem Alter. Ich war acht, als unser „Krümelchen“ zu uns kam. O.k., der Altersunterschied war schon groß, ich schätzte ihn so auf drei. Aber egal, er war „verfügbar“ und das reichte mir. Es waren gerade Sommerferien und ich hatte viel Zeit. Wir spielten den ganzen Vormittag zusammen, auf Bäume klettern, Fußball spielen, ich konnte kaum glauben, dass dieser Kleine mithalten konnte. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er sich mir anpasste.
Gegen Mittag ließen wir uns nur noch total erschöpft auf mein Sofa plumpsen. Ich freute mich schon, wenn Mama vom Einkaufen nach Hause kommen würde, nicht nur, weil es dann Essen gab, sondern auch, weil ich ihr Krümelchen zeigen wollte. Außerdem konnte ich es gar nicht abwarten, sie zu fragen, ob wir ihn behalten können. Wenn Mama ja sagt, sagt Papa selten nein. Also erst einmal Mama herumbekommen, dachte ich mir, ohne natürlich an so etwas wie Behörden und Formalitäten zu denken.
Kaum hörten wir das Klappern des Schlüssels an der Eingangstür, standen wir auch schon Spalier. Endlich, Mama war da. Als Mama uns – vor allem IHN – erblickte, wurde sie kreideweiß – und das ist bei Mamas immer rosa Teint eigentlich unmöglich, egal wie schlecht es ihr auch ging. Sie bemühte sich – die Einkaufstüten fest umklammert – nicht in Ohnmacht zu fallen. Mit so einer Reaktion hatte ich eigentlich nicht gerechnet. Na ja, Arman – das war Krümelchens Name – sah schon etwas ungewöhnlich aus, mit seinen langen, spitzen Zähnen und seinen Krallen. Auch war seine Haut dunkellila – oder wie sagt man so schön, aubergine - und samtig, wie ganz kurzes Fell. Tja, und seine Augen waren groß und von glühendem Schwarz. Irgendwie sah er wie ein Panther aus, allerdings ging er aufrecht. Und ich wollte Mama fragen, ob wir ihn behalten können. Das konnte ich jetzt wohl erst einmal vergessen. Nun war es zunächst meine Aufgabe, Mama zu beruhigen. Als ich ihr sagte, dass Arman und ich so schön miteinander gespielt hätten, den ganzen Vormittag lang, war das aber keine gute Argumentation und Mama wurde noch blasser. Ihre panikartigen Gedanken schrieen mich förmlich an: „Oh Gott, mein armes Kind, ganz alleine mit diesem, diesem ... was auch immer!“
Arman schien diese Gedanken ebenfalls gehört zu haben und lächelte meine Mama aufmunternd an. Das war allerdings auch keine gute Idee, denn so konnte Mama seine Zähne besonders gut sehen. Wir wussten nicht, wie wir aus dieser misslichen Situation herauskommen sollten. Arman war doch nun wirklich ein niedliches, kleines Geschöpf. Außerdem haben Katzen auch spitze Zähne und Krallen. Und sie sind doch auch niedlich, oder? Also, wo ist das Problem? Mit Arman konnte man sich wenigstens unterhalten und Fußball spielen.
Ich habe Mama ins Wohnzimmer gebracht und sie auf die Couch gebettet. Arman schleifte in der Zeit die Einkaufstüten in die Küche und machte sogar einen Tee für Mama. Mama liebt Rooibos-Tee, am liebsten Sahne-Karamell-Geschmack. Das schien Arman zu wissen, denn als er an mir vorbei zu meiner Mama ging, schwebte dieses Aroma hinter ihm her. Mama nahm ein paar Schlückchen und der heiße Tee tat seine Wirkung, denn ihr Teint färbte sich wieder ein wenig rosa und ich dachte schon, die Welt sei wieder in Ordnung. Weit gefehlt. Jetzt setzte Mama ihren „bösen“ Blick auf und fragte mich, ob ich ihr denn – mal wieder – nicht zugehört habe, als sie zum hundersten mal sagte, dass ich Fremden nicht trauen sollte. „Aber Arman ist doch lieb“, warf ich ein. Doch als das Wort „Skepsis“ erfunden wurde, hat man wohl an meine Mama gedacht. Denn ohne tausend Beweise glaubt sie nämlich nichts. Als Mama merkte, dass ich den Tränen nah war – Mamas Blick kann wirklich sehr böse sein – nahm sie sich „mein“ Krümelchen vor. Er war mir schon total ans Herz gewachsen und ich hoffte, dass Mama nicht mit ihm schimpfen würde, wo er doch noch so klein war.
„Wer bist du und was willst du hier?“ fragte meine Mama in einem Ton, der MICH schon erschaudern ließ und ich war ja schon „groß“. Wie musste es meinem Krümelchen dabei gegangen sein? Aber Arman blieb ganz ruhig und sagte, dass er nicht hier sein, um uns etwas anzutun, sondern hier – in unserer Welt – irgendwie überleben muss, und zwar egal wie, um – wenn er erwachsen ist und seine Macht sich voll entfaltet hat – zurückkehren kann, um seine Heimatwelt zu befreien. Nun, Mama ist jetzt nicht so der Typ, der auf fliegende Untertassen oder ähnliches abfährt. Aber allein die Tatsache, dass Arman nicht wie ein Mensch, aber auch nicht wie ein Tier aussah – und wie eine Pflanze schon mal gar nicht – war sie irgendwie schon geneigt, ihm diese Kurzfassung seiner Existenz abzukaufen. Trotzdem sagte sie zu ihm „Du denkst doch wohl nicht, dass du mich mit den paar Bröckchen an Informationen zufrieden stellen kannst! Außerdem, wie stellst du dir dein Leben hier denn vor? Du siehst nicht gerade unauffällig aus und wirst dich vermutlich auch nicht unauffällig benehmen! Also, Arman, wie geht es weiter?“ „Wenn es um mein Aussehen geht, kann ich Abhilfe schaffen“. „Ach ja?“ fragte meine Mama ungläubig „Und wie willst du das anstellen? Eine Ganzkörpermaske aufsetzen, oder wie?“ „Nein, ich kann jede Gestalt annehmen, die ich möchte.“ „So? Und warum hast du das nicht sofort getan? Dann hättest du dich klammheimlich in unsere Welt schleichen können und keinem wäre aufgefallen, wer oder was du bist. Wenn dich – außer uns – noch jemand gesehen hat, bist du doch schon in Gefahr. Oder glaubst du, dass man dich in einen Kindergarten steckt. Du kannst dir ja wohl denken, wo man dich hinbringen wird, nicht wahr?“ Oh ja, Arman konnte sich durchaus denken, dass das Militär oder die Regierung oder wer auch immer, nicht besonders zimperlich mit ihm umgehen würden. Aber ich wusste ja, dass Arman gerade erst angekommen war, als wir uns im Mamas Blumenbeeten (wo ich eigentlich nicht spielen durfte) begegneten. Ich war also der erste Mensch, der einen wirklichen Außerirdischen zu Gesicht bekommen hat. „Dein Sohn ist der erste Mensch, mit dem ich in Kontakt getreten bin.“ „Bist du sicher, dass dich außer Corvin kein anderer Mensch gesehen hat?“ Da war es wieder. Skepsis pur. Aber so ist Mama halt. Arman war sicher. Innerhalb von Sekunden veränderte er sein Äußeres. Mama und ich konnten es beide nicht fassen. Er war – jedenfalls optisch – zu einem Menschen geworden. Fein, dachte ich, vielleicht kann ich Mama jetzt fragen, ob wir ihn behalten können. Ich nahm also allen Mut zusammen und fragte sie tatsächlich. Sie sah mich erstaunlicherweise gar nicht erschrocken oder böse an, sondern schmunzelte und sagte einfach nur, dass Arman uns jetzt erst einmal ganz genau berichten müsse, wer er sei, wo er
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Kommentare
Tina schrieb am 2008-10-29 14:37:16:
Eine schöne Geschichte, sehr phantasievoll geschrieben.
Gruß Tina
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