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Kategorien > Fabeln & Märchen > Moderne Märchen

Aufwind unter den Schwingen

von manfred stiller

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Aufwind unter den Schwingen.
© Manfred Stiller, für meinen Sohn Kevin, Dezember 2002
Inspiriert durch die Scheibenweltromane

Ich hätte wohl doch eher als Mädchen auf die Welt kommen sollen. Männer taugen nichts als Hexen; höchstens noch als Hexenmeister. Was nicht das gleiche ist. Männer machen zuviel mit der Begrenztheit des Verstands. Und Männer haben immer mit Macht zu tun.
So musste ich auch als erstes natürlich den Adler rufen. Nicht ein Mäuschen, eine Meise oder ihre Katze, wie es die meisten jungen Mädchen auf ihren Weg zur ausgebildeten Hexe tun.
Aber ich war kein junges Mädchen, eher ein reifer Mann. Doch die Gabe, oder besser die Bürde meiner Familie meldete sich wieder mit Kraft zu ihrem Recht.
Und ich bin meiner Mutter ziemlich dankbar, dass sie das Karten legen aufgeben konnte, als sie nur noch schlimme Sachen sah. Es ist wirklich einfach Unheil vorher zu sehen. Die dunkle Seite hat erheblich mehr Dynamik, während das Gute oft sehr, sehr leise daher kommt.
Und „wer mit dem Teufel von einem Teller essen will, muss einen verdammt langen Löffel haben“ um nicht zu verbrennen. (Zuckmeier: Des Teufels General)
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Der Schrei des Raubvogels drang aus mir mit ungeahnter Intensität. Ich weiß nicht ob nur mental oder auch akustisch. Jedenfalls zerbröckelten die Gläser in Sekundenbruchteil zu Staub.
Und in der Ferne wurde mir geantwortet. Die Schreie wurden lauter und kamen näher.
Adler gab es in dieser Gegend nicht, aber es näherte sich ein anderer Aristokrat, ein Roter Milan. Im eleganten Bogen landete er auf meiner Brüstung meines Balkons an meinem Haus, das ich hoch über dem Tal bezogen hatte.
Ein großes, sehr erstauntes Weibchen. Vielleicht hatte sie, oder ihre Ahnen , schon „geborgt“. Man sagt „borgen“. Man (oder besser sie, die Hexe) borgt an, von oder mit einem Wesen. Sie war schön, stolz und anmutig. Ich war schon so sehr Milan, dass ich mich in sie hätte verlieben können. Verdammt, zu sehr Mann, zu sehr Städter, zu wenig Hexe. Das schien sie auch zu empfinden und mied wachsam körperliche Nähe. Aber sie gewährte Verschmelzen mit ihren Bewusstsein und ich vermied es nach Herrschaft zu streben, wie es ein Hexer getan haben würde.
Borgen ist ziemlich einfach. Die meisten Lebewesen sind von einfachen Gemüt. Wenn sie die anfängliche Scheu vor der Fremden überwunden haben, spüren sie den Gewinn des Verschmelzen des Bewusstseins. Außerdem haben sie, außer Menschen, fast nie die Kraft sich zu entziehen.. Das eigentlich Gefährliche beim Borgen und überhaupt im Umgang mit Magie, ist es wieder zurück zu finden. Das erfordert wirklich Kraft, Willen und Erfahrung. Das man sich in seinen menschlichem Körper noch tagelang nach Mäusefleisch lüstet, ist noch das Witzigste. Möglicherweise erreicht man den Menschlichen Körper überhaupt nicht mehr oder nur in Fragmenten.
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Wir stürzten uns kopfüber von der Brüstung des Balkons. Rasend nahmen wir Geschwindigkeit auf. Atemberaubend, mir wurde es fast „schwarz vor Augen“. Als die Geschwindigkeit groß genug war, öffnete sie die Schwingen. Mit ein paar kräftigen Flügelschlägen gewann sie wieder Höhe.
Wir segelten sehr schnell sehr, sehr hoch im Luftmeer. Häuser, Autos, Autobahnen wurden sehr, sehr schnell sehr klein. Meine Sichtweise gefiel dem Milanweibchen nicht. Sie scannte die Gegend anders ab, kleine Gehölze, Felder, Wiesen. Unglaublich die Dynamik ihrer Augen, mit der sie sowohl weite Landschaften, als auch kleinste Punkte am Boden fokussieren konnte. Und sie fokussierte; ein kleines Kaninchen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit stürzten wir uns in die Tiefe. Ehe das Karnickel die Schrecksekunde überwunden hatte, bohrten sich schon die Fänge in seinen Nacken. Wir flogen sofort mit ihm auf und setzten uns auf einen nahegelegenen Ast, rissen Fleisch- und Hautteile hinunter und verschlangen sie. So ein Hochleistungsmotor braucht Brennstoff.
Wieder stürzten wir uns in die Luft und gewannen kreisend in der Thermik an Höhe. Sie war jetzt satt und ließ mich meine Route bestimmen. Ich zog über einige Bergkuppen und entdeckte den neuen riesigen Betonklotz einer Internet-Buchversandfirma. Witzig wie sie heute Bücher per Mouse-Click von einen Tag auf den anderen in alle Welt verschicken. Verdammt, ich hatte den Kontakt verloren. Wie ein Stein stürzten wir in die Tiefe, schneller und schneller. Panik ergriff mich und mit den Flügeln konnte ich nur unkontrollierte, hektische Bewegungen machen. Der Boden näherte sich mit rasender Geschwindigkeit. „Über dem Wind, nicht darunter; über dem Wind, nicht darunter“, drang in mein Bewusstsein und das Wort, das Milane vermutlich für „Idiot“ benutzten. In letzter Sekunde spürte ich wieder Wind unter den Flügeln. Nur wenige Zentimeter schossen wir über dem Boden dahin; Steinchen und Grashalme so zu sagen in „Augenhöhe“. Kraftvoll arbeitete ich mit ihren Schwingen. Durch lockeres Gebüsch und Baumbestand strebten wir wieder nach oben. Nach oben in den Aufwind. Und wir glitten pfeilschnell dahin, für mich über der Welt. Auf dem Wind und nicht darunter.
Sie übernahm wieder und brachte mich zu dem Balkon zurück. Mit einem Abschiedschrei entlies sie mich und verschwand in der Ferne.
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Von Krämpfen geschüttelt lag ich auf dem Boden, nie gespürter Schmerz trieb mir Rotz und Wasser aus den Augen. Erst nach Stunden kam ich schweißgebadet, aber glücklich wieder zur Ruhe und konnte mir die letzten drei roten Federn aus der Brust reißen.
Nur schlafen, schlafen; Ruhe finden; Kraft sammeln. Bis Morgen.
Denn morgen werde ich wieder gleiten.
Denn morgen will ich wieder Aufwind unter den Flügeln spüren.

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Kommentare

Anariel schrieb am 2006-10-01 04:50:59:
Einfach nur wunderschön.-verträumt sag-

Liebem Gruß
von einer Nomadin zwischen den Welten

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