Ausgesaugt
von
Alf Schauder
1
Ich glaube, wenn nicht ein einfallsreicher Sauberkeitsfanatiker den Staubsauger erfunden hätte, wäre diese Erde für meine Eltern nicht nur eine Dreckigere, sondern auch eine schlechtere Erde. Ohne das penetrante, säuselnde Geräusch des Straubsaugers, welches ständig unser Haus durchdringt, verfallen sie in Putzfantasien, während ich in den Wahnsinn getrieben werde. Egal um welche Uhrzeit: Dreck ist immer anwesend und muss auch deshalb zu jeder Zeit vernichtet werden. Morgens um 7.00 Uhr oder abends um 23.03. Selbst die dicksten Holztüren können das brutale Sauggeräusch nicht dämmen und verhindern, dass es sich in mein Zimmer stiehlt und mich somit aus dem Schlaf reißt und mich so beim Aus-, sowie auch am Einschlafen hindert. Das Aufheulen des Saugers beim An- und Aussschalten ist Ausdruck seiner Wut, die er gegen den Schmutz entwickelt und sein befriedigtes Ausschalteseufzen, weil er weiß, dass er den Staub nun ordentlich in sich aufgenommen hat, zeugen von seiner fressenden Mentalität. Der Ausknopf ist eigentlich das einzig positive Teil an dem Ding.
Meine Eltern verstanden diese Aversion nicht, die ich gegen den Sauger hegte. Dass es mit dem Geräusch in Verbindung stehen könnte, erkannten sie nicht. Viel mehr hielten sie mich für einen Schmutzfink, dem sämtliche Reinigungsmittel einfach zuwider waren und er in dem Staubsauger seinen natürlichen Feind sah. Tatsache: Ich war nicht der Typ, der übertrieben reinlich war, aber ich erkannte, wann der Dreck überhand nahm und konnte mich dann dazu entschließen, auch sauber zu machen.
Anders meine Eltern: Sie bekämpften Dreck der nicht da war, oder der zumindest nur in Molekulargröße existierte. Höchstwahrscheinlich spürten sie ihn. Eine mentale Verbindung und Anfeindung. Liebstes Kampfmittel: Der Staubsauger. Seine fiese Brutalität machte die Schmutzpartikel mundtot – und mich langsam auch. Die Ohrstöpsel führten eine aussichtslose Schlacht, das Kissen über dem Kopf zusammengedrückt musste ebenfalls kapitulieren.
Überredungskünste waren verpönt. Der Sauger stellte bereits einen Teil der Familie dar – ein bedeutendes Mitglied in unserem Haushalt. Mit meiner Feindschaft hatte mein Plastikbruder allerdings nicht gewettet und war deshalb mehr als überrascht, als ich ihn eines Tages, meine Eltern waren kurz weg, um neue Beutel und Filter zu besorgen, kaltblütig an seinem Saugrüssel in den Keller schleifte, aus dem Gartenhaus die größte Axt organisierte, die man sich vorstellen konnte und endgültig das Ende des Dreckfanatismus in unserem Haus besiegelte. Das herrliche Geräusch des zersplitternden Hartplastiks entschädigte mich für alle sonstigen Töne, die dieses Gerät jemals von sich gegeben hatte. Ausgiebig zerstörte ich die gesamte Elektronik in dem Gerät und versäumte es nicht, den Saugschlauch in seine zahlreichen einzelnen Glieder zu zerstückeln. Das Ergebnis war genauso grausam wie befriedigend: An einen Staubsauger hätte sich wohl niemand mehr erinnert gefühlt. Anders meine Eltern: Sie erkannten das Lieblingshaushaltsgerät sofort, welches ich makaber im Flur drapiert hatte und welches beim Öffnen der Haustür sofort in den Blickwinkel fiel. Die Beutel und Filter und die Staubsaugerpolitur fielen auch aus den Armen meines Vaters, als er das Werk der Zerstörung sah.
Die Strafe war schnell und einfach formuliert: Reparationszahlungen für den angerichteten Schaden und Putzdienst für das nächste halbe Jahr. Schon beim Aufkehren der zahlreichen Kleinteile des zerstörten Saugers, welche ich für noch mehr Dramatik um den selben gestreut hatte, wünschte ich mir schon einen neuen Staubsauger, der dies Problem schnell und kannibalistisch, ohne Reuegefühl, erledigt hätte.
1
Kommentare
nestbestoiber schrieb am 2007-11-19 11:39:44:
ich liebe deine geschichten : )
Kommentar hinzufügen