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Kategorien > Gesellschaft > Alltag

Austausch

von Matthias Augustin

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Jürgen ging durch Bangkok.
Genauer genommen schlenderte er durch Bangkok, denn Jürgen machte Urlaub. Und seiner Meinung nach waren Leute, die sich ihren Urlaub dadurch verdarben, dass sie von Monument zu Monument und von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzten, verrückt, wenn sie glaubten, sich so erholen zu können. Diejenigen, für die diese Hetzerei zum Urlaub gehörte, waren für ihn sowieso nicht mehr zu retten. Natürlich wusste er, dass er sich selbst gegenüber nicht ganz ehrlich war, wenn er so dachte, denn eigentlich war es eher seine Gemütlichkeit – dicht an der Grenze zur Faulheit –, die ihn davon abhielt, historische Bauwerke und Touristenattraktionen zu bewundern. Da ließ er sich doch lieber langsam durch die Eindrücke einer Stadt in einem fremden Land treiben. So bekam er schließlich mehr von der Kultur und den Menschen mit als die meisten anderen Urlauber.
Und in diesem Moment war Jürgen von keinem Land so begeistert wie von Thailand. Nirgendwo sonst hatte er je diese Mischung aus hektischem Treiben und sorgloser Gemütlichkeit gespürt. Während Männer und Frauen auf dem Markt lautstark ihre Waren anpriesen und Kinder schnell zur Hand waren, wenn sie sahen, dass ein Tourist Hilfe beim Tragen seiner vielen Taschen, Koffer und Körbe brauchte, saßen alte Männer in Korbstühlen am Straßenrand, tranken süßen Tee und unterhielten sich über die jüngeren Generationen.
Und Jürgen schlenderte an allem vorbei, sog die Atmosphäre in sich auf und genoss das Treiben. Nichts würde ihn davon abhalten, seinen Urlaub hier so zu verbringen wie er es wollte.

Als er erwachte, bemerkte er gleich die Gestalt, die am Fußende seines Bettes stand, umgeben von einem Strahlenkranz der durchs Fenster scheinenden Morgensonne. Eine weitere Person stand am Fenster und schaute hinaus auf die schon jetzt von Lärm erfüllte Straße. Als der Mann am Bett etwas auf Thai sagte, wandte er sich vom Fenster ab und kam ebenfalls herüber. Jürgen hörte das Klicken des Türschlosses seiner Zimmertür, dann kam eine weitere Person ins Schlafzimmer.
Jürgen richtete sich auf und schaute auf die drei asiatischen Männer, die um sein Bett herumstanden und ihn ansahen. Ihre wutverzerrten Gesichter waren auf eine Art und Weise erstarrt, die ihn an mexikanische Totenmasken erinnerten: die geweiteten Nasenlöcher bebten, der Mund war zu einer zähnefletschenden Grimasse entstellt.
Der Mann am Fußende befahl ihm auf Englisch, sich wieder hinzulegen. Selbst aus diesen wenigen Worten konnte Jürgen die zitternden Stimmbänder und den wild auf und ab hüpfenden Kehlkopf heraushören. Er tat, wie ihm geheißen wurde, und legte den Kopf wieder aufs Kissen, die Arme seitlich an den Körper gedrückt, so, als würde, wenn er nur flach genug lag, das Schicksal, das ihm offenbar blühte, nicht ganz so erbarmungslos ausfallen. Zitternd wartete er auf das, was nun passieren würde.
Doch erstmal standen sie nur um ihn herum und sahen auf ihn hinab. Er schaute vom einen zum anderen und versuchte zu ergründen, was sie von ihm wollten. Sie wirkten auf jeden Fall nicht wie aus der Tourismusbranche, eher wie Bauern oder Arbeiter. Sie waren alle von kleiner Statur, hatten breite Schultern. O-beinig standen sie vor seinem Bett und hatten die Arme wie zu einem Duell bereit vom Körper abgespreizt. Ihre Hände waren breit und schwielig, und eine dieser Hände zog ein Messer unter dem Hemd hervor. Blitzschnell zuckte der Mann vor und wollte sich auf Jürgen stürzen, doch die anderen beiden hielten ihn zurück, so dass das Messer nur seinen Knöchel traf.
Erschrocken schrie Jürgen auf und rollte sich zusammen. Die beiden Männer, die jetzt wild auf den dritten einredeten, bedeuteten ihm, sich wieder hinzulegen. Zögernd folgte Jürgen den stummen Anweisungen. Der Schnitt hatte die Arterie am Knöchel getroffen, und es blutete stark aus der Wunde.
Der Messer-Mann wurde ins Badezimmer geführt, wo die anderen eindringlich auf ihn einredeten. Jürgen überlegte, ob er versuchen sollte zu entkommen, doch seine Hände zitterten, und wenn die das schon taten, dann würden seine Beine erst recht den Dienst versagen. Außerdem sah die Aktion eben nicht so aus, als würden sie ihn umbringen wollen.
Er versuchte, das Gespräch zu belauschen, doch sie sprachen Thai. Allerdings schien es nach einiger Zeit, als würden die Männer in irgendeiner Sache übereinkommen, jedenfalls wurden die Stimmen leiser. Dann stürmten alle drei zurück ins Zimmer und waren offensichtlich erleichtert, als sie ihn noch auf dem Bett vorfanden. Wenigstens war das Messer wieder verschwunden, Jürgen konnte seine Konturen aber noch unter dem Hemd des Mannes ausmachen.
Dieser griff jetzt in seine Hosentasche und zog etwas hervor. Jürgen zuckte zusammen und wollte sein Gesicht mit den Händen schützen, doch dann hörte er, wie der Hahn eines Revolvers gespannt wurde. Der Mann links neben dem Bett hielt ihn in der Hand und zeigte damit auf Jürgens Kopf. Der Mann an der rechten Seite des Bettes holte ein Handy hervor und wählte. Während er telefonierte, kam der Schlitzer mit dem Zettel – soviel konnte Jürgen jetzt erkennen – in seiner Hand ans Kopfende. Und als Jürgen schließlich ein Foto vor die Nase gehalten wurde, ahnte er, dass dieser Urlaub seine Lebenserwartung radikal verkürzt hatte.

Das Foto zeigte das Mädchen, dass er gestern in einem der Rotlichtviertel Bangkoks aufgelesen und mit auf sein Zimmer genommen hatte. Sie war vielleicht dreizehn oder vierzehn gewesen und hatte sich gesträubt mitzukommen, war dann jedoch von einem älteren Mann gezwungen worden.
Jürgen hatte sie mit auf sein Zimmer genommen und gevögelt. Sie war keine Jungfrau mehr gewesen, trotzdem hatte es ihr aber kein Vergnügen bereitet. Nicht das er das erwartet hätte. Sie hatte gestrampelt und sich gewehrt, als wäre er der leibhaftige Teufel. Er konnte jedoch nicht sagen, dass ihn das nicht angemacht hätte.
Und jetzt hatte er hier anscheinend den Vater an seinem Bett, mit einem Messer in der Hand und Wut im Gesicht. Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er das Mädchen erkannt hatte, doch er wusste das seine nervösen Augen und der Schweiß, der ihm mit einem Mal aus allen Poren schoss, ihn verrieten.
Jetzt verfluchte er sich dafür, dass er nicht versucht hatte zu fliehen, als er noch Gelegenheit dazu gehabt hatte. Er hatte gerade einen Plan entworfen, wie er es trotzdem schaffen konnte, als es an der Tür klopfte. Erwartungsvoll hob er den Kopf, als der Mann mit dem Handy das Schlafzimmer verließ und zur Tür ging. Vielleicht war es der Zimmerservice ... doch das konnte nicht sein. Dieses Hotel sah nicht mal so aus, als ob es einen Direktor geschweige denn irgendwelche anderen Angestellten zu bieten hatte.
Als der Gast ins Schlafzimmer und damit in Jürgens Blickfeld trat, schwand all seine Hoffnung. Der Mann wurde mit Handschlag begrüßt und ins Zimmer geführt. Dann zeigte man auf Jürgen, und der Neue begutachtete ihn. Dieser nickte und gab dem Vater des Mädchens die Hand. Der Mann mit der Pistole holte ein

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