BLUTIGE SCHRIFTEN - Die erste Mär
von
RHAZARD
1
2
3
B. GIER. De
Ein Mädchen liegt auf dem Friedhof. Fahles Vollmondlicht über den brüchigen Ziegeldächern des Dorfes Lanzenfels. Wolfsgeheule. Grabsteine ragen schief aus dem Boden. Der Herbst bricht an. Aus den nahen zerklüfteten Bergen braust ein schroffer Wind. Morsche Bäume ohne Blätter wiegen sich knarrend und knarzend. Ein Mädchen ist dort zusammen gebrochen. Ohnmächtig? Sterbend? Tot? Schwer zu erkennen, in den Schatten der Nacht. Bleich und mager liegt sie da auf einem Grab. Die langen Haare flammendrot. Die Lippen blau. Spitz ragen ihr Nase, Kinn und Wangenknochen aus dem Gesicht hervor. Sie röchelt, die arme Kleine. Speichel und Schleim läuft aus ihrem Mund. Was ist da passiert? Was war da los? Und vor allem: Wie geht es weiter?
Ein grober, ungeschlachter Kerl marschiert breitbeinig über den Friedhof. Eine Schaufel trägt er über der Schulter. Warzen im Gesicht.Der Anblick des Mädchens bringt ihn zum Stehen. Er betrachtet sie. Eingehend. Stößt die arme Kleine dann roh mit dem Stiel der Schaufel.
„Hee!“, raunzt der grobe, ungeschlachte Kerl. Das Mädchen erwacht, wird aus ihrem todesähnlichen Schlaf gerissen. Dunkle Ringe hat sie unter den Augen. „Wo bin ich hier?“, will sie wissen. Die Stimme ist wie Pergament - Dünn und brüchig.
„Aufm´ Gottsacker“, kriegt sie zu hören. „Aufm´ Lanzenfelser Friedhof!“ Das Mädchen sieht sich um. Irgendwo weiter hinten fliegt „Der Rabe“ von Edgar Allan Poe vorbei und krächzt sein „Nimmermehr“.
„Und ... Was mache ich hier?“ Der Kerl mit der Schaufel hebt die Schultern und zieht den Inhalt seiner Nase geräuschvoll nach oben. „Weiß ich doch nicht.“ Er spuckt auf den Boden. Sie weiß es auch nicht. Keine Erinnerung kann sie finden. Nur schwarze Leere in ihrem Kopf. Eine kleine Gruppe gregorianischer Mönche im roten Gewand wandelt vorüber. Singen ihre schaurigen Choräle.
„Wer seid Ihr überhaupt?“
„Ich? Siegulf ... Siegulf Metzler ... Ich bin hier der Totengräber ... Und du?“ Eine Zeit des Wartens bricht an. Das Mädchen sucht verzweifelt nach ihrem Namen. Dann:
„Lilith. Ich glaube, so haben sie mich genannt ... Früher.“ Acht Grabsteine weiter ist ein Buckliger gerade mit Ausgrabungen beschäftigt. Schließlich zerrt er den Leichnam einer Jungfrau aus der Erde und sucht damit das Weite. Siegulf sieht ihm nach.
„Das is´ nich´ der richtge Ort für son kleines Mädchen wie dich.“ Ein solcher Ausspruch erzürnt sie.
„Ach, ...Was du nicht sagst! Da wäre ich jetzt von alleine nie drauf gekommen!!“Aus dem Grab nebenan wühlt sich eine verfaulte Hand empor. Streckt die Finger zum Himmel. Das Mädchen beginnt, mit den Zähnen zu klappern. Frösteln bei ihr. Furcht könnte es sein. Oder Kälte. Oder beides. Siegulf schultert seine Schaufel.
„Kannst mitkommen.“ Dann geht er. Verlässt den Friedhof durch das schmiedeeiserne Tor. Die Hand aus dem Grab sinkt mit verkrampften Fingern zuckend in sich zusammen.
* * *
Das Haus des Lanzenfelser Totengräbers ist eine Bruchbude. Ein übles Loch. Aus Holz. Aus Brettern, die von Würmern zerfressen sind. Stroh, verschimmeltes Stroh, daraus ist das Dach gemacht. Lilith, das Mädchen ohne Erinnerung, sitzt am wackelnden Tisch. Jezebel, die bleiche, magere Frau des Totengräbers bereitet in einem Kupferkessel einen Eintopf aus dem Karnickel zu, das Siegulf tags zuvor von der Straße gekratzt hatte. Frisch war der Kadaver schon da nicht mehr gewesen. Aber einen strengen Geschmack kann man mit scharfen Gewürzen bedecken.
„Du armes Ding!“ Die Frau setzt sich neben das Mädchen. „Du weißt nicht mehr, was mit dir geschehen ist?“ Kopfschütteln ist als Antwort genug. Lilith kramt in ihren Taschen. Vielleicht ist dort etwas zu finden, was hilft, die verlorenen Erinnerungen zurück zu bringen. Ein Stift kommt zum Vorschein. Ein Füllfederhalter. Schwarz. Glänzend. Mit goldenen Schriftzeichen auf der Kappe. In einer fremden Sprache. Erkennen leuchtet im Gesicht des Mädchens auf.
„Hey! Ich weiß, was das ist ...“
„Was denn?“ Jezebel beäugte den Stift, voller NeuGierde. In ihrem Leben passiert so wenig. Es ist immer dasselbe. Tagein. Tagaus. Da ist sie um jede wie auch immer geartete Abwechslung froh. Die lange Weile auf der einen Seite kann die neue Gierde auf der anderen groß und mächtig machen.
„Er erfüllt Wünsche! Hat mir bisher alle Wünsche erfüllt!“ Das bringt Jezebel dazu, laut aufzulachen. Sie streicht Lilith über das zerzauste Haar.
„Ach, ... Mein Kind. Mein liebes, gutes Kind. Bist du nicht schon ein klein wenig zu groß, um noch an solche Dinge zu glauben?“ Lilith zieht die Kappe vom Füllfederhalter. Betrachtet die güldene Spitze. Hält sie sich nah vors Gesicht. Dann lächelt sie. Ein Lächeln. So unergründlich, wie der Ozean.
„Wenn es aber die Wahrheit ist?“, flüstert sie. „Die reine Wahrheit??“ Lilith überreicht ihn Jezebel. Die Frau des Totengräbers bemerkt dabei etwas, was sie verwirrt. Blutergüsse an den Fingerspitzen des Mädchens. Frischen Schorf hat sie am Daumen der rechten Hand.
„Willst du dich nicht selbst davon überzeugen, dass ich wahr gesprochen habe?“ Liliths Stimme klingt mit einem mal ganz anders. Dunkel. Tief. Und unheimlich. Jezebel nimmt den Füllfederhalter in Augenschein. Mit einem Mal, warum, weiß sie selbst nicht so genau, bekommt sie eine Gänsehaut. Irgendetwas geht in ihr vor. Es ist nur so ein Gefühl ...
„Was soll ich tun?“, fragt sie atemlos.
„Nicht viel!“ Lilith steht auf. „Schreib auf, was du willst.“ Jezebel runzelt die Stirn. Dunkle und beunruhigende Dinge gehen nun vor. Die Frau des Totengräbers holt Papier. Einen zerknitterten Fetzen Zettel, den sie neben dem Feuerloch des Ofens gefunden hat. Dann nimmt sie Platz. Lilith stellt sich neben sie. Jezebel beginnt mit ihrer Schrift.
ICH WILL ... Dann schreit sie auf. Vor Schreck und Schmerz. Eine Wunde ist da an ihrem Finger. Ein Stich. Blutige Tropfen perlen hervor. Lilith legt Jezebel beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Es ist schon gut so“, sagt das Mädchen. „Keine gewöhnliche Tinte kann dir deine Wünsche erfüllen. Dafür braucht es schon einen besonderen Saft ...“
„Der Stift saugt mit das Blut aus!“
„Was sind schon ein paar Tropfen Blut für die Erfüllung deiner sehnlichsten Wünsche?“ Jezebel blickt das Mädchen entgeistert an. Das ist Teufelswerk! Sie bekommt es mit der Angst zu tun. Angst. Aber die NeuGierde ist letzten Endes stärker. Mehr noch: Es verschafft ihr insgeheim ein Hochgefühl, etwas Verbotenes zu tun!
„Was wünscht du dir?“, will Lilith mit tonloser Stimme wissen.
„Ich wünsche, ...“ Jezebel sieht sich um. Schließlich fällt ihr Blick auf den Kupferkessel mit dem brodelnden Inhalt.
„Ein essbares Abendessen.“ Wieder dieses Lächeln von Lilith. Unergründlich wie der Ozean.
„Du musst konkreter werden ... Je klarer die Wünsche formuliert sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie so erfüllt werden, wie sie erfüllt werden sollen.“
„Einen Eintopf, von dem ich keine Magenschmerzen bekommen werde. Ein gutes Mahl.“ Lilith nickt und schiebt Jezebel den
1
2
3
Kommentare
Karyl schrieb am 2007-12-07 18:50:56:
Die Geschichte ist spitze.
das einzige Manko ist der Anfang. An manchen Stellen ist die Friedhofsszene etwas schwer zu verstehen. Der Rest SUPER
Kommentar hinzufügen