BLUTIGE SCHRIFTEN - Die zweite Mär
von
RHAZARD
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UNERMESSLICHE SCHULD
Alles hat seinen Preis. Nichts ist umsonst. Noch nicht einmal der Tod. Denn der kostet ja schließlich das Leben. Und irgendwann im Leben eines Jeden von uns kommt der Moment, wo alle Schuld beglichen werden muss. Davon soll in gewisser Weise diese Mär der Blutigen Schriften handeln ...
Einst, um eine schaurige Mitternacht, hockte Zacharias Haferstroh, der einstige Student, müde und trübe sinnend, in seinem Zimmer am Pulte. Er war ein Hänfling, ein Schmächtling. Ein typischer Stubenhocker. Also: bleich und dürr. Mit unvorteilhafter Frisur und alles in allem von trauriger Gestalt. So saß er da. Gramgebeugt über gelblichen Blättern mit verblichenen Runenlettern. Und rot, wie Blut ward seine Schrift. Dicke Kerzen aus Bienenwachs brannten mit flackernden Flammen herab. Sie spendeten nur spärlich Licht und Erleuchtung. Das Feuer im Kamin war nunmehr bald ausgegangen, schwach glomm noch die Glut. Der Schlaf kam ihm schon in die Augen gekrochen, dem Zacharias, und machte ihm die Lider schwer. Da erscholl auf einmal ein Pochen - still und leise. Es klang, wie ein Fingerknochen, der an die Türe klopfte. Einmal. Zweimal. Dreimal ...
„Nanu?“, sprach der gewesene Herr Studiosus zu sich selbst. „Wer könnte denn das noch sein? Zu so einer späten Stunde?“ Wieder pochte es so knöchern von der Türe her. Und weil er gern eine Antwort auf seine Frage erhalten wollte, stand Zacharias auf, um nachzusehen. Die Tür wurde aufgesperrt. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Aber: Was erspähte er draußen, im Dunkeln dort? Nichts! Nur Leere. Schwarze, nächtliche Leere. Lange starrte er in dieses Dunkel, harrend der Dinge, die da kommen würden. Jedoch, die Nacht blieb undurchdringlich, nichts geschah. Ungebrochenes Schweigen hüllte ihn ein. Verwirrt kam Zacharias schließlich wieder zu sich und schloss die Türe ab. Zurück an sein Pult wollte er.
Doch dann wurde er IHR gewahr. Sie stand am Kamin. Der gespenstische Schein der verglimmenden Glut verlieh ihr eine dämonische Aura. Bleich war sie. Wie frisch dem Grabe entstiegen. Ein Duft von Fäulnis umwehte sie. Auch roch es nach Erde, nach nasser, aufgeweichter Erde. Und modrig klang ihre Stimme, als sie anhub, zu sprechen:
„Gegrüßet seid Ihr!“ Ein Schauder erfasste ihn! Ein eiskalter Schauder, der ihm den Rücken hinab lief und dort eine Gänsehaut hinterließ. Das Herz schlug ihm bis zum Halse.
„Was wo-wo-wollt Ihr von mir?“, verlangte er zu erfahren. „Wer seid Ihr überhaupt?“ Angstvoll schlotternd und auch stotternd brachte er seine Fragen vor. „Ei“, rief die junge Maid, oder vielmehr das, was die junge Maid einst gewesen war, da aus. „Wisset Ihr das etwa nicht?“ Sie neigte ihren toten Schädel. Dann trat sie näher an ihn heran. Der kalte Schweiß brach aus ihm heraus. Er wich zurück.
„Fort mit Euch!“, schrie Zacharias. Wie von Sinnen. „Teuflische Kreatur! Zurück in die Hölle, der du entsprungen!“ Ihr Lachen ertönte. Nicht das Lachen eines Kindes. Auch nicht das Lachen einer Dame. Es war unmenschlich. Grollend wie der Erde Beben. Tief wie der Hades. Mit einem Wort, es war unterirdisch.
„Seid unbesorgt. Das werde ich schon tun. Früh genug. Jedoch werdet Ihr, werter Herr, dann mit mir sein.“ Zacharias schüttelte den Kopf und keuchte, wie ein Erstickender: „Niemals! Niemals und Nimmermehr!!“
„Weigert Ihr Euch etwa, Eure Schuld zu begleichen?“ Entkräftet sank er auf seinen Stuhl darnieder. Sodann schloss er gequält die Augen. Es hatte soweit kommen müssen. An ihn herangetreten war es. Dieses, ... dieses abscheuliche Ding. Diese teuflische Kreatur, die in den Körper einer verstorbenen Jungfrau geschlüpft. Der ekelhafte Gestank wurde ihm unerträglich. Es raubte ihm den Atem.
„Soll ich Eurem Gedächtnis auf die Sprünge helfen?“ Finger, so dürr, wie die Beine von Spinnen, griffen nach ihm. Voll des Ekels, voll des Entsetzens wich Zacharias zurück. Doch sie umfassten ihn schon. Angst schien ihn zu lähmen. Der Mund mit den blauen Lippen, dicht über seinem Ohr war er.
„Eine Gabe habt Ihr erhalten!“ Das war wohl wahr. Eine Gabe, der er alles verdankte. Ruhm. Anerkennung. Akademische Ehren. Seinen Doktorhut. Alles, was Zacharias Haferstroh geworden war. Alles, was ihn als Mensch auf dieser Erden ausmachte. Die Rede war von einem Füllfederhalter. Aber nicht von irgendeinem gemeinen Füllfederhalter. Es war ein wundersames Ding, dieses Schreibgerät. Es hatte die Macht, Träume in Wirklichkeit zu verwandeln. Ließ die geheimsten Sehnsüchte und tiefsten Herzenswünsche derer wahr werden, die sie mit ein paar Tropfen des eigenen Blutes, anstelle von Tinte, schrieben. Damit hat der Herr Studiosus zuletzt seine Dissertation zu Papier gebracht.
So allzu lange ist es noch gar nicht hergewesen, als Zacharias zum ersten Mal von diesem Ding gehört hatte. Zusammen mit seinem Mentor und Mäzen Pater Bartog war er bei einer zum Tode Verurteilte im Kerker gewesen. Nach Abnahme der Beichte hatte diese Frau da ihnen eine Geschichte erzählt. Eben von jenem „Furchtbaren Ding“ voll der „Schrecklichsten Macht“ auf Erden. Und wie der Zufall, oder vielmehr das Schicksal willens gewesen war ... Der junge Studiosus stolperte auf seinem Weg nach Haus in einer kleinen Seitengasse der Stadt über ein Schreibgerät, dass genau so beschaffen, wie der Füllfederhalter, den die arme Seele ihm im Kerker beschrieben hatte. Und so musste Zacharias Haferstroh einsehen und erkennen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die sich in jeder Hinsicht der Vorstellungskraft des Menschen entzogen. Er hatte bekommen, was er wollte. Letztendlich. Eine Gegenleistung von ihm wurde allerdings dafür nicht erbracht. Niemals war davon auch nur die Rede gewesen. Bis zum jetzigen Tage nicht. Doch nun sollte er seine Schuld begleichen. Fassungslos starrte der frischgebackene Magister ins Leere.
„Grüble´ Er doch nicht so schwer und trübe. Lasse Er sein, das düstere Sinnieren und Studieren. Dann wird Ihm schon leichter werden.“ Verzweifelt wollte der gute Doktor Haferstroh wissen, was er denn dann tun solle. Was von ihm verlangt werden würde. Und Gedanken vom bizarrsten Schlag kamen ihm in den Sinn.
„Komm´, schöner Knabe!“, zischend und säuselnd klang es. „Und spiel´ mit mir. Komm´ mit mir mit.“
„Wohin?“, raunte Zacharias heiser. Unheilvoll gedachte er der infernalischen Orte, zu denen er dieser Kreatur würde folgen müssen.
„Das wisset Ihr doch bereits, wohin die Reise gehen wird. Dort, wohin wir alle gehen. Der eine früher, der andere später.“ Er schüttelte das Haupt. „Wollt Ihr nicht mit mir gehen?“ Nein, das wollte er nicht. Das konnte er nicht. Sie setzte sich ihm auf den Schoss. Zacharias gellte. Vor Schreck und Ekel.
„Falls Ihr Euch weigern solltet, so gibt es da sicherlich gewisse Mittel und Wege, um Euch zu zwingen.“ Denn ist er nicht willig, so braucht sie Gewalt.
„Gibt es denn da nichts ...“, rief er gequält aus. „Nichts, was diesen Kelch an mir vorüber gehen lässt?“ Lautlos Stille ward's mit einem Mal im Zimmer. Zacharias hörte auf zu
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