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Kategorien > Prosa > Wirklichkeit

Balance - Im Zeichen der Waage (Allmachts-Zyklus 1

von Leinad Linguisti

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1.Teil: Geltendes Recht


I.

Der Richter mit Namen Roland hob sein Schwert aus finstrem Gestein. Die Augen der Frau, die vor ihm kniete, waren rot geschwollen vom Weinen und aus ihrer Kehle entrang sich ein stummer Schrei, als die Klinge ihren Kopf sauber vom Rumpf trennte. Richter Roland tat dies ohne Emotion. Als Korrektor der Waage, einem Diener der Balance des Seins war ihm dies nicht vergönnt. Finden, richten, sünden, war alles was er zu tun in der Lage war. Seine Aufgabe war klar definiert. Gleichgewicht dem großen Plan.


II.

Das einzige was er sich rauszunehmen wagte, war der Wunsch seine Frau zu Grabe zu tragen. Sie trug keine Schuld. Sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Er nahm den Kopf auf und sah in die weit aufgerissenen Augen. Was mochte sie in den letzten Zügen des Lebens gedacht haben?
Richter Roland wusste es nicht. Er war nur das ausführende Organ. Nicht denken, nicht nachfragen. Richte und lasse richten. Er steckte sein Schwert weg. Der Grundsatz der Korrektoren der Waage, war ihm mittlerweile ins Fleisch übergegangen.
Richte und lasse richten.


III.

Richter Roland kehrte dem Szenario des Grauens den Rücken zu. Hier war er fertig. Er würde ins Hauptquartier zurückkehren und weitere Befehle abwarten. Doch das Schicksal hatte andere Dinge mit ihm vor. Der große Plan beschwor Mächtiges herauf. Älteres noch als jener der Gott der Menschen gerufen wurde. Die Urmächte selbst griffen auf die reale Welt über. Schatten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft trafen aufeinander. Mit menschlichen Stimmen sprachen sie zu Roland und gaben ihm Verstand.


IV.

„Richter Roland vom Zeichen der Waage. Korrektor des Gleichgewichtes. Hinterfrage dein Handeln. Was tust du?“
Richter Roland blockte die Stimmen ab. Die Rückkehr ins Hauptquartier stand nun an.
„Richter Roland vom Zeichen der Waage. Wohin führt dich dein Weg?“
Der Korrektor kehrte in sich. Wahrheit, Trauer, Empfinden. Gefühle des Seins drangen in ihn ein. In einem Schwall magischer Intervention erlosch der Funke des Gehorsams und der Wille des Hinterfragens schwoll zu einem Feuer an, welches die ganze Welt erhellte.
„Ich bin Roland. Ich diene den Mächten des Nicht-Seins. Mein Weg führt mich hin zur Wahrheit.“


2.Teil: Hinterfragtes Recht


I.

Gestärkt durch die Kraft des Nichts kehrte Richter Roland ins Hauptquartier der Korrektoren zurück. Durch seine neu gewonnene Unabhängigkeit kam ihm seine Umwelt merkwürdig anders vor. Leblos. Starr. In ihren Entscheidungen gefangen. Der linke Waagschalenhalter hob seine Hand und alle hörten ihm zu.
„Ihr alle“, sagte er, habt eure Aufgabe erfüllt. Jeder einzelne von euch hat zur Erhaltung des Gleichgewichtes und des großen Planes beigetragen. Jetzt gilt es den letzten Feind zu stellen.“
Richter Roland stutzte. Es gab keinen Feind mehr. Nichts lebte mehr auf Erden. Die Waage war im Gleichgewicht. Wer war der Feind?

„Richtet eure Schwerter auf euch selbst. Dient dem großen Plan.“
Die Korrektoren taten es ohne Widerspruch. Friede dem großen Gleichgewicht. Jeder einzelne von Ihnen richtete sich selbst hin. Richter Roland hielt sein Schwert umklammert. Der linke Waagschalenhalter spie vor ihm aus.
„Richter Roland fügt euch meiner Anordnung.“
„Niemals.“


II.

Dieses simple Wort sollte Roland zum Außenseiter machen. Der linke und der rechte Waagschalenhalter konnte es nicht begreifen.
„Tut es. Das Wohl des Gleichgewichtes ist zu kostbar. Alles andere macht euch zum Verräter.“
„Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Eure Gebote verklingen im leeren Raum. Es gibt niemanden mehr, der sie befolgen könnte. Ich habe meine Frau auf euer Geheiß hin zu Grabe getragen. Doch jetzt sehe ich, dass ihr das Ungleichgewicht beschworen habt.“


III.

Der Korrektor ließ das Schwert kreisen. Das Blut seiner Frau klebte noch immer an der Schneide und weiteres sollte folgen. Durch das viele Blut war das einst silberne Metall angelaufen und hatte sich in schwarzes Gestein verwandelt. Roland vom Zeichen der Waage ging auf die beiden Waagschalenhalter zu. Er wusste, genau wie sie es selbst wussten, dass der Tod sie nun ereilen würde. Denn sie durften ihre Position niemals verlassen, wollten sie das große Gleichgewicht nicht zerstören.


IV.

Roland schlug ohne Erbarmen zu. Die Waage verschob sich und Finsternis bedeckte die Erde. Als die beiden Schalen zu Boden kippten floss das Blut aller Toten über den marmornen Boden. Roland berührte es mit den Lippen. Trank wenige Schlücke davon. Es schmeckte süßlich mit dem bleiernern Geschmack des Todes.

Die Balance war gebrochen.


3.Teil: Fluch des eigenen Willens


I.

Richter Roland flüchtete über Berge und durch Wälder. Er wusste nicht wovor er floh. Angst war in ihm und sie verfolgte ihn. Schuld belastete sein Haupt und zog seine Sinne in die Wirklichkeit zurück. Er hatte das Gleichgewicht gebrochen. Das ungeschriebenste aller Gesetze hatte er, ein Korrektor der Waage gebrochen. Er floh durch eine menschenleere Welt. Alle hatten ihr Leben gelassen. Sie alle waren schuldig. Gerichtet durch das Sinnbild einer perfekten Welt.


II.

„Befreiter Roland sag mir was du denkst?“
Die Stimme fing an zu stören. Roland blendete sie gedanklich aus, doch dafür dröhnte sie noch stärker in seinen Gedanken.
„Roland vom Zeichen der Hinterfragung. Erkläre mir dein Handeln.“
„Ich brauche es nicht zu erklären. Du hast es doch gesehen. Du hast mich dazu getrieben.“
„Du selbst warst es, der gerichtet hat.“
„Es war deine Schuld.“
„Willst auch du, mich richten?“


III.

Roland hielt inne. Die Stimme hatte die Frage falsch gestellt, oder etwa nicht? Willst auch DU mich richten, hat sie gefragt und nicht, Willst du mich richten.
„Wer hat dich richten wollen?“
„Alle die den Weg des eigenen Denkens nicht gegangen sind. Alle die zu hinterfragen nicht in der Lage waren. Alle die sind.“
„Ich bin auch.“
„Deine Tat macht dich zu einem Nichtexistenten. Die Welt verhüllt sich in den Schatten der Trauer. Finsternis zieht herauf und wirft ihr Leichentuch aus. Große Gefahr nähert sich dir, Roland vom Zeichen der Wahrheit.“


IV.

„Was soll ich tun?“
„Du selbst handelst. Ich halte dein Schicksal nicht in Händen. Ich weise dich. Leite dich an. Die Entscheidungen triffst nur du allein, doch sei dir der Folgen bewusst. Nicht immer muss ein Schwert gezogen werden um einen Krieg zu beginnen.“


V.

Die Stimme flüsterte nur noch, bis sie verklang. Roland hörte Schritte. Er hielt den Atem an. Er war umgeben von der Finsternis. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seine Umgebung sehen konnte. Schemenhaft und verschwommen. Ein Licht durchdrang seine Brust.


4.Teil: Das Herzlicht (1) – Schnelles Pochen


I.

Roland erinnerte sich.
Helles, seidiges Haar. Weiche Lippen. Kluge Augen. Haut wie Elfenbein. Seine Frau war ein Wesen von solcher Güte gewesen, dass ihr Verrat ihn tief traf. Ihre Liebe sollte nur ihm alleine gehören und doch hatte sie sich in die Arme eines

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