Geschichte einsenden Links & Rings AGBs Impressum
Kategorieauswahl
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln.
Suche


Kategorien > Alltag > Begegnungen

Begegnung - Blüten im Winter

von Demeter

1

„Ich denke immer, er weint.“
Verwirrt sah ich von meinem Laptop auf. Ein Mädchen von etwa 10 Jahren hatte sich neben mich gesetzt und meine Aufmerksamkeit abrupt von Facebook weggezerrt.
„Wer?“, gab ich langsam, noch immer nicht ganz bei mir, zurück. Ich hatte mich hier, in diesen Park auf eine Bank geflüchtet, um in Ruhe Informationen für meinen Vortrag zu recherchieren. Dass ich jetzt seit einer halben Stunde erst einmal meine diversen Internetprofile checkte, naja…
Das Mädchen streifte mich mit einem flüchtigen Seitenblick.
„Der Pflaumenbaum. Wenn seine Blüten so runterfallen, denke ich, er weint.“ Sie schlug kurz die Augen nieder. „Er muss sehr traurig sein.“
Unsicher sah ich gerade aus. Tatsächlich stand ein Pflaumenbaum mir gegenüber, dessen Blütezeit dem Ende entgegen ging.
Ja gut, wenn man unbedingt wollte, sahen die weißen Blüten schon irgendwie aus wie Tränen; die Kleine hatte wohl eine rege Phantasie.
„Was guckst du so komisch? Ein Baum lebt doch, oder? Warum sollte er nicht auch mal traurig sein dürfen?“, wurde sich plötzlich neben mir empört.
Schulterzuckend wandte ich mich wieder meinem Laptop zu, um einen Kommentar zu vervollständigen. Sollte sie doch denken, was auch immer sie wollte. Wir leben in einem freien Land.
„Weinst du denn nicht, wenn du traurig bist?“, erkundigte sie sich neugierig.
„Doch, sicher“, verdrehte ich die Augen, in der Annahme, dass sie diese Antwort hören wollte. Kurz versuchte ich, mich an meine letzte große Traurigkeit zu erinnern und stellte fest, dass sie in Alkohol ertränkt wurde.
Ob ich eine Träne vergossen habe, weiß ich nicht.
Kopfschüttelnd loggte ich mich bei Jappy ein. „Oh nein…“, stöhnte ich auf.
„Was ist denn?“
Interessiert rutschte das Mädchen näher, um auch auf den Bildschirm sehen zu können.
„Ach, eine Freundin von mir ist anscheinend wieder mit ihrem Ex zusammen. Das endet nur wieder in einem Desaster.“ Oh ja. Ich sah es schon bildlich vor mir. Angestrengt versuchte ich, mit kleinen kreisenden Bewegungen an meiner Schläfe, den Gedanken zu verdrängen, als eine Stimme mich zurück in die Gegenwart holte:
„Woran sieht man das?“
Dankbar für die Ablenkung begann ich es ihr zu erklären.
„Schau, hier bei Familienstand steht vergeben. Gestern stand noch Single da. Und oben hat sie einen Ticker gesetzt >wundervolle Reunion< … na hurra… ach ja, Reunion heißt so viel wie Wiedervereinigung, ich weiß ja nicht, wie viel Englisch bringen sie euch denn bei in der Unterstufe?“
Sie legte den Kopf schief.
„Was ist denn ein Ticker?“
Ich begann zu lachen.
„DAS habe ich mich auch schon gefragt.“
Entnervt klappte ich den Laptop zu. „Ich schätze ist selbst erfunden, weil >momentane Statusinformation< zu lang geworden wäre. Keine Ahnung.“
Ich sah in den Himmel.
Ein starker Windstoß ließ die hellen Pflaumenblüten um uns herum tanzen gleich einem Schneesturm im Winter.
„Wenn der Baum traurig ist, könnte er doch einfach verblühen.“, meinte ich plötzlich.
„Aber das würde er sowieso tun.“, widersprach mir das Mädchen. „Außerdem ist er doch so am schönsten. Nur weil er traurig ist, will er doch nicht hässlich sein. Ganz bestimmt will er uns erinnern, indem er seinem Schicksal trotzt.“
Sie sprang auf und lief zu dem Baum herüber. Ich überlegte einen Moment und stand ebenfalls auf. Der Kies knirschte unter meinen Schritten, bis ich die Rasenfläche erreicht hatte, auf der der Baum stand. Die Kleine versuchte gerade einen Ast zu fassen zu bekommen.
„Soll ich dir etwa einen Zweig abbrechen?“, fragte ich verwundert. Erst so einen Wirbel um die emotionale Lage des Baumes machen und dann sowas.
„Nein“, schüttelte sie den Kopf, „ich wollte mein Armband da oben anbinden, aber… ich komme nicht ran.“ Schmollend starrte sie in das Geäst.
Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Komm ich hebe dich hoch, dann müsstest du es schaffen.“
Ich sah, dass ihr Armband ein selbstgeknüpftes war, aus blauen und weißen Fäden, mit einem kleinen Glöckchen daran.
„Meine Mutter sagt immer, wenn es klingelt, ist jemand da, der wartet.“
Ich setzte sie wieder auf dem Boden ab und kniete mich vor sie.
„Weißt du“, begann ich vorsichtig, „ich denke, du machst dir deutlich zu viele Gedanken um einen Baum. Gibt es nichts anderes, mit dem du dich lieber beschäftigen würdest?“
„Weißt du“, entgegnete das Mädchen, „ich möchte nicht so werden wie du. Du machst dir zu viele Gedanken um unwichtige Dinge.“
Sie drehte sich um und lief davon, ohne sich noch einmal umzublicken.
Das Glöckchen klingelte leise im Wind und eine Pflaumenblüte folg davon.

1

Kommentare

Demeter schrieb am 2009-09-21 18:36:53:
Dankeschön. Ich habe mir Mühe gegeben. Es ist schön, wenn es Menschen gibt, die das zu schätzen wissen^^
Celebration schrieb am 2009-09-10 16:16:01:
Sehr schöne Kurzgeschichte,der Schreibstil ist sehr schön und vor allem das Ende..
<„Weißt du“, entgegnete das Mädchen, „ich möchte nicht so werden wie du. Du machst dir zu viele Gedanken um unwichtige Dinge.“
Sie drehte sich um und lief davon, ohne sich noch einmal umzublicken.
Das Glöckchen klingelte leise im Wind und eine Pflaumenblüte flog davon.>
..ist die sehr gut gelungen..
Viele Grüße und Hoffnungen auf weitere Geschichten Celebration.

Kommentar hinzufügen



Aufgrund des extremen Mißbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen. Wir bitten um Ihr Verständnis.