Berchtesgadener Begebenheit 1
von
Rue - Tigre
Sechs Uhr früh.
Frohgemut blickt der Senn aus der Hütte.
Sein Blick trifft auf das Euter seiner Lieblingskuh, das in der Morgensonne rosig schimmert, schweift weiter zum zunächst sanft bebenden, bald aber schwungvoll die noch kühle Luft zerteilenden Schwanz und verweilt zuletzt verwundert auf dem Filigran des Quasts, der, obzwar arabeskenzart in der Feinheit seiner Häärchen, dennoch vernichtend die vorwitzige Fliege von der Rundung der braunen Flanke peitscht.
Undeutlich sieht der Senn den noch warmen, leblosen Chitinkörper zu Boden gleiten und blickt noch einmal, widerwillig nun auf die Kuh, Grünzeugkugerln hochwürgend, wiederkäuend, ignorant. Doch blitzt, ob solcher Unschuld, nicht auch ein feuchter Bewunderungsfunke in seinen Augen ?
Seine rauhen wettergegerbten Finger krallen sich ins Fensterbrett, weiß treten die Knöchel hervor. Und wehmütig fast schleudert er sein allmorgendliches - Oh Täler weit, oh Höhen... - gegen die Felswand, von der das Echo nur sinnentleerte Wortfetzen zurückspeit.
Der Senn lauscht erstaunt.
Zum ersten Mal in seinem zähen Leben fühlt er eine schwarze allesverschlingende Leere aus den Tiefen seiner Brust aufsteigen.
Laut seufzt er auf, als es fiebernd durch sein Hirn zuckt : Wie die Fliege auf der Kuh, wirst auch Du hier auf der Alm den Tod finden...
Wenn nicht...
Und hastig spannt er seine faltigen Flügel auf, schwingt sich mit einen Affenzahn in die Höhe und zerschmettert an der Zimmerdecke.
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen