Bester Hauptdarsteller
von
skembo
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Ein langer Prozess von zehn Jahren. Harte Arbeit aber der Erfolg kam...endlich! Ich stehe nun an der Stelle, an der Ich schon immer stehen wollte. Ganz oben. Vor einer Stunde wurde mir der Preis verliehen. Ich stand unvorbereitet vor all den Menschen. Was sollte Ich sagen? Diese verdammte Aufregung. Ich hoffe, dass Ich bei meiner Dankesrede nicht zu sehr gestottert habe. Nun hocke Ich in meiner Garderobe und kann immer noch nicht glauben, dass es passiert ist. Ich halte ihn in meinen Händen. Starre beständig drauf. Das Gold blendet mich. Mein Name steht drauf. Der Preis an den besten Hauptdarsteller geht an...Wie bin ich so weit gekommen? Zehn Jahre und es ist viel passiert. Ich kam mit nur 300 Euro in der Tasche in L.A. an. Zwei Tage zuvor stand Ich vor dem Bett meines Bruders, der friedlich schlief während draußen der Schnee fiel. Ich sah ihm beim schlafen zu. Ich sagte kein Wort. Und Mutter? Was hätte Ich ihr sagen sollen? Was für Lügen hätte Ich ihr erzählen sollen? Es war Sonntag...Alle waren daheim. Es war Sonntag...Ich sah alle zum letzten mal. Es war Sonntag...Ich habe niemanden umarmen können. Der Sohn ging ganz weit weg auf eine Reise ohne Wiederkehr. Der Sohn hat sich niemals wieder gemeldet. Wozu? Sie haben mir genug Leid angetan. Immer das schwarze Schaf. Der beste Hauptdarsteller war der unbedeutendste Nebendarsteller. Und Schwester? Verdammt wie Ich sie gehasst habe. Ob sie mich wohl alle im Fernsehen verfolgt haben? Ob sie wohl in der Plattenbau-Nachbarschaft erzählt haben, dass Ich mal einer von ihnen war? Oder wissen die nicht wer Ich früher war, sondern nur wer Ich jetzt bin? Mutter, Bruder, Schwester...Warum habe Ich euch bei der Dankesrede nicht erwähnt und den Mittelfinger ausgestreckt? Mutter, Bruder, Schwester...Hoffentlich habt ihr sämtliche meiner Filme gesehen und bereut nun, nicht an mich geglaubt zu haben. Mutter, Bruder, Schwester...Habt ihr mich vergessen, genau wie Ich euch? Tägliches Zanken aber gemeinsames Essen. Tägliche Beschimpfungen aber gemeinsames Fernsehen. Tägliches Hassen aber tägliches Lieben. Mutter hätte mich niemals gehen lassen. Ihre Tränen hätten nicht verborgen bleiben können. Ich ging von allein...Kein Abschied, keine Umarmungen, keine berührenden Worte. Vom Plattenbau zum Apartement - vom Apartement zur ersten Eigentumswohnung und zur ersten Villa. Von ersten Auftritten im Fernsehen bis zu ersten Auftritten in Kinofilmen - Von 300 Euro Gehalt bis 30 Million Gage. Während Ich mein Leben nun in der Garderobe revue passieren lasse, merke Ich, nach all den Jahren die vergangen sind...dass Ich vergessen habe, einmal eine Familie gehabt zu haben...
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