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Kategorien > Aus dem Leben > 80er-Jahre

Blaues Blut an Weihnachten

von Franz Panzer

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Kurz vor Weihnachten 1989. Ein schäbiges Mehrfamilienhaus, dritter Stock. Cornelius du Puy-Montbrunn war von Adel. Stammte aus niederem Adel aus der Pfalz. Heute nutzte es ihm auch nichts mehr. Er war sechsundvierzig und stand vor den Trümmern seines Lebens. Er saß zuhause unter der Garderobe. Laute Musik schallte durch die Wohnung, Militärmärsche. Das gab ihm Kraft. Du Puy-Montbrunn sah auf die Fotos an der Wand. Eines zeigte ihn und seinen alten Borgward. Lange ist es her. Das andere das Familiengut bei Pirmasens. Er hatte in seiner Kindheit das Leben kennen gelernt, von seiner schönsten Seite. Rauschende Bälle, Latinum, Unterricht am weißen Flügel. Privatschule. Doch die hat er nie beendet. Er schmiss die Schule in der zwölften Klasse. Kein Abitur gemacht. Du Puy-Montbrunn schritt langsam durch den spärlich erleuchteten Flur in die Küche. Es war halb Drei morgens. Die Nacht mach ich noch durch, sagte er zu sich. Ganz ruhig. Er ging zum Schrank, holte eine Flasche. Wein von Odernheim am Glan. Jahrgang Neunzehnhunderthaumichtot. Er achtete nicht auf Jahrgänge. Hauptsache, das Bukett entfaltete sich. Und das tat es hier. Durchaus. Du Puy-Montbrunn rückte seine graue Hose zurecht. Es war seine gute Sonntagshose. Er schenkte den Wein ein. Lief dann langsam zum Balkon, öffnete die Tür. Dann ging er raus. Oha, das ist kalt, Kamerad, sagte er zu sich. Doch er blieb draußen. Das Thermometer meldete minus zwei Grad. Er holte die Strickweste aus dem Schlafzimmer. Grau mit Schäfchenmuster. Sehr gute Wolle. Du Puy-Montbrunn schaute auf die Hirschköpfe. Die hingen beim Nachbarn drüben. Er war Jäger. Die Straße war leer. Da fuhr nur ein 124er-Taxi vorbei. Das Schild war erleuchtet. Er achtete nicht darauf. Der Plattenspieler dudelte im Hintergrund. Wieder Märsche. Wie so oft. Die Choräle und Kantaten konnte du Puy-Montbrunn nicht hören. Er war nicht fröhlich. Nein, gar nicht. Seine Familie feiert im Schloss, in einigen Tagen. Und er? Cornelius saß allein in seiner schäbigen Wohnung oder saß in seinem stinkenden grünen Strichachter. Alles ist möglich. Sein bester Freund? Wie jedes Jahr der Alkohol. Oder der Radiosprecher. Oder das Sorgentelefon. Manchmal rief er einfach irgendwelche Leute an, die er gar nicht kannte. Um einfach mit jemandem zu reden. Du Puy-Montbrunn war einsam. Er wusste es. Geh’ mal zum Psychologen, hat Gerhard aus dem Nachbarhaus gesagt. Cornelius hat sich nie getraut. Das wollte er nicht. Er schämte sich für seine Probleme. Da ging er den Weg der Einsamkeit lieber mit ’nem guten Wein. Bier mochte er nicht. Nein, danke. Zu Klausi in die Friedhofsklause ging er auch nicht mehr. Hatte Schulden. Dreihundert Mark. Nicht von schlechten Eltern. Daher Hausverbot. Scheiße, murmelte er. Wieso immer ich. Der Kurt hat seinen Rekord noch lange nicht bezahlt. Und Fred leiht sich vom Müller Reinhard Geld, um eine Kreuzfahrt zu machen. Die sind doch auch nicht besser. Männer hart wie Stahl, die sind der Menschheit Qual... lief im Radio. Die Platte war vorbei. Das Gerät schaltete dann von selbst auf Radiobetrieb um. Du Puy-Montbrunn bekam es nicht mit. Er saß auf dem Balkon und kippte andauernd nach. Immer wieder Wein. Weihnachten war jedes Jahr so miserabel. Überall die Feierstimmung. Bei ihm nur der Alkohol. Es schlug drei Uhr. Die Kirchenuhr hörte er. Es war windstill. Schwerfällig lief er zur Tür. Ging wieder in die Wohnung. Ihm war es zu kalt. Er setzte sich ins Wohnzimmer auf das braune Ledersofa. Über ihm die Gobelinbilder. Das Heft mit dem Fernsehprogramm. Bitte kein Rundfunk, meinte du Puy-Montbrunn. Das war ihm nicht geheuer. Das brachte er jetzt nicht. Alles, nur keine vordergründige Fröhlichkeit. Er hörte sich still um. Doch kein Einbrecher. Er hat nur gedacht. Die Zeit verging dann schnell. Es war fünf Uhr, als er sich die Jacke anzog. Er ging aus dem Haus. Dieses Mal nutzte er den Fahrstuhl. Die Tür unten schloss nicht richtig, da konnte ja jeder sich herumtreiben. Und außerdem musste es schnell gehen. Trotzdem nur nicht hetzen, bitte. Der Lift kam unten an. Die Türen ächzten beim Öffnen. Du Puy-Montbrunn zündete sich ein Zigarillo an. Seine Hände blieben am eiskalten Griff der Tür fast kleben. Dann war er draußen. Die Außenleuchte war defekt. Noch besser. Er lief zum Parkplatz. Da stand ein Fiat Ritmo. Der gehörte Wiesmann. Nebenan stand ein schwarzer Audi 80, neues Modell. Schwarze Rückleuchten und Heckspoiler. Der gehörte dem Rentner von nebenan. Cornelius kannte ihn nur vom Sehen. Dann kam der alte grüne 240er-Diesel, Strichachter, Baujahr dreiundsiebzig. Schon sehr alt. Aber robust. Ein treuer Wagen. Siebte Hand, irgendwie so etwas. Hat vorher ein Türke gefahren. Du Puy-Montbrunn stieg langsam ein. Dann musste er erst einmal vorglühen. War noch ein alter Diesel, der hat das nötig.

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