Blind
von
Kathrin Schulz
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Tagträume
Hier war ich. Stand an einer Ampel und guckte gebannt auf das leuchtende rote Männchen und wartete, bis es von dem Grünen abgelöst wurde. Währenddessen versank ich immer mehr in meine Tagträume, die mich wieder und wieder gegen Laternen und andere unerwartete Gegenstände laufen ließen. Ich wusste, wie gefährlich sie waren, aber die Verlockung war zu groß, um zu widerstehen. Es war ein schönes, befreiendes Gefühl. Jenseits der Realität. Je öfter ich in diese Welt entschwand und je länger es anhielt, desto verrückter wurde es. Ich fuhr zusammen. Ein Lastwagen, der an mir vorbeiraste, riss mir meine Handtasche unter dem Arm weg. Schnell klemmte ich sie wieder darunter und schaute dem Fahrer ärgerlich hinterher. Er hatte mich aufgeweckt. Hier war nicht der richtige Ort um nachzudenken. Das Gefühl allein zu sein hatte mich reingelegt. Ich war nicht allein. Wie auch, mitten in der Stadt an der Hauptstraße. Ich musterte die Gesichter eins nach dem anderen. Jedes hatte seine eigene Geschichte. Jeder hier hatte Familie. Hatte schon Zeiten der Sorge und Zeiten des Glücks erlebt, Schwäche empfunden und sich stark gefühlt. Aber hatten sie auch schon diese Leere gefühlt, wie ich grade? Hatten sie sich schon mal gefragt, welchen Sinn ihr Leben hat und wieso es so ist, wie es nun mal ist? Es war so, als ob ich in einer dunklen Höhle rumirrte und mich immer wieder zwischen links und rechts entscheiden müsste. Auf der Suche nach dem Licht. Jetzt dachte ich mal wieder das Licht gefunden zu haben, aber ich hatte mich schon so oft getäuscht. Es war zu schön um wahr zu sein, dass ein Ende der Einsamkeit und Dunkelheit bevorstand. Ohne, dass ich es gemerkt hatte träumte ich wieder. Sank immer tiefer hinein in meine Fantasie.
Und da stand er. Auf der anderen Straßenseite. Mir wäre jeder andere rechtlich egal gewesen. Selbst meine beste Freundin. Im Gegensatz zu ihm war alles auf einmal unbedeutend. Auf alles andere war ich vorbereitet. Aber nicht auf ihn. Sein Anblick war unverzichtbar geworden. Ich würde nie wieder loslassen können, jetzt, wo er mich in seinen Bann gezogen hatte. Aber er wusste nicht, wie ich empfand. Noch nie hatte er mich auch nur eines Blickes gewürdigt. Genau, wie ich wartete er auf das Signal weitergehen zu dürfen. Aber welchen Weg hatte er? In diesem Moment schaute er mir in die Augen. Ich bekam Schweißausbrüche und versuchte zu lächeln, aber irgendetwas hielt mich zurück. Mein Körper wollte nicht mehr gehorchen, ich war wie einbetoniert. Als könnte ich mich nie mehr bewegen, so kam es mir vor. So sehr ich auch versuchte meine Mundwinkel zu heben, ich schaffte es nicht. Mein Mund blieb ein schmaler Strich auf meinem ausdruckslosen Gesicht. Auch er behielt sein Pokerface. Bloß, dass es bei ihm besser funktionierte, dass man bei ihm nicht jeden Gedanken im aus Gesichtsausdruck entnehmen konnte. Er war auf den ersten bis auf den letzten Blick unverbesserlich. Sein Gesicht blieb ungerührt. Er guckte mir immer noch in die Augen, als wolle er mich herausfordern. Wer am längsten kann. Eine Zeitlang erinnerte es mich an einen alten Western. Eine Szene in der sich die Gegner gegenüberstehen, die Hände an der Waffe. Beide bereit den anderen zu erschießen, wenn er auch nur eine falsche Bewegung machte. Nur eins passte ganz und gar nicht: meine Gefühle. Nie würde ich ihn töten können. Ich würde mich vorher lieber selbst umbringen. Ich gab auf seinem Blick standzuhalten und schaute stattdessen sorgenvoll zu den dunklen Wolken hinauf. Ich war unentschlossen, wusste nicht, ob ich zurückschauen sollte, weil ich wusste, wie weh es tat ihn anzugucken. Seinen Blick zu erwidern mit der Gewissheit, dass ich ihn liebte und dass er mir nie gehören würde. Ich blickte wieder starr geradeaus und tat so, als ob er Luft wäre. Das heißt: ich versuchte es, aber es gelang nicht. Ich konnte ihn nicht ignorieren, nie im Leben. Es war, als hinge ein blinkendes Neonschild hinter ihm an der Wand, das mir sagte, dass ich ihn anzugucken hatte. Ich musterte ihn von unten bis oben. Was er anhatte, war nicht unbedingt, das was man sich bei dem Wort „in“ vorstellte, aber er hatte Stil. Seinen eigenen Stil. Es sah zwar so aus, als hätte er alles wahllos aus seinem Kleiderschrank gezogen, aber dennoch hätte man keine bessere Kombination finden können. Wahrscheinlich hätte man ihn auch in einen alten Mehlsack stecken können und er hätte immer noch wunderbar ausgesehen. Inzwischen hatte er sich an die Ampel gelehnt und trat mit dem Schuh in irgendeinem Takt dagegen, wie ich es nur machte, wenn ich einen Ohrwurm hatte, aber meine letzten Ohrwürmer, waren viel zu traurig und zu langsam, dass man sie so hätte ausdrücken können. Es musste an ihm liegen, dass ich auf diese Musik umgestiegen war. Wie hätte man denn auch bei meiner Laune Gutelaunemusik hören können? Ich war unglücklich. Unglücklich verliebt. Und wenn mir dann „Oh, happy day“ in den Ohren dröhnte, würde das Gefühlschaos noch schlimmer werden, als es sowieso schon war. Dabei hatte ich gedacht, es könne nicht mehr schlimmer werden. Das war er alles schuld, das mit meiner Laune. Auch war er es schuld, dass ich die Nächte so schlecht schlief. Mich plagten Alpträume, in denen er mich abwies und ich mich von einer Brücke stürzte. Oder ähnliches. Und immer wieder wachte ich schweißgebadet auf, daran erinnert, dass er mit mir nicht auf einer Wellenlänge war. Und dann wusste er noch nicht mal davon. Er schlief sicher unbeschwert, während ich mir die Seele aus dem Leib heulte und krankhaft versuchte die Schluchzer zu unterdrücken, die in Sekundenabständen kamen. Ich hatte aufgegeben meine Augenringe zu überschminken. Das alles, bloß weil ich ihn vor zwei Wochen auf dem Schulhof fast umgerannt hatte. Damit hatte alles angefangen. Zuerst hatte ich nur einen Waschbrettbauch gesehen und schwarze Schuhe mit weißen Streifen. Dann hatte ich aufgesehen und in seine Augen geschaut. Seine wunderschönen grünen Augen. Sie waren leuchtend grün, wie das Gras auf einer Sommerwiese. Schon beim ersten Mal hatten sie mich an Sommer erinnert. Mir wurde dann immer ganz warm. Ich wollte mich in ihnen niederlassen und träumen, alles andere vergessen. Am liebsten hätte ich nie wieder etwas anderes gesehen, aber er war ausgewichen und weitergegangen. Ich hatte meinen Arm festhalten müssen, damit sich dieser nicht ausstreckte und sich an ihn klammerte.
Unsanft wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, indem mir jemand seinen verdammten Finger in meine Schulter rammte. Ich drehte mich um. Ich würde es diesem niemanden nie verzeihen. Egal, wer es war und wieso er das machte, auch wenn er mir das Leben damit retten würde, ich würde diesen jemanden hassen. Von Kopf bis Fuß würde ich ihn am liebsten grün und blau schlagen. Mich
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Kommentare
AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)
Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.
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