Blind
von
Kathrin Schulz
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aussiehst…
Schon wenn ich daran dachte hatte ich ein unwohles Gefühl im Bauch. Ich würde es ihm nicht so direkt sagen können. Es würde lange, lange dauern, bis ich so weit war. Angenommen ich würde es schaffen ihn zu meinem Kumpel zu machen: Würde er mich auch, als feste Freundin haben wollen? Was, wenn er mich abstoßen würde? Freundschaft und Liebe war etwas so anderes. Ich könnte Timo auch nie lieben, selbst wenn ich es wollte. Und Ben wohl auch nicht. Ich schüttelte mich, bei dem Gedanken, was mir bevorstand. Wenn ich überhaupt den Mut haben würde. Ich musste mir immer noch eine Strategie überlegen. Mir fielen die verrücktesten Sachen ein. Ich könnte zum Beispiel eine Schraube an seinem Fahrrad lockern, damit er stürzte und ich ihm helfen konnte. Nur fatale Sachen fielen mir ein. Nichts Sinnvolles. Sinnvoll war sowieso ein Fremdwort für mich. Ich würde es wohl ein wenig dem Zufall überlassen müssen, dem Schicksal. Alleine konnte ich das nicht. Oder vielleicht mir würde irgendwann eine unerhoffte Idee kommen. Obwohl ich das bezweifelte.
Als Timo bremste merkte ich erst, dass wir schon da waren. Und ich war bereits noch aufgedrehter, als sonst. So fröhlich war ich, dass ich bis zum Hauseingang hopste. Meine Fröhlichkeit schien auf ihn überzugehen, denn auch sein Grinsen ließ sich nicht mehr aus seinem Gesicht verdrängen. Mein Körper schrie jetzt regelrecht nach kaltem Wasser. Ich wäre problemlos auch mit Klamotten in den Pool gesprungen. Aber ich behielt meine Manieren.
„Wo soll ich mich umziehen?“, fragte ich.
„Wo du willst.“
Ich ging in die Partyhütte und machte die Tür hinter mir zu. Ich hasste es mich bei anderen Leuten umzuziehen und guckte zehn Mal um mich, bevor ich den Hosenknopf öffnete. Ich wusste selbst nicht, was ich für ein Problem hatte. Timo würde wohl kaum durchs Fenster gucken und Überwachungskameras würden hier schon nicht hängen. Also raffte ich mich zusammen und stellte mich mal wieder meinen Ängsten. Als ich die Tasche aufmachte, bekam ich einen kleinen Schock. Das hatte noch gefehlt. Er hatte den knappen Bikini eingepackt, der im nassen Zustand immer so ausleierte, so dass man fast alles sehen konnte. Zu guter letzt war er auch noch pink. Timo konnte es ja nicht wissen, tröstete ich mich und zog ihn widerwillig an. Er lag enger an, als das letzte Mal, was mich noch mehr aufregte. Ich fröstelte auf einmal, in der Hütte war es kühl. Ich wollte in die Hitze, in die Sonne, aber andernfalls wollte ich das ganze ein wenig herauszögern. Das ist doch albern, sagte ich mir. Schließlich öffnete ich die Tür und ging langsam auf das Becken zu. Er hatte sich an den Poolrand und strampelte nichts wissend mir den Beinen im Wasser herum, anscheinend wartete er auf mich. Mir war das ganze ziemlich peinlich, ich kam mir so aufdringlich vor. Was hatte ich genommen, dass ich ihn gekauft hatte? Man hätte mir ebenso ein paar Stofffetzen umhängen können. Als er mich anguckte wirkte er belustigt. Verständlich war das ja. Am liebsten wäre ich weggerannt, aber stattdessen sagte ich:
„Wir sind ja hier unter Freunden.“
Er lachte und stand auf, um mich zu empfangen. Er presste mich an seine nackte Brust. Um mir das ganze erträglicher zu machen oder einfach so. Auf jeden Fall tat es gut.
„Ja, sind wir“, sagte er zufrieden und hob mich hoch. Was sollte das jetzt? Bevor ich noch fragen konnte, was das sollte hatte er mich schon ins Wasser geschmissen. Ich wusste nicht, ob ich sauer sein sollte, aber selbst, wenn ich es gewollt hätte es nicht geklappt. Ich konnte nicht sauer auf ihn sein. Ich konnte nur prustend wieder auftauchen und lachen. Ich wollte gerade ein paar Bahnen schwimmen, aber er war schon wieder neben mir und kitzelte mich durch. Ich tauchte gerade unter, um zu flüchten. Das brachte ihn auf eine weitere Idee.
„Sollen wir Wetttauchen machen?“, schlug er vor und ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, wie gut er das konnte, aber war überzeugt, dass ich ihm wenigstens in dieser Sache überlegen war. Fünf Jahre Schwimmkurs hatten mich im Wasser ziemlich durchtrainiert. Wir starteten am Rand und Ziel war der gegenüberliegende. Wer zuerst da war hatte gewonnen und schwimmen galt nicht. Ich war einverstanden. Es würde ein Kinderspiel werden.
„Drei, zwei, eins“, zählte ich.
„Los!“ rief er. Er war zwar schneller unter Wasser, aber ich hatte ihn schon bald überholt. Lächelnd guckte ich über meine Schulter hinweg und sah, wie er zurück blieb. Das schien ihm gar nicht zu gefallen und er holte auf und hielt mein Bein fest. Er hatte recht, es stand nicht in den Spielregeln, dass man das nicht durfte. Ich strampelte mich frei und schwamm weiter. Diesmal schneller, damit er mich nicht noch mal einfangen konnte. Natürlich gewann ich, trotz seiner Fuscherei.
„Ich tauche nie wieder gegen dich!“, sagte er gespielt beleidigt, als wir uns beide gegen den Rand gelehnt hatten.
„Dazu zwingt dich ja auch niemand“, entgegnete ich. Wir waren die ganze Zeit ziemlich kindisch. Jeden, der sich in unserem Alter so verhielt, hätte ich selbst für gestört gehalten. Sehr gestört. Aber ich hatte nie gewusst wie befreiend das war, einfach wieder ganz Kind zu sein. Früher, also ungefähr vor einer Woche, war ich viel zu erwachsen, zu ernst gewesen. Ich würde es bestimmt wieder sein, wenn Andreas zurückkam. Für die Zeit mit galt: nimm es mit Humor und vergiss all deine Probleme. Anders ging es auch gar nicht.
Er seufzte und ich holte die Luftmatratze aus der hintersten Ecke und legte mich drauf. Sein Versuch sich mit drauf zu quetschen, den ich schon beinahe befürchtet hatte, scheiterte und wir fielen beide ins Wasser. Darauf folgte ein Lachkrampf, den ich nicht so schnell wieder beenden konnte. Albern. Aber auch er lachte, hielt mich anscheinend nicht für verrückt. Ging es ihm vielleicht auch so, dass er seine Probleme vergaß? Dazu waren Freunde schließlich da. Einfach Spaß haben. Spaß. Ja, den hatte ich wirklich. Ich wusste, dass ich das heute Abend nicht mehr nachvollziehen würde können, dass ich in meiner Situation Spaß haben konnte. Jedenfalls bestieg ich sie wieder und verschränkte die Hände hinter meinem Kopf. Ich schloss die Augen und genoss. Genoss die Sonne, genoss meine Sorgenlosigkeit. Ab und zu hörte man Timo plantschen, aber insgesamt war es sehr ruhig. Die Sonne brutzelte auf meiner Haut und trocknete meine Haare. Es war richtig entspannend. Ich entkrampfte mich nun endgültig. Ich war sonst fiel zu angespannt, hatte die Stirn fast immer gekräuselt, weil ich mir über mein Unglück den Kopf zerbrach. Das gibt Falten, sagte ich mir dann immer, aber hörte nicht damit auf. Auch deshalb hätte ich mich am liebsten an Timo geklebt.
„Wie läuft es eigentlich mit Andreas?“, riss er mich aus meiner Grübelei. Meine Stimmung verschlechterte sich. Aber nur ein wenig, unbedeutend.
„Wie soll’s schon laufen? Er hat mir wohl noch keinen Heiratsantrag gemacht.“
Ich hatte die Augen noch geschlossen, aber der Lautstärke seiner Stimme nach zu urteilen, war er direkt neben mir. Das ließ
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Kommentare
AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)
Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.
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