Blind
von
Kathrin Schulz
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„Du hast also aufgegeben?“, fragte er neckend. „So würde ich es nicht sagen.“ „Was ist es?“ „Was?“, fragte ich verwirrt zurück. Die Nebenwirkungen seines Geruches waren längst noch nicht verschwunden. Mein Gehirn war langsamer als sonst. „Dein Problem“, lachte er. „Ich habe keins.“ Ich musterte die anderen Kritzeleien auf der Bank. Auf der Lehne klebte ein Kaugummi. Angeekelt rutschte ich davon weg und als ich bemerkte, dass ich somit auch zu ihm hin rutschte, trat ich den Rückzug an. Ich würde lieber das Kaugummi das da klebte und schon ganz hart und dreckig war lieber noch einmal kauen, als mit ihm zu diskutieren. „Wieso weinst du dann?“ Das ganze schien ihn sehr zu belustigen. Ich ging das Risiko ein ihm ihn seine Augen zu schauen. Für einen Moment verschwand ich in dem Meer, das er darin gefangen zu halten schein. Strahlend blau, als hielte sich auch eine kleine Sonne darin versteckt, deren Strahlen sich an der Wasseroberfläche brachen. Nein! , schrie etwas in mir. Aus! Pfui! Du kannst ihn auf den Tod nicht leiden. Dann fasste ich mich wieder, wandte mich von ihm ab. Ich schwor mir ihm unter keinen Umständen noch mal in die Augen zu schauen „Ich will nicht darüber reden!“, schrie ich auf einmal und sprang auf. Das war doch schon besser. Ich musste mich wehren. Die Leute ringsherum schien die Szene Spaß zu machen. Ich rannte, rannte um mein Leben, denn seine Sticheleien brachten mich noch um. Ich spürte seinen verärgerten Blick in meinem Rücken, der so sehr piekste uns stach, dass ich mich überwinden musste mich nicht noch mal umzudrehen. Ich würde mich nie wieder umdrehen. Lieber würde ich sterben. Wie konnte er es bloß wagen mich in meiner Verfassung so auszufragen? Dafür hasste ich ihn noch mehr, als sowieso schon. Wie ich ihn hasste! Am besten war es den Vorfall zu vergessen, nie wieder daran zu denken. Als wäre nichts gewesen. Die Gedanken, die ich hatte, bevor er gekommen war, das waren schöne Gedanken gewesen. An ihn. Aber ich hatte alles vergessen. Alle meine Gefühle waren wie ausgelöscht. Bloß die Aufregung war noch da. Ansonsten war ich leer, wie ein hohler Baum. Nach einiger Zeit wusste ich gar nicht mehr wohin ich lief. Hier war ich noch nie gewesen. Die Häuser sahen tot und traurig aus. Trostlos. In diesem Viertel zog man sich zurück und ging nur raus, wenn es unbedingt musste. Das sah man direkt, auch wenn man nicht die Gründe kannte. Altersschwäche, Krankheit, Faulheit. Liebeskummer. Das erinnerte mich an meine Gefühle. Sie waren wieder da, stärker, als zuvor. Wie ein Stromschlag war es für mich, ein tiefer Stich ins Herz. Vor Schreck blieb ich stehen. Direkt vor mir streckte sich ein größeres Haus in die Höhe. Die Fenster waren unbeleuchtet und es sah so unglaublich leer aus. Verlassen, als wäre nie jemand da gewesen. Keinerlei Spuren von den Menschen, die dort einmal gewohnt hatten. Nach längerem Betrachten erinnerte es mich an mein Herz, dass genau in diesem, wie auch in jedem anderen Moment, vor Leere schrie. Auch das Haus wollte bewohnt werden. Dass es die Lebensfreude und das Glück, wenn es musste auch mal die Sorge der Bewohner aufsaugen und wieder atmen konnte. Es wollte beschützen und beschützt werden. Wie ich. Wenn er bloß jetzt hier wäre. Er würde mich wieder auffüllen können. Tränen liefen mir über die Wangen, unaufhaltsam. Ich merkte, dass es anfing zu regen und die Regentropfen liefen an der unebenen Hauswand hinunter und hinterließen dunkle Streifen. Auch es weinte. Aus tiefstem Herzen. Kummer und Schmerz, mehr kannte ich in diesem Moment nicht. Von einem Moment auf den anderen machte mir das Alles Angst. Erst recht, als ich bemerkte, dass sie alle gleich waren. Jedes Haus strahlte die gleiche Einsamkeit aus. Die gleiche Leere. Das war zu viel. Und wieder rannte ich. Diesmal rannte ich vor mir selbst weg. Ich hatte mich selbst in solche Panik versetzt. Dass Jemand, der mich gar nicht kannte, so etwas in mir auslösen konnte. Das musste aufhören. Kein Liebeskummer mehr, das wollte ich mir versprechen. Vor allem, weil es keinem von uns was brachte. Schlaflose Nächte und Gedankenabwesenheit für nichts und wieder nichts. Es würde nie so kommen, wie ich es wollte, also konnte ich direkt loslassen. Ihn vergessen. Aber wenn das mal so einfach wäre! „Man kann nicht entscheiden, in wen und wann man sich verliebt“, hatte irgendjemand mal gesagt. War ich es vielleicht gewesen? Ich hatte recht gehabt. Und man konnte es nicht stoppen, dieses Gefühl, das einen glücklich, aber zugleich auch furchtbar traurig machte. Ob ich wollte oder nicht: Ich würde ihn weiterhin lieben. So ein Mist! Bis ich jemanden gefunden hatte, der noch besser war. Ich hörte langsam auf zu laufen. Inzwischen wusste ich wieder, wo ich war. Den gleichen Weg, den ich jetzt zurück ging musste ich auch vorhin genommen haben, wusste aber nichts mehr davon. Es überraschte mich gar nicht mehr, dass ich so schnell vergaß. Seit dem entscheidenden Mittwoch vor zwei Wochen, wo er mir überhaupt das erste Mal aufgefallen war ging es jeden Tag so. Es tat mir weh, als ich mich daran zurück erinnerte, wie abfällig er guckt hatte, aber selbst mit diesem Ausdruck im Gesicht hatte er wunderbar ausgesehen. Ich wollte gar nicht daran denken wie ich geguckt hatte, als mir das aufgefallen war. Ich musste ausgesehen haben, wie ein Groupie, der den Star, für den sie schon so lange schwärmt zum ersten mal Live und in Farbe sieht. Genau vor ihr. Oder, wie ein kleines Kind an Weihnachten. Ich versuchte mich an seine Augen zu erinnern. Meine Sommerwiese. Sie waren so unglaublich tief gewesen, dass es Stunden gebraucht hätte bis zum Grund zu tauchen. Sie hatten viel zu schnell wieder weggeguckt. Was hatte er eigentlich gedacht, als er mich gesehen hatte? , fragte ich mich zum ersten Mal. Hatte er mich als nerviges kleines Kind betrachtet? Hatte er mich hübsch gefunden? Ich wünschte mir so sehr, ich könnte seine Gedanken lesen, damit ich mir das übliche, peinliche Rumgetue sparen konnte. Ich wollte ihn jetzt.
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Kommentare
AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)
Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.
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