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Kategorien > Jugendliebe > 1. Liebe

Blind

von Kathrin Schulz

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Pizza, während er mit den anderen über Themen sprach, von denen ich keine Ahnung hatte. In der zweiten Pause war ich immer mit ihm allein und plauderte mit ihm über dies und das. Weil er Einzelkind war, interessierte er sich sehr für die Beziehung zwischen mir und Ben. Ich hatte schon großes Glück, dass Ben mich so akzeptierte, wie ich war, mir sogar oft half. Bei Tina in der Familie zum Beispiel ging es nicht so zu. Ständig gab es Streit aus Mücken wurden Elefanten gemacht. So was verstand ich nicht. Tina, dachte ich dann. Alice. Sie vermissten mich bestimmt und waren beleidigt, dass ich mich nicht mehr bei ihnen aufhielt. Ich fühlte mich, wie ein Monster, wenn ich daran dachte, dass es mir überhaupt nicht so ging. Ich vermisste sie nicht. Es wirkte sogar befreiend sich nicht immer für alles interessieren zu müssen, was sie toll fanden. Ich war ohne sie glücklich, es fühlte sich nicht mal falsch an. Und dann begriff ich erst, dass es mir mit Timo genauso ging. Dass ich zu beschäftigt war, war nur eine Ausrede gewesen. Eigentlich hatte ich auch an ihm das Interesse verloren. Sogar bei Ben ging es mir ähnlich.

Am Freitag hatte Andreas mir versprochen nach der Schule auf mich zu warten, er hatte auch nur sechs Stunden heute. Er hatte gemeint wir könnten noch in die Stadt gehen. Natürlich hatte ich zugesagt, ich konnte gar nicht anders. In Sachen Andreas konnte ich nicht „Nein“ sagen. Hätte er vorgeschlagen eine Bank auszurauben, hätte ich sofort mitgemacht.
„Hey, Pauli!“, rief er schon von weitem.
„Andy!“, erwiderte ich. Ich war froh, dass er allein war und niemand von seinen Freunden mitkam. Fabi wäre ja noch okay gewesen, aber die anderen waren mir zu fremd. Ich ging so langsam, wie möglich auf ihn zu und verbot meinen Händen zu zittern. Zum Glück gehorchten sie in letzter Zeit einigermaßen, sodass ich sie nicht in den Hosentaschen verbergen musste.
„Was machen wir jetzt?“, fragte ich gespannt.
„Eisessen?“, fragte er. Ich war mehr als einverstanden. Mit Andreas Eisessen! Das war mehr, als ich je verlangt hätte. Wir gingen schweigend nebeneinander her. Immer, wenn ich mit ihm zusammen war, versagte mein Gehirn und somit meine Kreativität. Genau deshalb verstand ich nicht, weshalb er mich mochte. Ich war in seiner Gegenwart so langweilig! Ich verstand ihn einfach nicht.
„Woran denkst du?“, fragte er und riss mich damit aus den Gedanken. Das war eine gute Frage. Daran, dass ich nicht gut genug für dich bin. Daran, dass du das Schönste und Tollste biost, was mir je begegnet ist. Daran, dass ich gerne mehr für dich, als eine kleine Schwester sein will, konnte ich ja schlecht antworten. Was dann? Das brachte mich auf eine Idee, etwas, was ich ihn schon länger fragen wollte. Welche Vorteile das hätte! Ich nahm mich zusammen und meinte:
„Ich habe mich gefragt, ob ich dich fragen soll, ob ich nach deiner Nummer fragen darf“, antwortete ich und lief rot an. Sehr rot. Mir wurde heiß. Er runzelte die Stirn und ließ auf seine Antwort warten. Dann fing er laut an zu lachen. Ich wusste nicht, ob er über das Wortspiel oder über die Frage an sich lachte. Das Blut stieg mir weiterhin in den Kopf und ich zwang mich mitzulachen. Es klang krankhaft. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er nicht mehr lachte und sein Handy aus der Hosentasche kramte. Er fing an zu diktieren. Ich holte ebenfalls mein Handy raus. Verdammt! Ich würde bestimmt gleich umfallen. Meine Knie zitterten, als ich seinen Namen eintippte. Andreas. Mein Bruder. Ich hoffte so sehr, dass ihm das nicht auffiel. Das Zittern wanderte von den Knien zum Oberschenkel und schließlich in meine Arme, als er mir die Festnetznummer sagte. Dann sagte ich mit zittriger Stimme meine Nummern auf. Oh, es war so unglaublich, dass er mir seine Nummer gab, dass ich ihn jederzeit anrufen konnte. Die nächste Frage war bloß, ob ich mich das trauen würde. Ich zitterte weiterhin. Dabei war mir doch so heiß, brennend heiß. Ich fühlte mich, als würde ich gleich umkippen. Seltsam, dass ich für diese einzige Frage eine solche Kraft benötigt hatte. So viel Kraft, dass ich jetzt geschwächt war.
„Ist dir kalt?“, fragte er schließlich ungläubig.
„Ein bisschen schon“, log ich und hoffte, dass er es dabei beließ. Er breitete die Arme aus um mich zu wärmen, dabei schwitzte ich doch. Oh nein! , dachte ich. Ich fuhr zusammen, als er den Arm um mich legte. Es fühlte sich an, wie ein Elektroschock und ich zuckte zusammen. Würde das nie aufhören? Für einen Augeblick wurde mir schwarz vor Augen. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Wie peinlich es werden würde in seinen Armen jetzt einfach so in Ohnmacht zu fallen! So sehr ich auch wollte konnte ich nicht gegen das Gefühl ankämpfen umzukippen. Ich spürte nichts mehr, bloß noch seinen Arm. Und ich roch seinen Duft, der sicher zu dieser Blamage beigetragen hatte. Wieder war da nichts als Leere in meinem Kopf, nichts, als Andreas.
Als ich die Augen wieder öffnete, merkte ich, dass wir immer noch gingen. Ich taumelte ein wenig, aber ich ging. Anscheinend hatte es keine Sekunde gedauert. Ich war erleichtert, aber noch verschreckt. In diesem Augenblick erreichte sein Geruch stärker denn je meine Nase und ich atmete mehr ein, als aus. Es war das köstlichste, was ich je gerochen hatte. Er zog den rechten Arm zurück, als wollte er loslassen. Diesmal konnte ich nicht anderes, als meine Arme um ihn zu schlingen. Ich hatte die Kontrolle über die Unterdrückung meiner Gefühle verloren. Das durfte mir nicht zu oft passieren, eigentlich gar nicht. Es durfte keine Auseinandersetzungen zwischen meinem Herzen und meinem Gehirn geben, aber schon wieder gab es eine. Mein Herz sagte nämlich, dass es ihn nie mehr loslassen wollte und mein Gehirn, dass das zu auffällig war, dass die Gefühle doch unterdrückt werden mussten.
„Ist dir immer noch kalt?“, fragte er verwirrt.
„Ja“, log ich und er legte den Arm wieder dahin zurück, wo er vorhin gelegen hatte, auf meine Schulter. Da, wo er hingehörte. Er schaute um sich, als wäre es ihm unangenehm, wie wir jetzt für andere wirkten: wie ein Pärchen. Ich fand das mehr, als angenehm, aber dann ließ ich trotzdem los, denn ich wollte nicht, dass er sich unwohl fühlte. Wenn es ihm schlecht ging, ging es mir auch schlecht.
„Jetzt ist gut“, sagte ich, damit er mich mit gutem Gewissen loslassen konnte. Er ließ los und nickte. Im nächsten Moment erstarrt ich: wir waren an der Ampel angekommen, an der ich in den Tagtraum gefallen war, so fesselnd, dass ich geweckt werden musste. Verdammt! Da hatte er auf der gegenüberliegenden Seite gestanden und getan, als ob ich nicht da wäre. Und jetzt, jetzt stand er neben mir, als wäre es nie anders gewesen. Das war komisch. Es war nur ungefähr eine Woche her, erinnerte ich mich. Mir kam es vor, wie ein Jahr.

An der Eisdiele angekommen, kramte Andreas suchend in seinen Taschen. Ich konnte ihn nur fragend angucken und warten, bis er das Rätsel löste.
„Uups!“, stieß er endlich aus. „Ich hab mein Geld vergessen.“
„Ich bezahl für dich mit“, sagte

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Kommentare

AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)

Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.

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