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Kategorien > Jugendliebe > 1. Liebe

Blind

von Kathrin Schulz

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Sofort. Ich kam wieder zu der Bank, wo ich die Flucht ergriffen hatte. Timo Klaaßen. Meine Trauer verschwand und wurde durch Wut ersetzt. Er saß natürlich nicht mehr da und obwohl er das letzte war, was ich jetzt gebrauchen konnte, machte es mich irgendwie traurig. Wieso das? , fragte es spöttisch in meinem Kopf. Du hasst ihn. Da wollte ich auch gar nicht widersprechen, denn das tat ich allerdings. Da wo er eben gesessen hatte flog jetzt ein weißes knittriges Blättchen im Wind, das mit einem Faden an der Bank festgebunden war. Ich versuchte den Sinn zu erkennen. Ich guckte um mich. Es waren jetzt nicht mehr so viele Leute in der Stadt, denn es wurde Abend. Als ich feststellte, dass niemandem sonst der Zettel aufzufallen schien, steuerte ich darauf zu. Ich fing das flatternde Papierchen erst nach dem vierten Versuch. Typisch ich. Langsam ließ ich den Faden durch meine Finger gleiten, der so aussah, als hätte er mal zu einer Naht einer Jeans gehört, bis ich den Zettel in der Hand hielt. Es war ein ganz normales Zettelchen. Liniert, wahrscheinlich von einem größeren Blatt abgerissen. Ich guckte noch mal um mich, bevor ich mich beschloss ihn zu lesen. Da stand in krakeliger Schrift:

an Pauline:
987566445676 oder 02162/ 01609
lg Timo K.


Dieser Idiot hatte mir doch nicht im Ernst seine Nummer dagelassen! Meinte er wirklich ich käme je auf die Idee ihn zu kontaktieren? Stampfend lief ich zum nächsten Mülleimer, um das angenässte Papierchen wegzuschmeißen. Freiwillig würde ich mich ganz sicher nicht mehr mit ihm unterhalten. Er sollte bloß nicht denken, dass ich ihn mochte, bloß weil er mir Hilfe angeboten hatte. Ich wollte seine verdammte Hilfe überhaupt nicht. Was dachte er sich bloß dabei? Der erste Mülleimer war mehr, als überfüllt. Wie ich mein Glück kannte, würde der Zettel wieder rausfliegen und mir hinterher purzeln. „Hallo, hier bin ich!“, würde er rufen. „Ruf ihn an! Mach schon!“ Aber nein, auf gar keinen Fall. Also ging ich weiter in der Hoffnung auf den Nächsten. Je weiter man aus der Stadt hinausging, desto weniger Mülleimer gab es. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich die Nächste silberne, rundliche Tonne sah. Das Papierchen wog schwer in meiner Hand. Eine Last und somit ein weiteres Problem meiner vielen Probleme. Im Gegensatz zu den anderen konnte man es wenigstens wegschmeißen. Wie froh ich darüber war. Dieser war leer genug und ich hatte meine Hand schon darüber geschoben, ich musste nur noch loslassen, aber auf einmal wollte ich das nicht mehr. Meine Hand brachte es nicht fertig sich zu öffnen und es fallen zu lassen. Als wäre es etwas Wertvolles. Es war doch nur ein harmloses, unschuldiges Stück Papier. Ich zog die Hand zurück und steckte es in meine Tasche. Ich hatte das Gefühl, dass ich es vielleicht doch mal brauchen könnte. Wozu wusste ich noch nicht. Ich konnte es zur Not immer noch zu Hause entsorgen. Wahrscheinlich war es sinnlos, was ich da machte. Es war ja auch nur so ein Gefühl.

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht blieb ich erschrocken stehen. Musste das jetzt sein? Warum stand es hier? Natürlich hatte es immer hier gestanden, aber mich konnte man nicht oft genug warnen. Mein Körper war steif und unbeweglich. Ich war fast gegen den Treppenvorsprung seines Lieblingscafés gelaufen. Ausgerechnet .Natürlich hatte ich ein wenig recherchiert. Besondere Anstrengung erfolgte das auch nicht, so laut, wie er mit seinen Kumpels tratschte. Er hieß Andreas Fechthold und wurde von seinen Freunden Andy genannt. Seit längerem schon planten sie zusammen einen Ausflug in die Türkei, wo ich auch schon immer mal hinwollte. Ihr Vorteil: Sie waren 18, also volljährig, während ich mit 15 fast noch als Kind galt. Geburtstag hatte er übrigens am sechsten März. Außerdem spielte er Gitarre, was ich total toll fand. Ich liebte ihn dafür. Mein Bruder hatte auch eine Gitarre, leider spielte er sie wenig. Es klang wundervoll. Wenn er erstmal angefangen hatte, wollte ich dass er nie mehr aufhörte. Im Moment war Andreas solo, aber wie ich es aus den Gesprächen entnommen hatte, war er auf der Suche. Mich hatte er wohl noch nicht entdeckt. Er würde mich auch nie entdecken. Er hatte meine Augen nicht gesehen, wie ich seine gesehen hatte. Hatte mich wahrscheinlich schon längst wieder vergessen. Ich merkte mir nicht auch jeden Idiot, der mich umrannte. Er mochte mich sicher nicht, verlor keinen einzigen Gedanken an mich. Außerdem hatte er etwas gegen „kleine Kinder“, aber bis wann ist man wohl ein kleines Kind? Er jedenfalls kam mir sehr erwachsen vor. Schon fast zu anständig, als wäre sein Humor in der letzten Klasse hängen geblieben. Dann war mir aufgefallen, dass er immer nur so rüber kam, wenn Lehrer in der Nähe war. Das hatte mich beruhigt. Im Großen und Ganzen war er sogar fast so kindisch, wie ich. Kein Wunder: biologisch gesehen war er ja erst 16. Auch vom Aussehen würde man ihn in diese Altersklasse einordnen. Es musste an der Größe liegen, denn neben seinen Kumpels, war er ein Zwerg. Es sah immer so unglaublich süß aus. „Knuffig, wie ein Teddybär“, hätte meine Freundin gesagt. Wenn sie ich gewesen wäre zumindest. Was sie selbst über ihn dachte wusste ich nicht. Letzten Endes war mir das auch egal. Jedenfalls war er wohl kaum größer, als die Jungs aus meiner Klasse. Ich war der Ansicht, dass er genau richtig für mich war und dass es niemanden perfekteren geben könnte. So war es auch. Er war das schönste, was ich je gesehen hatte. Es war schade, dass ich ihn aufgeben musste. Aber was sollte ich sonst machen? Ich hatte keine Ahnung, wie man so etwas anging. Ich hatte Angst davor. Wie immer hatte ich Angst vor Veränderung. Vor dem Unbekannten.
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich immer noch an den Treppen des Cafés stand. Ich fragte mich für einen kleinen Moment, ob ich reingehen sollte, um zu gucken ob er da war, aber dann entschied ich mich dagegen. Wenn er da irgendwo säße, würde ich sowieso direkt mit hochrotem Kopf wieder raus laufen. Und dann würde er mich erst recht für geistesgestört halten. Und würde er mich überhaupt wieder erkennen? So oder so ergab es keinen Sinn. Also ging ich weiter. Der Regen wurde immer stärker und es fing an zu stürmen, höchste Zeit, dass ich nach Hause ging. Ich hatte Gegenwind und musste die Augen zu Schlitzen formen, damit sich keine Tropfen darin hineinverirrten. Gleichzeitig kämpfte ich mal wieder mit den Tränen. Niemand war mehr auf der Straße und der Regen würde sie überdecken, ich konnte sie laufen lassen. Als ich den salzigen Geschmack auf meiner Zunge schmeckte, bekam mich ein Gefühl der Befreiung. Ich schluchzte und zog die Nase hoch. Ich war schlecht darin Tränen zurückzuhalten. Und wenn ich erstmal angefangen hatte

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Kommentare

AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)

Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.

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