Blind
von
Kathrin Schulz
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nahm wirklich sehr viel Platz in meinem Herzen weg. Bald füllte er es ganz aus. Bald. Denn es wurde immer schlimmer mit ihm. Ich vermisste ihn jeden Tag mehr. Fand ihn jeden Tag schöner. Perfekter.
In der ersten Stunde bemerkte ich, dass niemand mich beachtete, wahrscheinlich, weil ich sie sonst auch nie beachtet hatte. Es war, als wäre ich gar nicht wirklich hier, als wäre es ein Film mit Schauspielern, die ich noch nie gesehen hatte. Sie waren mir alle so fremd. Weil sie mit nichts bedeuteten. Zögernd guckte ich zu Alice, die gebannt den Lehrer anschaute und im Gegensatz zu mir dem Unterricht folgte. Zwischendurch runzelte sie nachdenklich die Stirn. Bestimmt merkte sie genau, dass ich sie anguckte, aber sicher hatte ich es schon so oft in Gedanken getan, dass sie es ignorierte. Prüfend ließ ich meinen Blick wieder durch die Reihen gleiten. Nicht mal Dominick, dessen Blick ich als erstes fangen konnte, grinste mich an, wie er es sonst tat, wenn sich unsere Blicke trafen. Stattdessen schaute er weg. Beleidigt, enttäuscht. Tina, die ich als nächstes anschaute, verzog keine Miene, als ich ihr in die Augen guckte. Sonst hatte sie spätestens nach fünf Sekunden einen Lachkrampf bekommen. Was war los? Ich lächelte sie an, so nett wie ich konnte, aber sie schaute immer noch grimmig drein. Es war, als würde sie durch mich hindurch gucken. Verwirrt ließ ich meinen Blick zum Lehrer wandern, der jeden einzelnen der Reihe nach anguckte, bloß mich übersprang er. War ich sonst wirklich immer so geistesabwesend, dass alle anderen aufgegeben hatten mit mir Kontakt aufzunehmen? Das gefiel mir überhaupt nicht. Ich entschwand der Realität in meine Fantasiewelt. Hier wurde ich anscheinend nicht mehr gebraucht. Hier interessierte sich niemand mehr für mich, das hatte ich mir versaut. Seufzend legte ich meinen Kopf in die Hand und schaute an die Tafel. Ich verstand nichts von dem, was da stand. Meine schulischen Leistungen konnte ich vergessen, aber richtig. Dabei hatte ich meiner Mum doch geschworen besser zu werden. Ich tat das Gegenteil. Wegen Andreas. Er war es eindeutig wert. Oder etwa nicht? Doch natürlich. Er war noch mehr wert, als das. So viel.
„Hey, Pauli“, sagte Andreas grinsend, als ich bei ihm ankam.
„Hey, Andy“, erwiderte ich und streckte die Hand aus, um das Geld für seine Pizza entgegen zu nehmen, aber er schüttelte den Kopf. Ich runzelte verwundert die Stirn.
„Nee, heute zweimal Pizza ist ein bisschen viel, oder?“, sagte er und ich erstarrte. Das hatte ich ganz vergessen. Er hatte mich nicht nur an unsere Verabredung erinnert, sondern auch an meine Gedankengänge von gestern, die ich vor mir hatte herschieben wollen. Ich schaute ihn an. Nein, es sollte nicht anders werden, als es jetzt war. Ich würde durchhalten, als gute Freundin. Abwesend nickte ich und schüttelte danach den Kopf, nicht auf seine Frage, sondern um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Aber es funktionierte nicht. Mich hatte solch eine Angst ergriffen. Vor Veränderung. Es hatte sich so vieles verändert, konnte nicht eine Sache mal beim Alten bleiben. Ich versuchte seine Gedanken zu lesen. Was wollte er? Was er wollte, wollte ich auch, oder nicht? Wenn er glücklich war, war ich es auch. Ja. Es
lag an ihm, was sich veränderte. Ich würde es ihm recht machen, ohne nachzudenken. Wenn er gehen wollte, dann würde ich ihn gehen lassen und wenn er mehr wollte, würde ich ihn mehr haben lassen. guckte mich verwirrt an und ich schüttelte nochmals den Kopf.
„Alles okay“, versichert ich ihm, wenn auch unglaubwürdig. Ich konnte immer noch schlecht lügen. Man konnte immer noch, ohne jene besondere Begabung, meine Gedanken lesen.
„Dann ist gut“, sagte er, obwohl ich mir sicher war, dass er noch darüber nachdachte, was in mir vorging. Ich versuchte weniger zu denken und hörte einfach Fabi und den anderen zu, obwohl ich kein Wort verstand. Das, worüber sie sprachen, war wie chinesisch für mich. Ich sah, wie Markus und Sam mich ab und zu anguckten, als wäre ich geistesgestört. Der Blick war richtig beleidigend. Wie eine stumme Anweisung, dass ich hier nicht hingehörte. Dann schauten sie wütend zu Andreas, als hätte er sie beleidigt oder verband. Das alles nur flüchtig, aber ich sah es ganz genau. Es brachte mich zum Nachdenken. Was hatten sie mir vorzuwerfen? Und was hatten sie erst ihm vorzuwerfen? Ich verstand das nicht, er war ja ihr Freund. Vielleicht hatte ich die Blicke ja auch nur falsch gedeutet und sie hatten gar nicht so geguckt, wie ich gedacht hatte. Es gäbe schließlich keinen Grund für sie mich so zu sehen und wütend auf Andreas zu sein. Oder wussten sie etwas, was ich nicht wusste? Es musste irgendetwas mit mir zu tun haben. Hatte Andreas mich doch nicht gern? War ich zu unrecht hier? Es wäre schrecklich, wenn er mir was vormachte und alles andere, als unmöglich.
Zum Glück machte Andras diese Vorstellung in diesem Moment zunichte, indem er mich zum Abschied umarmte. Ich schloss die Augen, genoss es in vollen Zügen. Ich hatte das Klingeln gar nicht gehört. Ich vergaß Markus und Sam ganz schnell. Ich musste es mir eingebildet haben.
Kaum hatte ich mich auf meinen Platz gesetzt, fing ich wieder an zu träumen und auf die nächste Pause zu warten. Je weniger ich in dem Hier und Jetzt blieb, desto schneller ging die Zeit rum. Ich dachte daran, wie der Abend werden würde. Sollte ich vielleicht gar nicht hingehen? Schließlich hatte ich solche Angst davor. Weshalb auch immer. Ich hatte Angst davor so lange mit ihm allein zu sein und gleichzeitig konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Es war qualvoll nicht zu wissen, wie der Abend verlief. Hätte ich doch schon alles hinter mir! Wieder fing ich an zu zappeln und hoffte bloß damit nicht aufzufallen. War es vielleicht nicht nur unser erstens, sondern auch unser letztes Treffen? War es ein Abschied oder gerade erst der Anfang einer neuen Freundschaft? Oder etwa einer neuen Liebe? Es wäre mehr, als angenehm zu wissen gewesen, welche Bedeutung das alles hatte. Denn irgendeine Bedeutung hatte es, meinte ich zu wissen. Die Zeit schlich vor sich hin, während ich mit meinem Bleistift auf den Tisch trommelte, nervös hin- und herguckte. Aber mich bemerkte wirklich niemand. Ich hatte genug Zeit für eine neue Fantasie:
Ich saß mit Andreas in der Pizzeria an einem Zweiertisch. Einem Pärchentisch. Wir warteten auf unser Essen, sagten beide nichts. Zu meiner Beunruhigung stand in der Mitte unseres Tisches ein riesiger Kerzenhalter mit sieben brennenden Kerzen darin. Er tauchte alles in ein viel zu romantisches Licht, ich war nervös. Mit zitternden Händen glättete ich immer wieder die rote Samttischdecke, strich mit dem Zeigefinger darüber. Ich versuchte nicht zu ihm aufzuschauen, weil ich wusste, wie unglaublich seine Augen in dem Licht aussehen mussten. So unglaublich. Ich hatte Angst, dass ich mich auf ihn werfen würde, wenn ich sie sah, dass ich es dann nicht mehr aushalten würde. Aber irgendwann tat ich es dann doch. Ein Fehler. Ich rammte meine Fingernägel in
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Kommentare
AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)
Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.
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