Blind
von
Kathrin Schulz
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zu weinen konnte ich gar nicht mehr aufhören. Tausend schlechte Erinnerungen kamen in mir auf und machten alles nur noch schlimmer. Langsam wurde es schwül und es würde sicher bald gewittern, wie es so üblich war Mitte Mai. Kurz nachdem ich aufgehört hatte zu denken, versuchte mich wieder zu fangen, grummelte es dann auch schon und ich fing an zu laufen, weil ich immer noch Panik vor Gewitter hatte. Natürlich wusste ich, dass mir mitten in der Stadt nichts passieren konnte, aber ich fühlte mich trotzdem bedroht und unsicher. Ich war immer froh, wenn ich aus so einem Unwetter nach Hause kam. Vielleicht würde ich dort auch ein wenig Ablenkung kriegen. Ablenkung von mir selbst. Und Andreas. Andreas.
„Und? Hast du was Schönes gefunden?“, begrüßte meine Mutter mich aus der Küche. „Hä?“, fragte ich zurück und korrigierte mich direkt mit: „Wie bitte?“, weil sie mir sonst nicht antwortete. Aus Trotz, damit ich mir die höflichere Form angewöhnte.
„Das Geschenk für Oma. Sie hat doch morgen Geburtstag. Ich dachte du wärest deshalb in der Stadt gewesen.“
„Uuuups!“, stieß ich aus. Deshalb hatte ich mich aufgerafft in die Stadt zu gehen. Und dann war Timo gekommen und ich hatte es vergessen. Noch ein Grund ihn nicht leiden zu können
„Hast du’s etwa vergessen?“
„Ja, so kann man es nennen...aber keine Sorge ich geh morgen nach der Schule sowieso noch mal in die Stadt.“
„Alles klar, holst du Ben bitte zum Essen?“
Das war mein Bruder. Und gleichzeitig der beste Bruder auf der Welt. Mein bester Freund.
„Ja, Mum“, sagte ich bereitwillig und stieg die Treppen hoch. In sein und mein Reich. Ich klopfte.
„Ja?“, fragte es von drinnen. Ich machte die Tür auf.
Er saß an seinem Schreibtisch und machte anscheinend Hausaufgaben. Stimmt, das musste ich auch noch machen.
„Essen ist fertig“, sagte ich ihm.
„Ja, ich komm gleich.“
Ich trat näher zu ihm und beugte mich über sein Matheheft. Es sah kompliziert aus. Sofort trat ich wieder einen Schritt zurück, ich war verwirrt genug. Keine komplizierten Formeln jetzt.
„Na gut, dass übermorgen Wochenende ist“, nuschelte ich ihm über seine Schulter.
„Oh ja“, seufzte er und stand auf. Als wir die Treppen hinunterpolterten erinnerte ich ihn: „Du hast sicher noch kein Geschenk für Oma, oder?“ Er starrte mich an, als hätte ich gesagt, dass unsre Katze Mia tot ist. Er war kurz verwundert stehen geblieben.
„Mist, das hab ich ganz vergessen!“
„Ich bring dir morgen was mit, wenn ich in der Stadt bin“, versprach ich.
„Echt? Danke.“ Er drückte mich kurz und in diesem Moment kam mein Dad nach Hause. Er sog den Geruch, der aus der Küche kam, genießerisch ein.
„Nudelauflauf!“, freute er sich, wie über jedes andere Gericht auch. Alles war so unerträglich alltäglich, obwohl ich mich ganz und gar nicht normal fühlte.
„Wie war denn euer Tag, Kinder?“, fing meine Mum wieder an zu nerven. Es war immer die gleiche Fragestellung und was mich am meisten daran störte, dass sie uns immer noch „Kinder“ nannte, ohne mit der Wimper zu zucken. Ben und ich murmelten irgendetwas von anstrengend und scheiß Wetter und stopften weiter Nudel für Nudel in uns hinein.
„Und deiner, Schatz?“, fragte sie nun Papa, bei uns hatte sie fürs erste aufgegeben.
„Ja, war erträglich.“ Dann war es still. Die Gabeln schabten über die Teller.
„Wie war denn deiner?“, erkundigte ich mich bei Mum, weil sie nie gefragt wurde. Die Ausnahme, die ich gemacht hatte, hob ihre Stimmung noch mehr an: „Schön war mein Tag. Nett, dass du fragst.“ Ich lächelte, so gut ich konnte. Sie wusste ja nicht, dass das nur zu meiner Ablenkung gehört hatte. Ihre Antwort interessierte mich nicht, ich wollte bloß nicht in Gedanken versinken. Nicht, dass ich schon wieder weinen musste.
Am Abend beschloss ich zu lesen, um mich von der Realität abzulenken. Die Realität machte nach und nach der Fantasiegeschichte platz und befreite mich von ihr. Ich versetzte mich so sehr in die Geschichte, dass ich dachte es wäre meine eigene. Meine Verwirrung legte sich also nicht, verstärkte sie noch. Wenn ich das Buch wieder zugeklappt hatte, würde alles wieder zurückkommen. Ich versuchte nicht an den Stromschlag zu denken, den mir das versetzten würde, wenn ich mir meinen Gefühlen wieder bewusst war. Denn im Moment schwebte ich noch durch die Seiten und spürte nichts weiter, als das was, der Ich-Erzähler spürte. Das war so viel angenehmer. Ich wäre gerne in der Geschichte geblieben, hätte die ganze Nacht durchgelesen, wenn mich meine Mutter nicht irgendwann gestört hätte. Dann war es vorbei mit mir. Eine Weile konnte ich vor Schmerz nicht mehr machen, als da sitzen und Löcher in die Luft gucken. Ich hatte es mir doch gleich gesagt, dass es wehtun würde. Die Realität war gemein, rücksichtslos. Wieso lebte ich denn auch ausgerechnet das Leben, das ich lebte? Immer beneideten mich alle. Um meine Eltern, meinen Bruder, unser Haus und dass ich immer glücklich war. Aber das stimmte ja gar nicht. Ich schien bloß nach außen hin glücklich zu sein. Ich war es ganz und gar nicht. Auch wenn ich tolle Eltern, einen coolen Bruder und ein schönes Haus hatte. Nachdem ich mich umgezogen und die Zähne geputzt hatte konnte ich trotz meiner Müdigkeit nicht widerstehen noch mal nach dem Buch zu greifen. Nur ganz kurz, versprach ich mir. Glaubte aber selbst nicht daran.
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Meine Wange war auf das Buch gepresst und war schon taub davon, den Nacken hatte ich mir irgendwie verrenkt. Das Schlimmste war noch: Ich war hellwach und es war mehr, als unmöglich, dass ich einfach weiterschlafen konnte, also warf ich zunächst einen Blick auf die Uhr. 3 Uhr morgens. Es dämmerte schon langsam und ich beschloss, mich ans Fenster zu setzten, ich brauchte frische Luft. Auf dem Weg dahin, ich hätte es mir schon denken können, stieß ich mich zehn Mal mindestens. Ich riss das Fenster auf und atmete tief ein, nahm mir meine Bettdecke und ein Kissen und schaute auf die Straße. Die Morgenluft tat gut, beruhigte ein bisschen, kaum merklich. Die Straße war leer, so leer, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Einen ganz kleinen Moment dachte ich, ich wäre ganz alleine auf der Welt. Dann gäbe es ihn nicht, ich hätte keine Sorgen. Oder hätte ich dann andere Probleme? Würde ich jemanden vermissen? Natürlich. Meine Freunde, meine Familie und Andreas wahrscheinlich noch am meisten. Aber wenn es auch nur für einen Tag so wäre, dass es nichts gab, außer mich, kein anderes Lebewesen. Es wäre schön, um zu mir selbst zu finden. Ich hatte mich vor lauter Liebe selbst vergessen. Ganz allein auf der ganzen, weiten Welt. Ich seufzte es schon fast in Gedanken. Leider machte ein vorbeifahrendes Auto diese Vorstellung zunichte. Andreas war da, auch wenn er wahrscheinlich schlief. Liebte ich ihn jetzt oder nicht? War es richtig oder falsch? Das waren Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Es würde noch lange dauern, bis ich soweit war. Solange würde ich weiter durch die dunkle Höhle irren, auf der Suche nach einem Licht.
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Kommentare
AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)
Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.
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