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Kategorien > Jugendliebe > 1. Liebe

Blind

von Kathrin Schulz

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„Kommst du am Samstag mit ins Kino?“, fragte Tina mich am nächsten Tag.
„Danach kannst du auch bei mir übernachten!“, schlug Alice direkt vor. Ich wusste nicht recht. Ich merkte nicht zum ersten Mal, wie fremd sie mir geworden waren, weil sie mich einfach nicht mehr interessierten. Dabei waren sie früher mein Leben gewesen. Freunde da, Freunde dort, ich hatte nie genug von ihnen haben können.
„Ich weiß noch nicht“, sagte ich wahrheitsgemäß.
„Das wird bestimmt ein Riesen Spaß“, ermunterte mich Alice, aber das brachte nicht viel.
Ich war nicht so begeistert, wie sie, konnte mich nicht dazu überwinden.
„Ich denke darüber nach, okay?“ Damit war das Thema für mich abgeschlossen und ich dachte stattdessen über Andreas nach. Wo war er eigentlich? Was machte er?
Genau in diesem Moment sah ich ihn am Ende des Schulhofs. Er hatte seine Freunde links und rechts und unterhielt sich angeregt. Aber über was? Ich versuchte erst gar nicht es zu erraten. Stattdessen wanderte mein Blick auf ihm hin und her. Ich bewunderte mal wieder alles an ihm. Er passte nicht zwischen die ganz normalen Jungs, sie sich mit ihm unterhielten. Er war nicht normal. Er war ein Engel zwischen all den Monstern. Er steuerte direkt auf uns zu und wir auf ihn. Irgendwo in der Mitte würden wir uns treffen. Es ließ sich nicht verhindern. In den paar Sekunden, die mir noch blieben würde ich es nicht schaffen meine Freundinnen aufzuklären und sie zu bitten mir das zu ersparen. Ich wollte in seiner Nähe sein, aber gleichzeitig war es mir unangenehm, peinlich. Gleich würde ich mich auf meinen Körper konzentrieren müssen. Versuchen gleichmäßig zu atmen, nicht rot anzulaufen. Ich durfte nicht vergessen, wie man die Beine bewegte, damit sie liefen. Es gab so viel, was ich nicht vergessen durfte und doch konnte ich nicht auf Alles gleichzeitig achten. Ich würde mindestens in einer Sache versagen. Ich bereitete mich seelisch darauf vor. Sollte ich vielleicht noch mal „aus Versehen“ in ihn hineinlaufen? Er würde mich vielleicht für verpeilt halten, aber wenn ich Glück hatte entstand ein Gespräch. Dabei wäre es mir egal, ob es nur aus Beleidigungen bestand. Ich wollte seine Stimme hören, damit ich sie aufnehmen und immer wieder abspielen konnte, wenn mir danach war. Ich entschied mich trotzdem dagegen, ich war nicht mutig genug. Aber ich wollte ihm wenigstens in die Augen sehen.
„Du musst dich deinen Ängsten stellen“, sagte Alice immer. Ich wollte es wenigstens versuchen. Ich durfte nicht davon ausgehen, dass ich es nicht schaffte. Ich musste mir gut zureden. Ich war normalerweise gut in so was. Ich hatte Angst vor Dunkelheit gehabt, dann hatte ich mich, weil ich wütend auf meine Eltern war, mal einen ganzen Tag lang in meinem Zimmer verkrochen und die Rollläden runter gezogen. Es war stockfinster gewesen, kaum auszuhalten, aber seitdem machte mir Dunkelheit nichts mehr aus. Also würde ich es bei Andreas wohl auch schaffen. Er kam immer näher und ich wurde immer nervöser, bis ich schließlich dachte, ich würde sterben, bevor er überhaupt vorbei gehen konnte. „Sie haben die Selbstzerstörung aktiviert. Selbstzerstörung erfolgt in eins, zwei, drei…“, dachte ich und musste beinahe lachen. Ich starb aber leider nicht, merkte ich auf den letzten sechs Metern. Meine Angst lief weiter munter auf uns zu, aber ignorierte mich. Wie immer. Gebannt schaute ich ihn an und konzentrierte mich darauf, nicht rot anzulaufen, wenn er zurückguckte. Ich wollte so gern, dass er mich sah, seinen Blick auch nur für eine Sekunde an mich verschwendete. Er musste nur den Kopf ein wenig anheben, eine klitzekleine Bewegung. Die Spannung steigt, dachte ich. Explodierte ich vielleicht doch noch, direkt vor seiner Nase? Ich hatte schon fast die Hoffnung und gleichzeitig meine Befürchtung verloren, als seine Augen genau meine trafen. Mir stieg trotz meiner Vorbereitungen das Blut in den Kopf. Und je mehr ich mich darauf konzentrierte, dass es nachlassen sollte, desto stärker wurde es. Ich war am Ende meiner Versuche wahrscheinlich rot, wie eine Tomate. Als hätte ich einen Lachkrampf gehabt. Seine Augen waren leuchtender grün, als ich gedacht hatte und sie waren genauso tief, wie in meiner Erinnerung. Noch leuchtender, das hatte ich mir bis jetzt eigentlich nicht vorstellen können. Sein Blick war ausdruckslos. Ich wusste nicht, ob er mich überhaupt wahrnahm, aber es kam mir vor, als könne er meine Gedanken lesen. Alle. Das gefiel mir nicht. Aber diesen Augen konnte man nicht böse sein. Ich wollte sie nicht nur immer auf dem Schulhof lässig vorbeigehen sehen, ich wollte sie sehen, wenn ich abends einschlief und wenn ich morgens aufwachte. War das wirklich zu viel verlangt? Vielleicht würde es irgendwann so kommen. Wahrscheinlich nicht.

Ich war froh, als ich auf dem Weg in die Stadt war und froh, dass mein Gedächtnis wenigstens seinen Anblick nicht vergaß. Alles andere durfte es vergessen, die Schule meine Freunde, aber ihn nicht. Ich ließ es gar nicht zu. Auf der Suche nach Geschenken für meine Großmutter schnappte ich das erstbeste aus den Regalen, bis ich mit einem Paket Pralinen und einem Kochbuch an der Kasse stand. Natürlich wusste ich nicht, ob ihr das unbedingt gefiel, die besten Geschenke waren es auf keinen Fall. Aber besser als gar nichts.
„Darf ich abschreiben?“
„Ich weiß aber nicht, ob es richtig ist.“
„Besser als gar nichts.“, fiel mir dazu ein. Immer wieder der gleiche und im Moment auch der einzige Dialog, den ich mit meinen Freundinnen führte. Für Hausaufgaben hatte ich nämlich nichts mehr übrig. Andreas war so viel wichtiger. Ich stand weiterhin wartend an der Kasse. In Gedanken war ich eigentlich ganz woanders. Die ganze Zeit führte ich mir das Bild vor Augen, das ich heute Vormittag gespeichert hatte. Seine Haare, seinen Gang, seine Nase, seinen Mund und nicht zu vergessen: seine Augen. Jedes Körperteil war schon eine Kunst für sich. Ich benutzte ja nicht oft das Wort „perfekt“, aber wenn ich an ihn dachte, konnte ich nicht aufhören es in Gedanken zu sagen. Immer und immer wieder, denn er war nun mal perfekt. Für mich. Ich konnte mir schon denken, dass die Allgemeinheit an ihm zu mäkeln hatte, schließlich war er kein Modell, aber er war schon so einschüchternd genug. Wenn ich es ihm nur irgendwie sagen könnte. Und wenn er es verstehen würde. Dann wäre alles gut. Wenn er mir gehören würde. Auf der anderen Seite tat es weh, dass ich ihn nie näher kennen lernen würde. An wen dachte er, wenn er nachts wach war? An mich? Schön wär’s, aber eine Stimme in mir sagte: „Das glaubst du doch wohl selber nicht!“ Eine andere Stimme meinte, ich solle die Hoffnung nicht aufgeben. Wie Teufelchen und Engelchen stritt ich schon länger mit mir selbst. Ob ich ihn liebte oder nicht. Ob ich ihn ansprechen sollte oder nicht. Und nie wurde ich mit mir einig. Immer blieb die Frage dann doch offen. Ich war es langsam leid. Etwas musste sich verändern. Jetzt. Ich wusste nur noch nicht wie.

Irgendetwas weckte mich. Erst später merkte

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Kommentare

AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)

Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.

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