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Kategorien > Jugendliebe > 1. Liebe

Blind

von Kathrin Schulz

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niemand.
„Ich hör schon auf“, grinste er. Und ich grinste natürlich immer noch.
„Sam“, setzte ich an. „Ich hab dich lieb“ Dann konnte ich mir ein Kichern nicht verkneifen. Ich schlang die Arme um ihn und es fühlte sich an, als umarmte ich einen Baumstamm. Aber das änderte nichts daran, dass es gut tat. Und ich war erleichtert, dass er nicht weglief. Er lachte auf und sagte:
„Ich dich auch.“ Er streichelte mir über den Rücken und dann klingelte es. Dabei hätte ich eigentlich gerne bei ihm bleiben wollen. Er verabschiedete sich. Ich winkte ihm noch hinterher. Gleich würde er wieder da sein. Wenn ich ihn brauchte. Er würde da sein. Und alle anderen auch.
Kaum war er weg, kamen Alice und Tina um die Ecke.
„Morgen“, begrüßte ich sie.
„Hey, Pauli“, sagte Alice und Tina nickte mir zu.
„Heute ist mein großer Tag, Mädels“, erinnerte ich sie, als wir in den Klassenraum gingen. Mich überraschte eine richtige Vorfreude. In der Pause, dachte ich mir, es dauert nicht mehr lange.
„Viel Glück“, sagte Tina noch, als auch schon unsere Lehrerin rein kam. Ich wusste, beide hätten mich gerne noch umarmt und etwas Aufmunterndes gesagt.
Die Stunde über war ich ganz da. Ganz ich. Aber in meinem Hinterkopf erinnerte ich mich an die Zeit mit Andreas zurück. Und ich musste widerwillig zugeben, dass es eine schöne Zeit gewesen war. Weil ich dumm gewesen war. Eine fremde meinen Körper bezogen hatte. Dann fiel mir auf, wie wenig er mich in seine Privatsphäre gelassen hatte. Ich war noch nicht einmal bei ihm zu Hause gewesen. Ich kannte seine Mutter nicht, seinen Vater nicht. Hatte keine Ahnung, ob er Geschwister hatte. Haustiere? Und von mir wusste er so viel. Fast alles. Obwohl ich nicht genau wusste, was ich ihn in Gedanken gefragt und was ich wirklich ausgesprochen hatte. Er wusste so schon zu viel von mir. Er hätte mich nie kennenlernen sollen. Hätte nicht wissen sollen, dass ich existierte. Dann wäre alles gut gewesen. Kein Schmerz. Keine Angst. Alles wäre perfekt gewesen. Mein Leben wäre schön gewesen. Aber ich hatte es mir so gewünscht. Es war so gekommen, wie ich es gewollt hatte. Die ganze Zeit über hatte ich gedacht, dass ich ein Glückspilz war. Jetzt stellte ich mit Entsetzten fest, dass ich doch ein Pechvogel geblieben war. Verdammt.

Es schellte zur Pause und ich atmete kurz durch. Du bist stark. Du schaffst das. Es wird dir Spaß machen. Ich erhob mich und zwinkerte Tina und Alice noch einmal zu. Auch sie würden da sein. Das wusste ich. Sie würden es alle sehen. Ich steuerte auf die Tür zu und spürte jetzt schon seine negative Ausstrahlung auf mich. Bei jedem Schritt fiel mein mehr und mehr in sich zusammen. Er tat mir nicht gut. Er hatte mir nie gut getan. Erst, wenn ich ihm alles zurückgegeben hatte, würde ich wirklich glücklich sein. Wenn ich ihn zu recht bestraft hatte. Gleich. Entschlossen riss ich die Tür auf, war die erste, die den Klassenraum verließ. Und da stand er auch schon. Dieses Monster.
„Hi, Pauli“, sagte er. Er tat so, als wäre alles normal. Als wüsste ich nicht, wozu er das hier machte. Als wüsste er nicht, was ich wusste.
„Hey, Andreas“, erwiderte ich und mied dabei ganz bewusst seinen Spitznamen. Schweigend gingen wir runter. Ein bedrücktes Schweigen war das. So, wie man mit Feinden schwieg. Ich verschwendete die Zeit nicht damit, noch mal alles zu überdenken. Ich war wild entschlossen. Nichts würde mich abbringen können. Die feurige Wut kam wieder. Pünktlich. Gleich würde ich sie nutzen. Und, wie ich sie nutzen würde.
Kaum waren wir unten bei den anderen angekommen, gab er mir Geld für seine Pizza. Auch er wollte mich loswerden. Vielleicht hatte er ja endlich mal ein schlechtes Gewissen. Ich nahm es, hatte damit aber nicht vor ihm eine Pizza zu kaufen. Ganz und gar nicht. Ich würde mir selbst eine holen. Mir lief schon bei dem Gedanken das Wasser im Mund zusammen. Als mein Blick dem von Markus begegnete, zwinkerte er mir zu und ich zwinkerte zurück. Endlich schaute er mich nicht mehr an, als sei ich gestört. Auch er war jetzt mein Freund. Fast erschrocken prüfte ich, ob Andreas auch nichts davon mitgekriegt hatte. Nein, hatte er nicht. Ahnungsloser, dummer, kleiner Junge. Ich atmete auf und wandte mich von ihnen ab um zum Pizzawagen zugehen. An der frischen Luft atmete ich tief ein. Das Grinsen kam schnell zurück so schnell, wie ich es nicht erwartet hatte. Und ich trug es stolz. Ich war stolz darauf, glücklich zu sein. Mit gutem Grund diesmal. Ich tat das richtige. Und das Falsche würde ich bald hinter mir haben. Sehr bald.
Irgendwann stellte sich Dominick hinter mich. Ach, Dominick. Bei dem hatte ich auch noch etwas gut zu machen. Ich hatte letztens ziemlich rumgezickt. Und ich hatte gedacht, dass er nicht mehr mein Freund war. Wie konnte ich das gedacht haben.
„Hey, Nick!“, grinste ich, weil ich nicht anders konnte.
„Hi, Pauli“, murmelte er und schaute nur kurz auf. Anscheinend hatte er jetzt ein Trauma vor Begegnungen mit mir vor Pizzawagen. Das konnte ich verstehen. Wie gut ich das konnte. Und wie sollte ich jetzt weitermachen? Ich hatte keinen Plan. Ich war noch am überlegen, als er schon fragte:
„Heute kein Thunfisch?“, weil er die Pilze auf meiner Pizza sah. Er konnte es sich wohl nicht verkneifen mit mir zu reden. So sehr er mich in diesem Moment auch hasste: er ließ es sich keineswegs anmerken. Weil er mein Freund sein wollte. Trotz allem. Er ließ mich nicht im Stich, auch wenn ich es tat. Wieso hatte ich das getan?
„Was meinst du, soll ich sie ihm ins Gesicht klatschen oder doch lieber essen?“, fragte ich scherzend. Natürlich würde ich sie nicht an ihn verschwenden. Dazu hatte ich viel zu viel Hunger. Er war sichtlich verwirrt.
„Was ist passiert, dass du so denkst?“ Und da konnte ich meine Emotionen nicht mehr stoppen. Ich wollte ihm sagen, was ich wirklich dachte. Von ihm, mir selbst. Von allen.
„Ich hab gemerkt, wie naiv ich war, euch alle links liegen zu lassen und nur auf mich zu achten. Es tut mir leid, Nick!“ Er war verwundert über meinen plötzlichen Gefühlsausbruch, nahm die Entschuldigung dann aber an:
„Ist schon gut“, sagte er und bestellte. Er musste mir verzeihen. Von sich aus. Denn er hatte mich vermisst, wie alle anderen auch. As wusste ich und ich war so froh darüber. Auch er würde gleich da sein. Mir beistehen. Wir gingen zusammen zurück, auf das Schulgebäude zu. Als wäre es immer so gewesen. Als hätte Andreas nie mein Leben in Unordnung gebracht. Ich spürte, dass er mich genauso mochte, wie vor alldem. Und das machte mich noch eine Spur glücklicher, als ich sowieso schon war.
„Ich hoffe das Angebot, dass ich mit dir in den Urlaub darf, gilt noch“, erinnerte ich ihn grinsend. Er blieb einen Moment stehen. Vor Überraschung. Vor Freude.
„Meinst du das im Ernst?“, fragte er dann.
„Ja, aber wenn du es dir anders überlegt hast, dann ist es natürlich auch okay“, sagte ich. Ironisch. Ich wusste, dass er immer noch so sehr wollte, dass ich mitkam, wie vorher auch. Ich spürte es.
„Ach, Pauli!“, lachte er und

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Kommentare

AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)

Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.

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