Blind
von
Kathrin Schulz
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ich, dass mich jemand schüttelte. Es war Ben, mein Bruder, um den all meine Freunde mich beneideten. Sie meinten, er wäre verantwortungsbewusst und würde seine Schwester nie im Stich lassen. Man könnte Spaß mit ihm haben, mit ihm reden und, wie sie meinten, sah er zu guter letzt auch noch gut aus. Er sähe mir ähnlich. Ich fand das überhaupt nicht. Trotzdem musste ich den anderen zustimmen: er war ein lieber Bruder. Der beste Bruder überhaupt. Eigentlich gar kein Bruder, sondern ein Freund. Ein sehr guter Freund. Aber er war es nicht immer gewesen. Früher hatten wir uns um jede Kleinigkeit gestritten. Wie albern wir gewesen waren, einfach nur kindisch. Er hatte mir sogar schon mal wegen einem Spielzeugauto den Arm gebrochen. Das wusste ich noch genau. Und er entschuldigte sich immer noch dafür. Und ich wusste dass er es ernst meinte. Er war so gemein zu mir gewesen, nicht nur für den gebrochenen Arm entschuldigte er sich. Auch für die blauen Flecken und die Beschimpfungen. Ja, er hatte mich gehasst und jede Gelegenheit genutzt mir das zu zeigen. Jetzt war es ganz anders, er sorgte dafür, dass niemand mir auch nur ein Haar krümmte. Und wenn es jemand doch tat, dann war die Hölle los.
„Hast du gepennt?“
„Anscheinend.“
„Wir wollten jetzt zu Oma.“
Müde schüttelte ich den Kopf. Ach ja, Geburtstag, lauter fröhliche Menschen. Wie sehr ich Familienfeiern hasste.
„Jetzt hab ich vergessen die Geschenke einzupacken.“
„Sag mir was du brauchst und ich helfe dir.“ Schon wieder wollte er mir helfen. Und es war gemein, dass ich das nicht mehr ausgleichen konnte. Ich konnte ihm nicht helfen, denn das was ich konnte, konnte er schon lange. Und so war es eigentlich nicht fair. Aber noch weniger fair wäre es gewesen, seine Hilfe abzulehnen. Deshalb ließ ich ihn das Geschenkpapier aus der Abstellkammer holen.
Schnell verpackten wir alles und ich band Schleifen darum. Ich flitzte ins Bad, um mich wenigstens noch ein bisschen zu schminken, während die anderen schon ungeduldig wurden. Dabei überlegte ich, wieso ich eingeschlafen war. Ich hatte wohl wieder zu viel an Andreas gedacht. Kaum war ich aus der Stadt zurück gewesen, hatte ich eigentlich lesen wollen, aber meine Gedanken waren immer wieder in die Realität zurückgewichen und dann musste ich alles vergessen haben. Sogar den Schmerz den sein Anblick in mir verursachte. Alles. Ich hatte nur noch seinen Namen gedacht. Hatte nur noch ihn gesehen. Nur meine Liebe gespürt, sonst nichts. Aber da war so viel mehr: Verzweiflung, Zweifel, Unsicherheit, das Gefühl nicht gut genug zu sein. Ich beendete mit diesem Gedanken das Schminken. Es musste reichen. Die Augenringe versuchte ich erst gar nicht zu verdecken. Ich schlüpfte in meine Schuhe und meine Mutter konnte es nicht lassen mein T-Shirt noch mal zu Recht zu rücken. Wie sehr ich es hasste, wenn man an mir rumfummelte.
Die Autofahrt verlief ruhig. Unsre Eltern stellten keine überflüssigen Fragen und Ben und ich konnten uns zurücklehnen, bis meine Mum auf einmal sagte, wir sollten noch auf der Karte unterschreiben. Als ich die Karte nahm und zum Schreiben ansetzte hätte ich beinahe „Andreas“ geschrieben. Mein eigener Name fiel mir erst Sekunden später wieder ein: Pauline. Weil unser Auto so hin- und her wackelte rutschte mir der Kulli ab, was mich aufstöhnen ließ. Jetzt war es hässlich geworden. Eine Schande für die ganze Karte. Und nicht zu übersehen.
„Du siehst aber müde aus“, musste ich mir von meiner Oma anhören, wie von jedem anderen auch. Und sie log nicht. Ich sah aus, wie ein Zombie, wenn nicht noch schlimmer.
Kaum saßen wir alle im Esszimmer schweifte ich mit den Gedanken wieder ab. Der ganze Liebeskram lastete auf mir, wie ein Mehlsack. Es musste wirklich besser werden. Aber ich wusste einfach nicht, wie ich anfangen sollte. Welcher verdammte Idiot hatte sich auch ausgedacht, dass es so wehtat. Wer hatte die Liebe einfach so in die Welt gesetzt ohne eine Bedienungsanleitung dazuzulegen? Manchmal wünschte ich echt, dass ich nie gegen Andreas gelaufen wäre. Aber dann würde ich sicher die Langeweile verfluchen, die ich sonst jeden Tag gehabt hatte. Langeweile. Ich wusste gar nicht mehr, wie sich das anfühlte. Ich war so mit meinen Problemen beschäftigt, dass ich die Zeit vergaß. Ich wusste auch nicht mehr wirklich, was Zeit war, weil es mich nicht interessierte. Mir war alles so egal. Wenn ich eine rote „ausreichend“ in meinem Heft anstatt der sonst üblichen „gut“ entdeckte, war es schon längst kein Schock mehr. Hauptsache ich blieb nicht sitzen. Früher hätte ich das nie gedacht. Wo war mein Ehrgeiz geblieben? Er war von dem Schmerz und der Liebe verschluckt worden, so schien es mir. In meinem Kopf war nichts außer die Verzweiflung und das Glück, bei dem das eine dem anderen völlig widersprach. Mein Gehirn schien sich uminstalliert zu haben. Ich stand Kopf. Wann hörte dieser Alptraum auf? Wann begriff ich endlich, dass es sich nicht lohnte immer wieder neue Chancen zu sehen? Über all das dachte ich nach während die anderen über Sachen redeten, die ich längst nicht mehr verstand. Und so verging der Nachmittag, wie im Flug. Am Ende wusste ich nicht einmal, wie unsere Großmutter die Geschenke gefunden hatte. Mir war alles so gleichgültig.
„Essen ist fertig!“, rief es irgendwann von unten. Ich war mittlerweile wieder zuhause und konnte mich nicht mal mehr erinnern Kuchen gegessen zu haben. Mein Bauch knurrte, ich war eindeutig hungrig. Aber ich spürte nichts, hatte nicht das Verlangen danach etwas zu essen. Ich vergaß meine alltäglichen, menschlichen Bedürfnisse ganz.
„Okay, komm gleich.“, murmelte ich. Ich würde einfach so tun, als ob ich mir etwas aus dem Essen machte. Gedankenverloren stolperte ich die Treppe runter und schlenderte in die Küche. Ich stolperte zum Tisch, wobei ich über Mia fiel, die sich neben der Tür breit gemacht hatte. Mein Dad fing mich glücklicherweise auf. Es war nicht das erste mal, dass mir genau das passierte. Fast jeden Tag entkam ich nur knapp unserem Küchenboden. Langsam passierte mir das zu oft, irgendwann wurde es auffällig und Mia gefiel es bestimmt auch nicht mehr länger, als Fußmatte benutzt zu werden. Die Arme fragte sich bestimmt auch was plötzlich mit mir los war und was man dagegen unternehmen konnte. Nichts konnte man dagegen unternehmen, so schade das auch war.
Am Esstisch wurde ich mal wieder gefragt, wie es mir ging und ich konnte nur mit „gut“ antworten. Das war schon eine Art Reflex. Ich könnte meinen Eltern gegenüber nie zugeben, wie unglücklich ich war, denn ich wusste, wie weh es ihnen tat. Nie würde ich ihnen einfach so sagen, dass es mir scheiße ging und erst recht nicht, dass das alles nur am verdammten Liebeskummer lag, der durch einen harmlosen, kleinen Oberstufenklässler ausgelöst worden war. Die Betonung lag auf klein. Es würde ihnen das Herz zerreißen, wenn ich ihnen auch nur ein Minute einen Blick auf meine wahren Gefühle gewähren würde. Wenn sie sehen würden, wie zerfressen ich von innen war und wie mein Herz
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Kommentare
AnSt schrieb am 2010-12-31 19:51:35:
Eine tolle Geschichte!!! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Du hast das so schön geschrieben und dein Ende ist auch wirklich toll !!! großartig
Chris schrieb am 2010-07-31 17:25:04:
Diese Geschichte ist einfach wahnsinn! Sie geht wirklich tief in das Innere eines Menschen. Absolut verständlich geschrieben, mit einem Ende, das sogar einen Jungen Gänsehaut verschafft hat. ;)
Wirklich wunderschön!
wow. schrieb am 2010-01-01 07:07:35:
einfach nur wow.
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