Brennende Wunden auf Deinen Wangen
von
sina franke
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Diese Geschichte widme ich Petra W.
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Wir hatten keine Zeit mehr. Wir hatten keine Gelegenheit mehr. Nun haben wir nichts mehr. Die Tränen sind zu Staub verfallen, sie kommen kaum spürbar zum Vorschein. Sie gehören ab jetzt dazu. Sie sind so selbstverständlich, dass man sie nicht mehr bemerkt. Der Glanz der Augen ist verblasst. Wird jemals wieder Farbe in sie treten? Werden wir jemals wieder mit den Augen lachen können, oder wird es nur der Mund sein, der sich für die anderen Menschen um uns herum kräuselt? Werden wir jemals wieder eine ruhige Nacht hinter uns bringen? Ohne Träume in denen Er uns besuchen kommt? Werden wir jemals wieder ohne ein weinendes Auge einschlafen und auch wieder aufwachen?
Kann man dieses Gefühl der Hilflosigkeit eigentlich beschreiben? Können fremde Menschen so mitfühlen wie sie es zu tun vorgeben? Können diese Menschen überhaupt beurteilen, was es heißt Ihn verloren zu haben?
Die Tränen überströmen dein Gesicht. Du stehst da und siehst die Bilder des Unfallorts. Die blaue Kawasaki liegt in Trümmern auf der Straße. Der weiße Lastwagen steht ohne Tür und verbeult auf der Straße. Der weiße Lastwagen, der Sein Leben nahm. Der weiße Lastwagen, der dein Leben nahm. Deine Augen wissen, was sie jetzt sehen werden, dein Verstand sagt, bitte wende dich ab. Schau nicht hin! Doch das Foto ist zu klein, als seinen Blick abwenden zu können. Du siehst das weiße Tuch, und du weißt, wen es bedeckt.
Deine Beine können dich nicht mehr halten. Sie geben auf. Deine Tränen brennen Wunden in die Wangen. Es tut weh zu weinen. Ein Schmerz, den man vorher nie gefühlt hat. Deine Finger sind taub. Du spürst dein Herz pochen und wünschst dir, es wäre irgendetwas dazwischen gekommen. Du wünschst dir, Er wäre nicht losgefahren- Du wünschst dir Ihn in ein Gespräch verwickelt zu haben, damit Er fünf Minuten nach dem Lastwagen an der Kreuzung ankommt. Du wünschst dir so vieles…
Doch nun gibt es keine Zeit mehr. Dein Leben rast an dir vorbei und du sehnst dich nach
Geborgenheit. Du sehnst dich danach Ihn anzufassen. Seinen Duft zu spüren, Seinen Atem einzusaugen. Du sehnst dich nach Seinen Händen, die dir Kraft geben sollen. Die dich bis an dein Lebensende hätte umarmen müssen. Du verstehst die Welt nicht mehr. Es ist nicht fair sein Kind begraben zu müssen. Es ist nicht fair so etwas erfahren zu müssen. Es ist nicht fair so leiden zu müssen. Wegen einer Sekunde der Unachtsamkeit. Wegen einer Sekunde, die Er gebraucht hätte um heil nach Hause zu kommen. Eine Sekunde die darüber entschieden hat, dass du jetzt leiden musst. Eine Sekunde die daran schuld ist, dass ein normales Leben kaum noch möglich ist.
Es tut weh zu verstehen. Es tut weh zu begreifen. Die Tränen scheinen aus Eis zu sein. Zu bitter. Zu hart. Doch nun muss man begreifen. Man muss anfangen zu verstehen. Man muss um ein Lächeln kämpfen. Man muss darum kämpfen, dass die Augen irgendwann wieder mitlachen können, ohne in verzweifelte Tränen auszubrechen. Man darf sich nicht schuldig fühlen, dass man wieder lacht und wieder anfängt zu leben. Man darf sich nicht schuldig fühlen, für das, was geschehen ist. Man muss neue Kraft schöpfen. Man muss aufhören an sich selbst zu denken und sich selbst zu bemitleiden.
Denn der Tod existiert nur für die Hinterbliebenen.
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