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Kategorien > Humor > Satire

Bürokratisches Deja Vu

von Nightwriter



oder: Von Beamten umzingelt


"Ihre Auktion verlief erfolgreich. Bitte setzen sie sich mit dem Käufer in Verbindung."

Robin, der Bastler, hatte über das Online-Auktionshaus "Hood" einige Bastelsachen
angeboten, die er selbst nicht mehr brauchte. Er speicherte die e-mail und sandte
eine Antwort an den Käufer, einen Herrn Katz, in dem er diesem die Zahlungsweise
vorschlug. Der meldete sich prompt, freute sich auf die ersteigerte Ware und
versprach, die Kaufsumme sofort auf Robins Konto zu überweisen. Robin vertraute
Herrn Katz und beschloß, die Ware sofort zu versenden, ohne den Zahlungseingang
abzuwarten. Also begab er sich am nächsten Tag zur "Deutschen Frust AG". Es war
ein Freitag und Robin sollte später noch Gelegenheit bekommen, sich zu erinnern,
daß es ein 13ter war. Dort bezahlte er eine ansehliche Summe damit sein Paket
getreu dem Werbeslogan "schnell und sicher" zu Herrn Katz befördert würde.

Als Robin eine Woche später noch kein Geld von Herrn Katz erhalten hatte, ließ sein
anfängliches Vertrauen schnell nach. Er erlaubte sich, bei Herrn Katz nach dem
Verbleib der Kaufsumme zu fragen. Dieser fragte allerdings sogleich im Gegenzug, wo
denn die Ware sei. Robin war erstaunt und erwähnte, das er diese doch schon
längst als Paket versandt habe. Herr Katz bestand jedoch darauf, noch nichts
erhalten zu haben. So blieb Robin nichts anderes übrig, als bei der Frust AG
nachzufragen wo denn sein Paket abgeblieben sei. Er rief also unter der einzigen,
gebührenpflichtigen Nummer den sogenannten "Kundenservice" an und erkundigte
sich nach dem Verbleib seines versicherten Pakets. Daraufhin erhielt er umgehend
eine Kopie des sogenannten "Auslieferungsnachweis" zugesandt. Die darauf
befindliche Unterschrift wäre mit der Bezeichnung "Gekritzel" wohl am besten
beschrieben. Es war unmöglich erkennbar, daß es die von Herrn Katz war. Wieder
rief Robin beim Kundenservice an, um der Frust AG mitzuteilen, daß Herr Katz darauf
besteht, das Paket nie erhalten zu haben und die Unterschrift nicht die Seine sei.
Und er fragte wie denn nun weiter verfahren werden solle. Die Dame am Telefon
sagte ihm, er müsse dem Auslieferungsnachweis widersprechen. Also sandte Robin
seinen Widerspruch an die Frust AG. Als er nach zwei Wochen noch keinerlei
Reaktion vernahm, erlaubte er sich, mal nachzufragen, was denn bisher in der Sache
unternommen wurde. Die Dame am Telefon sah in einer geheimnissvollen Datenbank
nach und teilte Robin mit, das bisher nichts unternommen wurde. Robin fragte
weiter, warum denn noch nichts unternommen wurde, sein Paket zu finden. "Na
hören sie, wenn sie wollen, daß wir nach ihrem Paket suchen, dann müssen sie
schon einen Nachforschungsantrag stellen. Ohne den machen wir hier gar nichts."
Die Stimme der Frau klang etwas gekränkt. Dies hinderte Robin jedoch nicht daran,
darauf hinzuweisen, das er dies ja nicht habe wissen können. Im Übrigen dachte er
davon ausgehen zu können, daß er mit seinem Widerspruch eben ein solches
Nachforschungsverfahren ausgelöst hätte. "Natürlich nicht" sagte die Dame
bestimmt. "Sie haben dem Auslieferungsbescheid widersprochen. Das hat doch
überhaupt nichts damit zu tun, das wir nach dem verschwundenen Paket suchen".
Nun neugierig geworden fragte Robin, was er denn dann mit seinem Widerspruch
bewirkt habe. "Na, durch ihren Widerspruch hat die Frust AG zur Kenntniss
genommen, das sie der ordnungsgemäßen Zustellung ihrer Sendung widersprechen".
Baff vor soviel Logik blieb Robin erst einige Sekunden sprachlos, bevor er
weiterfragte: "Mehr nicht?" "Mehr nicht!" bekam er zur Antwort. Immerhin erfuhr
Robin, das er den so notwendigen Nachforschungsantrag jetzt gleich telefonisch
stellen könne. Dies tat er dann auch in der Hoffnung, etwas Bewegung in die Sache
zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt wußte Robin noch nicht, daß die Frust AG ein
äußerst unbeweglicher Verein war. Die Tage vergingen ohne das er irgendwelche
Nachricht bekam. Deshalb entschloß er sich, noch einmal beim Kundenservice
nachzufragen, ob denn sein Paket endlich gefunden wurde und erfuhr, das für sein
Paket ein Nachforschungsantrag gestellt worden sei. Er erlaubte sich, zu bemerken,
daß er dies wisse, weil er selbst die Person sei, die diesen Antrag gestellt habe. Und
nun wolle er sich nach dem Stand der Nachforschung erkundigen, da er bisher
seitens der Frust AG nichts gehört habe. Die Dame am Telefon teilte ihm mit, das sie
über den Stand der Nachforschung keine Auskunft geben dürfe. Eine derartige
Auskunft sei schriftlich zu beantragen. Robin ersparte sich einen Kommentar und
legte den Hörer auf. Sogleich schrieb er an die Frust AG und erkundigte sich nach
dem Stand der Nachforschung. Außerdem nutzte er die Gelegenheit seinen Unmut
über die bisher doch recht dilletantische Arbeitsweise diser Firma auszudrücken.
Nach einer weiteren Woche erhielt Robin ein Antwortschreiben der Frust AG, in dem
nur ein Satz stand, nämlich, daß die Sendung ordnungsgemäß ausgeliefert worden
sei. Eine Kopie des Auslieferungsnachweis lag bei. "Aber soweit waren wir doch
schon." dachte Robin verärgert. Wieder rief er beim Kundenservice an um zu fragen,
was dieses Schreiben zu bedeuten habe. Es wurde ihm mitgeteilt, daß er diesem
Auslieferungsbescheid widersprechen müsse, falls er wolle, daß nach seinem Paket
gesucht werde. "Wir beginnen, uns im Kreis zu drehen" dachte Robin und gab sich
selbst eine Ohrfeige, um sicherzugehen, daß er nicht träumte. Er teilte der Dame am
Telefon mit, daß er dies schon getan habe und doch sehr hoffe, das die
Nachforschung im Gange sei. Doch diese Hoffnung wurd sogleich enttäuscht. Bevor
er keinen Widerspruch einlege, würde nichts unternommen, teilte ihm die Dame mit.
Robin versuchte ein letztes Mal, darauf hinzuweisen, daß er doch schon vor langer
Zeit eben diesen Widerspruch eingelegt und außerdem einen Nachforschungsantrag
gestellt habe. Offenbar waren die Beschäftigten dieses Kundenservice nicht darin
geschult zuzuhören. "Hören sie Herr! Wenn sie wollen, daß in der Sache etwas
unternommen wird, müssen sie zuerst dem Auslieferungsnachweis widersprechen."
sagte die Dame mit einer gewissen Dominanz in der Stimme. Robin sah keinen Sinn
mehr darin, das Gespräch fortzusetzen. Er verabschiedete sich, legte den Hörer auf
und begab sich auf direktem Weg zur nächsten Apotheke, um eine größere Menge
Beruhigungspillen zu kaufen.
Nachdem er sich zwei Tage später einigermaßen von den Strapazen erholt hatte,
begann Robin den Kampf gegen die Bürokratie erneut aufzunehmen. Er schrieb also
wieder an die Frust AG. In dem Brief widersprach er dem Auslieferungsnachweis und
stellte einen Nachforschungsantrag. Außerdem wies er darauf hin, das er dies alles
schon einmal getan hätte und man möge doch nun bitte endlich mit der
Nachforschung beginnen. Nicht zuletzt deshalb, wei er, Robin, ein von Haus aus
neugieriger Mensch sei und wissen wolle, was mit seinem "versicherten Paket" denn
nun geschehen sei. Die Antwort auf diesen Brief erhielt Robin relativ schnell - relativ
- bezogen auf die Langsamkeit der Frust AG. Sie fiel dann auch recht kurz und
unmißverständlich aus. Es wurde ihm mitgeteilt, daß der Zusteller der Frust AG
bestätigt, das Paket Herrn Katz persönlich übergeben zu haben. Damit sei der Fall
erledigt und die Frust AG denke mitnichten daran, irgendwelche Entschädigung für
das versicherte Paket zu leisten. Das im Gegenzug der Empfänger ebenso bestätigt,
das Paket nicht erhalten zu haben, schien die Frust AG nicht zu interessieren.
Genausowenig wurde für nötig befunden, irgendwelche Beweise für die
wahrheitsgemäße Aussage des Zustellers anzugeben. Im Schlußsatz wurde es Robin
freigestellt, Anzeige wegen Unterschlagung zu stellen, falls er der Ansicht sei, daß
sich dies wegen einem so geringen Betrag lohne.

Dieses Mal hielt sich Robins Ärger in Grenzen, da er sich vor dem Öffnen des Briefs
gründlich darauf vorbereitet hatte. Er hatte sich auf seine Lieblingscoach gesetzt,
seine Lieblings-CD eingelegt und trank ein Glas seines Lieblingsweins. Deshalb blieb
er doch recht gelassen, als er diese Antwort las. Er überlegte nur kurz, ob er der
Ansicht sein solle, daß sich eine Anzeige lohne, und entschied sich sogleich, nicht
dieser Ansicht zu sein. Allerdings wollte er das Ganze wiederum nicht auf sich selbst
beruhen lassen. Nur zu gerne hätte er der Frust AG einen Denkzettel verpaßt. Denn
Robin konnte durchaus nachtragend sein, wenn er wollte. Und er wollte. Inzwischen
war seine Lieblings-CD zu Ende gespielt und das Glas mit seinem Lieblingswein war
leer. Also beschloß er, zu Bett zu gehen und die Sache zu überschlafen. Und am
nächsten Morgen, als Robin beim Frühstück saß und gerade eine Tasse seines
Lieblingsesspressos schlürfte, kam ihm die Idee, die später sein Leben verändern
sollte.
In den nächsten Tagen stöberte Robin viel im Internet. Sein Ziel waren Auktions-
und Versandhäuser, in denen er die verschiedensten Waren kaufte und ersteigerte.
Die einzige Einschränkung, die er bei seiner Auswahl setzte war, daß pro Geschäft
ein Gesamtwert von fünfzig Euro nicht überschritten wurde. Und, was genauso
entscheidend war, daß die Ware mit der Frust AG versandt wurde. Die Sache verlief
ganz nach Robins Plan. Er bezahlte keine einzige Rechnung und den Absendern
erklärte er auf Anfrage, er habe die Ware nie erhalten. Was dann weiter geschehen
würde, daß wusste er ja bereits. Seitens der Frust AG wurde kein einziger Fall
wirklich überprüft. Jedenfalls hörte Robin nie etwas von denen. Die Ware verkaufte
er zuerst auf Flohmärkten, doch bald bekam er regen Besuch von Hehlern, die ihm
ganze Posten abkauften. Schon nach einem Jahr hatte Robin auf diese Weise soviel
Geld ergaunert, das er zu seinem "Plan B" übergehen konnte. Plan B sah vor, einen
eigenen Paketdienst zu gründen. Und so entstand der "RPD" - Robins Paket Dienst.
Dieses Unternehmen entwickelte sich von Anfang an prächtig. Schon bald wandte
sich Robin von seinen Gaunereien ab, da er inzwischen auf legale Weise sehr viel
Geld verdiente. Nach drei Jahren war der RPD das größte europäische Unternehmen
dieser Branche. Der Frust AG hingegen ging es immer schlechter. Durch ihr
traditionelles Mißmanagement und die vielen internen Schlampereien verlor sie immer
mehr ihrer Kunden. Die Aktien machten eine nicht enden wollende Talfahrt und
Aktionäre setzten einer nach dem anderen ihre nahezu wertlos gewordenen Aktien
ab. Nur ein einzigen Investor kaufte sie noch. Und so kam es dann auch dass dieser
bald sämtliche Aktien der Frust AG besaß und somit alleiniger Besitzer derselben war.
Nun hatte dieser Investor vor, die Frust AG aufzulösen und sie seinem eigenen
Paketdienst einzugliedern. Dieser Paketdienst war übrigens der RPD. Plan C hatte
sich erfüllt. Robin hatte sein endgültiges Ziel erreicht. Er war nun Chef der ehmaligen
Frust AG. Schon lange vor dieser Übernahme hatte er alle Filialen bereist. Hatte als
Kunde die verschiedenen Dienste in Anspruch genommen und sich - denn das war
der eigentliche Zweck des Ganzen - die Namen und das Verhalten der Angestellten
gemerkt und in einer Liste zusammengefaßt. Dabei entdeckte er viele einfache
Angestellte, die gute und ordentliche Arbeit leisteten. Und er fand so einige, meist in
höheren Positionen, die der Firma weit weniger geschadet hätten, wenn sie einfach
zu Hause geblieben wären.

Gleich nach der Übernahme begann Robin mit einer Säuberungsaktion. Die
Schädlinge wurden an die frische Luft gesetzt und die Anderen erhielten Posten, die
ihren Fähigkeiten entsprachen. Als dies alles geschehen war, begab sich Robin in die
Zustell-Filiale, in der vor knappen fünf Jahren dieses Ärgerniss stattfand, das seine
Karriere begründete. Er hatte vor, diese Filiale zum Schmuckstück des RPD zu
machen. Alles sollte neu renoviert werden und niemals sollte ein Kunde Grund zu
einer Beanstandung haben müssen. "Hmm, eigentlich müsste ich diesen Schlampern
von damals ja dankbar sein. Denn ohne die wäre ich heute gar nicht hier" sinnierte
Robin als er sich die Räumlichkeiten ansah. In einer kleinen Abstellkammer sah er,
zum Teil verdeckt durch schon lange nicht mehr verwendeter Putzgeräte, einige alte
Kartons. Bei näherem Hinsehn entdeckte er, das sie adressiert und frankiert waren.
Plötzlich stieß er einen Schrei aus. Es war ein Schrei der Freude. Denn auf einem der
Pakete las er die Adresse eines Herrn Katz. Und daneben seine Eigene als Absender.
Tatsächlich. Da war es. Das Paket, das er vor fünf Jahren an Herrn Katz sandte.
Robin ließ es sich nicht nehmen, dieses Paket persönlich dem Empfänger zu
übergeben. Dieser war zuerst erstaunt, erinnerte sich aber bald wieder daran. Er bat
Robin einzutreten und bei einem Glas Wein erzählte dieser Herrn Katz die ganze
Geschichte. Beide amüsierten sich köstlich darüber und man beschloß, sich von nun
an jedes Jahr an dem Tag zu treffen, an dem das Paket hätte zugestellt werden
sollen. Und so geschah es auch. Die beiden wurden die besten Freunde, die sich bis
ins hohe Alter regelmäßig trafen und sich immer wieder aufs Neue über die ehemalige
Frust AG amüsierten.


Und die Moral von der Geschicht: Märchen wie diese glaubt man nicht.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und
insbesondere Institutionen sind nicht beabsichtigt, aber unvermeidlich.

Kommentare

gb-doro@web.de schrieb:
ich bin begeistert von dieser story, da sie der realität der ämter entspricht.
respekt.
mfg, doro
c.kriele@web.de schrieb:
eine sehr amuesante geschichte, hat mir sehr gut gefallen und mir den Arbeitsalltag etwas versuesst!!
cya_bitter_end@yahoo.de schrieb:
9. Januar 2004
Tolle Geschichte!!! Ich frage mich nur, warum sie unter "Humor/Satire" steht und nicht unter der Rubrik "Alltag"... (;o)
Danke für die story!
Eine unvermeidlich real existierende Person
Nightwriter@stories4you.de schrieb:
WICHTIG - In eigener Sache - der Autor:
Meine HP und mail-adresse sind inzwischen nicht mehr gültig. Leider hab ich keine Möglichkeit sie zu korrigieren, da mails an SP unbeantwortet bleiben. Deshalb hier auf diesem (derzeit einzig möglichen Weg:
neue mail: Nightwriter@stories4you.de
HP: www.stories4you.de

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