Carter
von
Samantha Chaucer
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Es war Mittwoch, ein heller, aber kühler vierzehnter April, die Mittagspause war seit einer halben Stunde vorbei, und Carter saß an seinem Schreibtisch. Der Kaffee war noch viel zu heiß; gerade hatte er sich bei dem Versuch zu trinken die Zungenspitze verbrannt und nun die tröstliche Gewissheit, dass das taube Gefühl ihn bestimmt zwei Stunden nicht mehr verlassen würde. Carter war siebenundzwanzig Jahre alt; ein gutes Alter, wie er fand, um diesen netten, aber irgendwie trostlosen Job zu kündigen und sich eine neue Stelle in einer Firma mit Perspektiven zu suchen.
Aber das waren die Jahre zwischen zweiundzwanzig und sechsundzwanzig im Grunde auch gewesen, trotzdem war es bisher nie passiert.
Er wusste nicht mehr, wann all diese Kleinigkeiten, die er in seinem ersten Jahr noch so charakteristisch und persönlich gefunden hatte, begonnen hatten, ihm jeden Tag unheimlich auf die Nerven zu gehen. Die Kaffeetasse mit dem Sprung an der genau der Stelle, von der man trinkt und die aus unerfindlichen Gründen niemand wegwarf; diesen albernen Plüschfigurenaufkleber, den sein Vorgänger auf dem Gehäuse des Rechners hinterlassen hatte und der durch keine Macht der Welt abzulösen war; das Flackern, mit dem das Licht anging; und ganz besonders die Frisur von der Sekretärin seines Chefs, die jeden Tag auf genau die gleiche Weise auf ihren Kopf betoniert war wie die gesamten fünf Jahre, die Carter jetzt hier arbeitete.
Was ihm jedoch wirklich Sorgen machte, war, dass er es kaum noch ertragen konnte, seinen eigenen Namen zu hören. Jedes Mal, wenn Elvira, sein Chef oder einer der Kollegen, mit denen er das Großraumbüro teilte, seinen Namen sagte, spürte er, wie seine Nackenmuskeln sich anspannten und seine Mundwinkel unmerklich -das hoffte er jedenfalls, zumindest hatte ihn noch niemand auf seine Stimmung angesprochen- ein kleines Stück nach unten rutschten.
"Carter!"
Es war schon wieder passiert; Carter hob den Kopf und sah Michael an, den Kollegen, der gerade an seinen Schreibtisch getreten war.
"Schau mal, die Unterlagen gehören zu deinen Krankheiten. Sind wohl aus Versehen auf meinem Schreibtisch gelandet." Carter nahm die Papiere entgegen, die Michael ihm entgegenhielt, und bedankte sich, woraufhin dieser sich mit gewohntem, widerlichem Eifer zurück an seinen Arbeitsplatz begab. Das oberste Blatt von dem Stapel mit Carters Internet-Ausdrucken trug die Überschrift "Erkrankungen der Prostata und Harnwege". Carter arbeitete für die Redaktion des Männermagazins "Real Man", das leider auch sieben Jahre nach seiner Markteinführung noch keine wirklich begeisternden Auflagen erreichte, und sein aktueller Artikel behandelte das Thema Männerkrankheiten.
Mit einem leicht schiefen Lächeln machte Carter sich an die Arbeit.
Als Carter um viertel nach fünf das Gebäude, in dem die Redaktion untergebracht war, verließ, fühlte er sich bereits leicht matt. Wie jeden Nachmittag nahm er den Bus und stieg eine Haltestelle zu früh aus, so dass er noch etwa einen Kilometer zu laufen hatte, bis er zu seiner Wohnung gelangte. Das war eine Sache, die er nach der Arbeit dringend nötig hatte: Ein paar Schritte zu Fuß, ein bisschen frischer Wind um die Nase und all die Leute um ihn herum, die er auf seinem Heimweg täglich beobachtete, wie sie die Straße überquerten, wie sie miteinander redeten, wie sie in Läden oder Wohnungen verschwanden, was sie trugen, wie sie sich bewegten. Einige schlenderten gelassen ihres Weges, aber die meisten hatten es eilig. Carter hatte eine feine Beobachtungsgabe, und diese fünfzehn Minuten, die er täglich unterwegs war, waren für ihn eine willkommene Gelegenheit, sie anzuwenden. Einige Male hatte er sich schon gefragt, wie eilig es eigentlich diese Leute hatten, die hier an ihm vorbeihetzten und gelegentlich jemanden mit der Schulter anrempelten. Wenn er einmal einen Unfall hätte, zum Beispiel könnte sich ja von einem der Häuser, an denen er vorbeiging, ein Ziegel lösen und seinen Arm streifen, würde dann überhaupt jemand von diesen Leuten Zeit haben und stehen bleiben? Bei dem Gedanken fröstelte Carter ein wenig, und er zog den Kragen seines Mantels enger. Er war vor fünf Jahren in diese Gegend gezogen, wegen genau dem Job, den er damals in seinem Idealismus als Sprungbrett verstanden hatte und den er heute noch machte. Fünf Jahre waren normalerweise eine lange Zeit, aber Carter hatte es bis jetzt nicht geschafft, hier wirklich Anschluss zu finden. Er kannte sich bis genau zwei Straßen weiter aus, denn dort war der Supermarkt, in dem er immer einkaufte, und im angrenzenden Stadtviertel natürlich, wo die Redaktion war. Er kannte ein paar Läden dazwischen, aber wirklich in der Gegend herumgekommen war er bisher nie. Allerdings wusste er auch nicht, wozu das hätte gut sein sollen.
Vor seiner Haustür angekommen, nestelte er seinen Schlüssel aus der Manteltasche und schloss die schwere Holztür auf, die immer so laut knarzte, dass der Vermieter bereits gebeten hatte, nächtliche Ausgänge auf das Nötigste zu beschränken. Insgesamt waren es jedoch wirklich schöne zwei Zimmer, die Carter im zweiten Stock bewohnte: Wirkte das Haus von außen vielleicht etwas abgeliebt, so war es innen ordentlich renoviert und gepflegt. Als Carter gerade seine Wohnung betreten und die Schuhe abgestreift hatte, klingelte das Telefon. Er ging ins Wohnzimmer, wo jenes auf dem kleinen Couchtisch aus hellem Holz stand, und verzog das Gesicht, als er die Nummer auf dem Display las. Er hätte es ahnen können, denn seine Mutter wusste genau, wie lange er brauchte, um von der Arbeit nach Hause zu kommen, und wenn sie ab und zu anrief, dann meistens genau dann, wenn er gerade zur Tür herein kam. Das war wieder so eine Kleinigkeit, die Carter unheimlich hasste.
Er hob den Hörer ab und meldete sich mit einem knappen "Hallo?".
"Wie geht es dir, Carter?" Die Stimme seiner Mutter, die er zu fast jeder Tageszeit lieber gehört hätte als direkt nach der Arbeit.
"Ganz gut, und dir?"
"Oh, uns auch. Dein Vater ist gerade mit einem Arbeitskollegen beim Bowling, sonst hätte er sicher auch gern mal wieder mit dir gesprochen. Wir haben letzte Woche endlich den Garten fertig bekommen, jetzt muss es nur noch mal tüchtig regnen, dass es auch bald blüht."
Carter nickte und erinnerte sich dann daran, dass seine Mutter ihn ja nicht sehen konnte.
"Ah ja.", sagte er daher.
"Was machst du denn so zur Zeit?"
"Oh, wie immer, Mama. Arbeiten gehen, hauptsächlich."
"Und wie geht es Laura?"
Carters Magen zog sich ein bisschen zusammen.
"Mama, wir sind seit zehn Monaten nicht mehr zusammen!"
Am Telefon entstand eine kleine, peinliche Pause, während der Carter nur den Atem seiner Mutter hörte und zu hören glaubte, wie sie angestrengt überlegte.
"Tut mir leid. Ich dachte bloß, du wolltest es noch mal mit ihr versuchen."
"Eigentlich nicht, das hatte ich auch nicht gesagt."
"Ach so... Ich dachte nur. Mir kam sie immer sehr nett vor. Schade, dass das mit euch doch nicht geklappt hat.
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Kommentare
Swea schrieb am 2008-01-08 05:59:52:
Sehr schön! Gefällt mir gut. Besonders der Anfang.
Ich konnte mich richtig gut in Carter hineinversetzen. Es ist nicht schön, wenn man sich einfach so gehen lässt, was er ja gemacht hat. Und jetzt hat er etwas, oder besser gesagt jemanden gefunden, der ihm aus seinem Tief wieder rausgeholfen hat.
Schönes Ende. Gut gemacht.
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