Casino Roulette
von
Johannes Beck
1
2
Casino Roulette
Adrian trug Anzug, aber keine Krawatte. Er hasste Krawatten. Außerdem konnte er sie immer noch nicht binden. Aber das brauchte er nicht. In seinem Beruf war es nicht üblich, dass man Krawatten trug.
Heute ging er ins Casino, um ein wenig zu entspannen. Die letzten sechs Jahre waren unglaublich anstrengend gewesen.
Sie hatte ihm keine Ruhe gelassen, die kleine Französin. Jede Nacht hatte er an sie denken müssen. Die schlanke Gestalt, die zarten Hände mit den langen Klavierspielerfingern und den lackierten Nägeln, ihre langen, braunen Haare, die seidig von ihrem Kopf herabfielen, ein Gesicht, das man in Marmor hätte meißeln können, so schön war es, mit den großen, braunen Rehaugen. Er hatte sie nicht lange gesehen, aber er hatte sich jedes Detail gemerkt. Ihr elegantes Kleid, die weißen Ballerinas, die sie dazu trug, und die Handtasche mit dem kleinen Anhänger daran. Ihr Kopf hatte sich ruckartig herumgedreht, als er auf sie zu stürmte. Der Schrei des Wachtmeisters hatte sie erschreckt. Reflexartig hatte sie ihr schlankes Bein mit den traumhaften Schenkeln ihm in den Weg gestellt. In dem Moment, als er gestolpert und der Länge nach auf den Gehweg gestürzt war, hatte er sich gefragt, warum ein so perfektes Mädchen gerade jetzt seinen Weg kreuzen musste und nicht vielleicht erst am Abend, wenn er im Hotel Ritz seinen Triumph feierte. Er hätte gerne mit ihr die Nacht verbracht.
Sie war die letzte Frau gewesen, die er für sechs Jahre zu Gesicht bekam.
Im Zuchthaus gab es keine Frauen.
Hier im Casino schon. Überall standen sie herum, schmiegten sich an ihre Begleiter, rauchten und tranken, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Es hatte sich viel getan, während er im Zuchthaus an diese Frau dachte, deren Namen er nicht einmal kannte.
Um sich abzulenken besorgte er sich einige Spielchips und einen Long Drink. Dann schlenderte er durch den Hauptraum des Casinos.
Alles, was das Spielerherz begehren konnte, gab es hier. Angefangen von einarmigen Banditen, über Poker- und Black Jack-Tische bis hin zu den umlagerten Roulettetischen. Überall wurde gezockt. Oftmals gingen hohe Summen von einem Besitzer zum Nächsten. Solange nicht ein Gewinner aufhörte, wechselten auch die Verlierer nicht den Tisch. Schließlich hatten sie eine große Menge Geld wiederzugewinnen.
Adrian stellte sich an einen Tisch, an dem Poker gespielt wurde. Einige Runden lang verfolgte er das Spielgeschehen, dann beobachtete er die Spielerinnen und Spieler. Ein alter Herr in dunklem Anzug, er rauchte Zigarre. Seine Finger zitterten leicht, aber seine Miene war unbeweglich, als sei die Haut für immer an den Knochen festgefroren. Adrian war sich sicher, dass dieser Mann ein eingefleischter Spieler war, ein Veteran. Ihn konnte äußerlich nichts aus der Ruhe bringen. Selbst wenn hinter ihm das Casino zusammenbrechen würde, er würde sitzen bleiben und seinen Gewinn einfordern. Oder gegebenenfalls seinen Verlust mit stoischer Gelassenheit tragen.
Der jüngere Mann neben ihm war Neuling, das sah man sofort. Er lächelte immerzu, egal was für in Blatt er hatte. Aber sogar Adrian konnte erkennen, wann er gezwungen lächelte und wann er seine Vorfreude kaum zähmen konnte. Er würde viel Geld verlieren.
Seine Begleiterin hatte ihre schlanke Hand in den weißen Handschuhen leicht auf seine Schultern gelegt. Vielleicht wollte sie ihm beistehen. Dabei merkte sie nicht einmal, dass sie es ihrem Verlobten unmöglich machte, aufzuhören. Männer konnten es nicht in Gegenwart ihrer Frauen hinnehmen, dass sie etwas verloren hatten, ohne das Gesicht zu verlieren.
Adria sah sich die Frau genauer an. Sie sah gut aus. Sie war jung, hübsch und blond. Das war genug für Adrian, um sich ein Bild von ihr zu machen. Man glaubte es kaum, aber die Haarfarbe kombiniert mit ihrem schnippischen Auftreten zeigten ihm sofort, dass sie dumm, eingebildet und aus einer der unteren Schichten kam. Eine Aristokratin hätte ihren Mann oder Verlobten alleine spielen lassen. Später, wenn sie wieder daheim waren, hätte sie ihn frühestens gefragt, wie die Schlacht verlaufen war. Dann hätte sie ihm immer noch die Wunden lecken können.
Adrians Blick fiel auf die ältere Dame neben dem jungen Mann. Sie war eindeutig zu reich. Sie spielte nicht um Geld, sondern nur mit ihm. Ihr ging es nicht darum, zehntausend France zu verlieren oder zu gewinnen. Ihr ging es nur um die Gesellschaft und um den Spaß. Da Geld für sie keine Rolle spielen konnte, musste sie reich sein, richtig reich. Zu reich für den Adel. Wahrscheinlich war sie die Frau eines Industriellen, der im Krieg Abermillionen verdient hatte.
Neben ihr saß eine junge Frau, deren Anblick Adrian den Atem raubte. Sie war es! Eindeutig.
Jeglicher Zweifel war wie weggeblasen, als er ihre Augen sah. Es waren die selben rehbraunen Augen, die ihn so unschuldig und erschrocken angesehen hatten, als sie ihm kaltblütig ein Bein stellte. Die sechs Jahre waren aber auch an ihr nicht spurlos vorüber gegangen. Sie war noch schöner geworden.
Zwischen Hass und Verlangen hin und hergerissen stand Adrian da und tat nichts. Er war unfähig, das Spiel länger zu verfolgen. Er wollte sie töten. Aber er liebte sie auch. Während der endlosen Stunden im Zuchthaus hatte er sich in sie verliebt, einfach so. Heiß und kalt lief es ihm den Rücken hinunter, seine Hand zitterte langsam nach dem Revolver in seinem Jackett. Er könnte sie sofort erschießen. Schweiß stand auf seiner Stirn. Klare Perlen krochen langsam sein Gesicht hinunter. Aber er konnte sie auch heiraten. Sie war unglaublich schön.
Wie eine Prinzessin aus einem der Märchen, die ihm seine Mutter immer vor dem Schlafengehen vorgelesen hatte.
Er musste warten, etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Vielleicht würde sie eine Entscheidung für ihn treffen.
[ Also wartete er, bis sie zuende gespielt hatte und ihre Chips gegen Bares einlöste. Er ging vor ihr hinaus, um sie auf dem Parkplatz vor dem Casino abzupassen. Es dauert lange, bis sie kommt. Seine Gedanken drehen sich wieder im Kreis. Im Geiste hatte er die Frau Patricia genannt. Er liebte diesen Namen schon seit seiner Kindheit. Als sie herauskommt, folgt er ihr und stellt sie schließlich vor einer einsamen, verlassenen Gasse.]
Adrians Augen verengten sich, als er Patricia gegenübertrat. „So, meine Süße, da bist du also. Ich erinnere mich an dich. Du bist die kleine Schlampe, die mir das Bein gestellt hat.“ Ihre Augen weiteten sich vor Furcht und ihre Schultern sackten herab. „Das hat mich sechs Jahre Zuchthaus gekostet, weißt du?“ Er zog einen Revolver aus der Tasche des Jacketts. Langsam klappte er die Trommel heraus und leerte die Patronen in seine Hand. „Ich bin dir nicht böse, nicht wirklich. Und du bist zu einer schönen Frau herangereift. Jede schlaflose Nacht habe ich an dich gedacht, wenn die Schmerzen mich zu überwältigen drohten. Zuchthäuser sind ein übler Ort, vielleicht ist die Alpenfestung der schlimmste Ort, den es gibt. Die wunderschöne Landschaft, die man sieht, wenn
1
2
Kommentare
http//:www.top3-suche.de schrieb am 2010-03-30 20:42:01:
Werbung
Top3 Suche - Einfach nur das Beste finden!
Schnell und sicher nur solide und zuverlässige Online-Anbieter finden - www.top3-suche.de -
johannes schrieb am 2007-12-13 17:32:01:
An Veronika
falls du jemals zu dieser Geschichte zurückkehrst:
Einen so schönen Kommentar hab ich noch nie bekommen *träne aus dem auge wisch* danke.
Man könnte sogar einen Kommentar zu deinem Kommentar schreiben.
Ein ganz großes DANKE.
Bis demnächst *g*
Lg jo
Veronika schrieb am 2007-12-12 22:16:34:
Die Art und Weise, wie sich der Begriff "Roulette" durch die Geschichte zieht, ist faszinierend. Adrian ist wie die Kugel im Roulettespiel. Es lässt sich nicht vorraussagen, welchen Weg er einschlägt, er ist innerlich hin- und hergerissen und der Anblick der Frau wirft ihn regelrecht "aus der Bahn". Grandios wie du ihn am Ende die Entscheidung durch ein Russisch Roulette treffen lässt ...
Insofern : Beide Daumen hoch ! Und immer schön weiterschreiben =)
PS: wären deine formulierungen männer ... ich würd sie alle heiraten wollen
Kommentar hinzufügen