Charlotte, das Zwiebelchen
von
Hildegard Grygierek
Es war einmal eine kleine Zwiebel, welche mit ihren Eltern die Zwiebelkiste im Keller einer wohlhabenden Familie bewohnte. Natürlich als Untermieter, denn umgänglich wie Zwiebeln sind, bringen sie gern in Cliquen Menschen zum Weinen. Als überaus interessiertes Zwiebelkind galt es für Charlotte, regelmäßig die Kellerräume zu durchforschen. Wenn Mama und Papa sich besonders hübsch herausgepellt hatten, um sich beispielsweise bei einer Lagerapfel-Party im Weinkeller zu amüsieren, kullerte „Lotte“, wie Papa sie manchmal auch nannte, zum Vorratskeller. Natürlich erst nachdem die Eltern gegangen waren. Papa sah es nämlich nicht so gern wenn sie überall ihren Duft verströmte und machte sich immer große Sorgen. Es könnte ja mal vorkommen, dass jemand aus der herrschaftlichen Familie des Abends noch Bratkartoffeln mit Zwiebeln essen wollte und versehentlich dabei nach Charlotte griff.
Wie Kinder nun mal sind, wissbegierig und voller Abenteuerlust, kullerte sich die Kleine leise durch sämtliche Kellerräume und machte vor dem Vorratskeller halt. Sooo viele schöne bunte Einmachgläser hatte sie noch nie gesehen, was da wohl drin war? Lotte versuchte am Sauerkrautfass hochzuklettern und wäre um Himmelswillen....... beinahe fast hingefallen. Also, den säuerlichen Geruch mochte sie nun gar nicht, aber irgendwie kam er ihr bekannt vor. Ja, da fiel es ihr wieder ein. Ihr Onkel, eigentlich eine Salatzwiebel, musste gleich nach Weihnachten wegen einem Sauerkohleintopf aus der Pelle und in den Topf. Charlotte schüttelte sich bei dem Gedanken, dann war ihr ein siedendheißes Ölbad schon lieber, für eine leckere Sosse oder als Beilage. Als Lotte neugierig die Blicke übers vollgepackte Regal schweifen lies, traute sie den Augen kaum. Viele kleine ihrer Artgenossen hockten dicht aneinandergepresst in eines von vielen Gläsern fest unter Verschluss. Eine Kakellake welche vorwitzig aus einem Reissack schaute meinte, dass sie noch nicht so lange in Gefangenschaft wären, und unreif für ein Festmahl sind. Nun aber mal langsam, was heißt hier überhaupt „Gefangenschaft“ und „Festmahl“, wollte Charlotte wissen. Die vollgefressenen Kakellake zeigte nur wenig Verständnis für derart komische Fragen und unterstellte der Kleinen Schalenfreude, außerdem nur Stunk verbreiten zu wollen. Beleidigt zog sie ab, auf die Ameisenstraße Richtung Kartoffelkeller. Hoffentlich fällt ihr eine dicke Pellkartoffel auf die Rübe, dachte das Zwiebelkind und schickte noch eine Extra- Dunstwolke hinterher.
Asseln sind ja da ganz anders. Freundlich bot „Selma“, die fetteste aber auch netteste ihrer Rasse, Hilfe an. Anschauungsunterricht war schon immer ihre Stärke und der hübschesten aller kleinen Zwiebeln die sie je gesehen hatte, eine Unterrichtsstunde wert. Liebenswürdig führte Sie Charlotte durch das Labyrinth von Einweckgläser, wobei sie mit gefälligen Erklärungen zum Besten gab. Von Rote Beete über Erbsen mit Möhren, Stangenbohnen und Saure Gurken wusste sie zu berichten und natürlich wie sie dort hineingekommen waren. Selma kannte sogar jeden einzelnen Lebenslauf, vom Keimling bis zur Vollendung. So einer schlauen Assel war Lotte noch nie über die Füße gelaufen. Als Selma begann übereifrig von Silberzwiebeln in süß-saurer Lake vorzubabbeln, war Charlottes Begeisterung über ihr Wissen wie verduftet. Speiübel wurde es ihr bei dem Gedanken eingequetscht unter ihren Leidensgenossen zu versauern. In Windeseile machte sie sich aus dem Kellerstaub, rollte in einem Zug an sämtliche Kellertüren vorbei um direkt vor ihrer gewohnten Umgebung unter Vollbremsung zu stoppen. Mit gleichem Schwung hüpfte sie in die Kiste, kuschelte sich fest an die Schale Ihrer Cousine und träumte davon, als Steckzwiebel wieder in das Gartenbeet zu dürfen.
Hildegard Grygierek
Kommentare
Brigitte schrieb am 2006-07-15 09:07:10:
Geschraubte Redewendungen sind kleinen Kindern gegenüber recht unfair...
Man sollte sich wirklich um eine einfache und klare Sprache bemühen.
Kommentar hinzufügen