Chasing Rabbits
von
Frederic Schmitz
Ich stand auf einem schmalen, mit Steinplatten befestigten Weg.
Um mich Schrebergärten und rechts von mir drei Bänke.
Es war ungefähr 3 Uhr Nachts und ein riesiger blasser Mond hing am Sternenhimmel, wie ein Gesicht, das kränklich und ängstlich beobachtete. Der Mond war von Sternenkränzen umgeben, ich hörte das Zirpen von einer ganzen Armee Grillen und ab und zu das Rauschen eines Autos auf der entfernten Strasse.
Ich setzte mich hin. Mir gegenüber befand sich ein kaum bepflanzter Garten, mit einem kleinen Haus genau in der Mitte. In der Ferne schwebte die Silhouette einer Kirche, nur schwach vom Mond erhellt.
Ich fühlte mich leicht, als könnte ich schweben und meine Umgebung strahlte ein unnatürliches blaues Licht aus. Ich versuchte die Quelle des Lichtes auszumachen, doch schien es, als würde das Licht direkt von der Umgebung emmittiert.
Ich schloss die Augen und Gedankenfetzen rasten durch den Brei meines Verstandes, zäh und schwerfällig, aber mannigfaltig und überwältigend. Ich stand auf. Ich setzte mich wieder.
Plötzlich saß ein kleines weisses Kaninchen direkt vor meinem linken Fuß. Ich war verdutzt und beobachtete das Kaninchen verträumt, in der Erwartung es bei der kleinsten Bewegung forthoppeln zu sehen. Ich zuckte mit dem rechten Fuß. Nichts geschah.
Das Kaninchen hoppelte ein paar Meter weiter, von mir aus rechts gesehen in den Gang, dann hielt es an und drehte sich zu mir um.
Ich stand auf, machte einen Schritt auf das Kaninchen zu, dann einen weiteren. Das Kaninchen drehte sich um und hoppelte zwei Sprünge weiter, nur um sich wieder umzudrehen und mich anzugucken.
Unwillkürlich lachte ich. Und obwohl ich diese Situation über alle Maßen albern fand, war ich fasziniert und mit meinen Gedanken schon weit fort.
Ich schritt auf das Kanichen zu, es hoppelte weiter und ich folgte ihm.
Obwohl ich mich dem Ausgang und somit den Lichtern näherte wurde es immer dunkler. Ich folgte ihm immer weiter, bis ich merkte, dass ich inzwischen vollkommen von Schwärze umfangen war. Ich begann mich zu fürchten, aus meiner Angst heraus, versuchte ich zum Kaninchen aufzuschliessen, doch dadurch wurde auch das Kaninchen nur schneller, bis wir beide durch die schwärze hasteten. Ich rannte so lange, dass meine Lunge schmerzte und ich vor Seitenstichen anhalten musste.
Das Kaninchen hielt, drehte sich um und starrte mich an. Mit warmen blauen Augen, die Stupsnase zuckte leicht, als das Kaninchen schnüffelte, dann hoppelte es langsam weiter. Ich hatte Angst vor der Dunkelheit, also erhob ich mich und trottete langsam hinter ihm her.
Noch einer halben Ewigkeit wurde es langsam wieder heller, ich folgte dem Kaninchen weiter, bis wir wieder an den Bänken ankamen, an denen wir gestartet waren, ich setzte mich auf die Bänke und schnaufte, immernoch ausser Atem. Das Kaninchen beobachtete mich.
Ich sah die gigantische Uhr der Kirche, doch die Zeit stand still. Weder war Zeit vergangen, noch verging sie jetzt.
Das Kaninchen hoppelte wieder los, doch diesmal nach links, ich folgte ihm. Einen kurzen Moment hatte ich gezögert und überlegt. Zuerst dachte ich, ich würde einfach hier sitzen und warten, bis die Zeit wieder anfängt zu vergehen. Dann kam mir die Idee, mich auf das Kaninchen zu werfen, es zu fangen, um zu sehen, ob es überhaupt real war.
Ich resignierte letztendlich und trottete ängstlich hinter ihm her und es wurde immer heller, bis ich nur noch Weiß sah, wohin ich auch blickte, das Kaninchen hob sich kaum noch von der Umgebung ab, doch dann wurde das Licht wieder normal und ich stand vor dem Törchen, das in die Gartenwege führte. Das Kaninchen hockte davor. Ich bückte mich, kraulte es vorsichtig am Rücken, streichelte es und spührte wie warm es war, es war eindeutig am Leben. Es machte mich auf eine seltsame Art glücklich das Kaninchen zu streicheln, mit jedem Strich fühlte ich mich wohler. Ein echtes weisses Kaninchen und ich folgte ihm.
Ich öffnete das Tor. Obwohl sich nichts als Luft vor mir befand, musste ich mich nach vorne lehnen, um mich hindurch zu stemmen, als wäre eine undurchsichtige Mauer davor. Ich stolperte hinaus auf den Gehweg und das Kaninchen hoppelte mir hinterher und dann den Gehweg rechts hinunter.
Links und rechts der Strasse zogen sich endlose Schlangen geparkter Autos hinunter, so weit, dass es aussah, als verschmolzen sie am Horizont. Die Laternen strahlten wie künstliche Heiligenscheine und verschwommen aufgrund ihrer Masse zu einem Lichterschleier, der sich über alles legte. Ab und an säumten die Strasse ein paar Bäume, welche jedoch vollkommen deplaziert aussahen.
Der Himmel war schwarz und von dunklen Wolken verziert, die vom Mond weisslich beschienen wurden.
Immer weiter folgte ich dem Kaninchen, durch eine Achterbahn aus Maschienen, Licht und Natur, vorbei an schrägen Häusern mit schiefen Dächern, endlos hohen Bäumen und schmelzenden Fassaden. An manchen Dächern neigte sich der Himmel hienab und küsste die Häuser, an anderen wuchsen Wolkenbäume aus dem Himmel hinab und verschmolzen mit dem Gehweg, wobei sich Grotesque Strukturen, ähnlich manch moderner kunst, bildeten.
Fasziniert bestaunte ich alles, immer mit einem Auge auf dem Kaninchen, um es nicht zu verlieren. Dann hielt es an. Ich sah mich um und erkannte, das wir vor der Kirche standen.
Die Zeit hatte sich nicht verändert.
Vor der Kirche war ein großer freier Platz, links und rechts ein paar Bänke und um mich gigantische Bäume, die den Himmel ersetzten und einen eigenen, eigenwilligen Himmel aus Blättern und Ästen schufen. Über allem thronte die erhaben Fassade der Kirche. Der riesige Kircheneingang stand weit offen. Ich wollte hinein gehen, doch das Kaninchen blieb wo es war. Ich dachte, dass es wohl an der Zeit war meine Reise allein, fortzusetzen und ging bestimmt auf das Tor zu.
Mit einem lauten Klacken schnapptem die Flügel des Tores nach mir und ich sah, wie sich eine hässliche rote Zunge aus dem Innern wand. Ich taumelte zurück. Über der Tür war ein roter Schriftzug erschienen:
"Ihre Kirche."
Das Kaninchen hoppelte fort und ich stapfte, zitternd und keuchend, weiter hinter ihm her.
Weiter tanzten wir durch die Nacht, zum Rythmus der pulsierenden Häuser, Lichter und Bäume. Dächer zuckten, Blätter flogen in wilden Formationen durch die Luft.
Dann beruhigte sich die gesamte Szenerie. Es ergab sich wieder das alte Bild, so wie es sich schon vor den Gartenwegen gezeigt hatte. Ich folgte ihm weiter und die Umgebung begann immer stärker jenes blaue Glühen zu zeigen, das ich in den Gartenwegen gesehen hatte. Weiter hinten sah ich etwas riesiges, wie einen Rahmen. Wie ein Bilderrahmen, der alles in sich einschloss.
Weiter, dann plötzlich hatten wir ihn erreicht. Ein riesiger Spiegel, der alles was hinter mir lag wiederspiegelte. Dann begannen mir Unterschiede aufzufallen. Im Spiegel sah ich weder das Kaninchen, noch jenes blaue Glühen, das hinter mir alles einhüllte. Wieder erschien eine Schrift, oben auf dem Rahmen des Spiegels, diesmal in weiß:
"Ihre Welt."
Ich starrte in den Spiegel, lange dachte ich nach. Versuchte alles zu verstehen, Entscheidungen zu treffen.
Ich ging auf den Spiegel zu und berührte ihn. Meine Hand glitt hindurch und stiess auf keinen Widerstand. Ich schob meinen ganzen Arm hindurch, ich hätte hindurchgehen können. Das Kaninchen beobachtete mich, mit seinen hellen, blauen Augen. Voller Wärme.
Ich drehte mich um und ging, auf das blaue Glühen zu.
Ein letztes mal drehte ich mich um.
Das weisse Kaninchen war verschwunden, an seiner Stelle sah ich mich. Das weisse Kaninchen war ich.
Und ich lächelte.
Kommentare
also@schon.de schrieb:
Nicht mal ein Kommentar?
Naja.
schwarzeacht@yahoo.de schrieb:
Eine Mischung aus Alice in Wonderland und Matrix. Von den Motiven her jedenfalls. Aber du hast einen eigenen Stil und die Geschichte hat Faszination. Schließlich lebt eine Parabel ja von ihren Bildern.
schön und verwirrend
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