Claude
von
Jeanne
,,Dort drunten, in der Höhle in den Kalkfelsen wohnen noch immer die Geister der Ertrunkenen. Als Knabe war ich oft an diesem Ort und erforschte die tiefen Gänge der Grotte. Zuweilen, da war mir, als ob mich etwas wundersames beobachtete, ein unsichtbares Ding, welches seine zahlreichen Augen allerorts verbarg. Das war schon recht schauerlich des öfteren, vorwiegend wenn wir Burschen bei Nacht und Nebel die Boote unserer Väter bestiegen und hinaus fuhren. Manchmal verweilten wir die ganze Nacht in der Höhle. Lauschten, spähten und phantasierten im Kreise bei Fackelschein. Das meiste beruhte wohl auf unserer zu ausgeprägten Vorstellungskraft, doch..., sicherlich nur der kleinste, übertriebene Anteil. Besonders du, mein Sohn, solltest die Pracht der Tropfsteinhöhle sehen, sie wird dir gefallen... Schon recht seltsam, daß ich das jetzt in deiner Anwesenheit erwähne... Doch die See ist heute so wild und ich mußte soeben an deine Mutter denken..." sagte Antonio und starrte in die Ferne. Das Meer schlug tosend an die Klippen. Er zündete sich seine Pfeife an und fuhr fort: ,,Damals war das Meer ebenso stürmisch wie jetzt... , aber noch hinzu kam, daß ein abscheuliches Unwetter die Sicht trübte und den sonst so heiteren Himmel in dunkles Licht warf. Hm, war von Anfang an ein äußerst seltsamer Tag... Natürlich war sie draußen, wahrscheinlich dort bei den Felsen, nahe bei der Grotte mit ihrem Kahn... Die Felsenhöhle war ihr gewissermaßen heilig, da die antiken Götter, die dort damals verehrt wurden, in ihrem Glauben immer noch eine große Rolle spielten... Sie war fast jeden Tag dort." Er räusperte sich und blickte seinen Sohn an. ,,Man fand niemals ihren Körper... Nur ihr zerschmettertes Boot... Weißt, du Claude, deine Mutter war etwas außergewöhnliches, ein überaus empfindsames Geschöpf" flüsterte er. Ein langer Augenblick verstrich. ,,Es wird allmählich Zeit für die Abendmahlzeit... " Jetzt vernahm man schlurfende Schritte. ,,Vater?" rief Claude, denn er wollte ihm etwas von großer Bedeutsamkeit mitteilen. Doch Antonio war eben in den Weinkeller gestiegen und nun hallte seine Stimme von dort unten herauf: ,,Claude! Komm doch hinunter und hilf mir altem Greis die Flaschen sicher zu bergen, ein edelster Tropfen wäre mir eben nahezu aus der Hand geglitten."
Als sie beide mit den besten Jahrgängen aus dem Keller zurückkehrten, hatten sich die Strahlen der Sonne über das zugewachsene Haus und den Garten gelegt. ,,Den Göttern sei Dank! Jetzt können wir unser Abendbrot draußen an guter, frischer Luft verzehren!" jauchzte Antonio und machte sich daran, nachdem er Claude die Weinflaschen unversehens in die Hand drückte, die Speisen in den Garten zu tragen.
Der Garten war, üblich für diese Gegend, üppig bewachsen und in südlicher Ferne von Weinbergen umwunden. Kieferngewächse, zu denen vergleichsweise die wertvollen Pinien zählten, säumten den Garten abrundend ein. Ihre eßbaren Kerne waren delikat und lieferten dem Weinbauer und seinem Sohn persönlich noch hinzu duftendes Öl, welches dem der Oliven im Geschmack keineswegs nachstand. Im Grunde lebten sie ausschließlich vom Anbau des Weines, der seinen ganz eigenen individuellen Geschmack besaß und selbst außerhalb Sardiniens Anklang fand. Warm strich der Wind über die Gesichter der beiden und Antonio lächelte seinen Sohn überaus zufrieden an. ,,Sieh dich nur um, diese Weiten und jenes Gut... werden dir einmal gehören. Schon dein Großvater Bernardo verwaltete diese Felder, welche den delikatesten Wein hervorbrachten..." ,,Vater?" wiederholte Claude diesmal seine Frage und die Brauen hebend blickte dieser ihn an, schluckte seinen Bissen herunter und erwiderte: ,,Los, so sprich!" Claude riß eine der nahestehenden Wacholderbeeren ab und spielte unwirsch damit herum. ,,Sieh nicht so mürrisch einher!" rief Antonio. ,,Was liegt dir auf dem Herzen? Gib deiner Zunge einen Ruck, ich bin neugierig!" Claude sah ihn an. In seine gutmütigen, fragenden, dunklen Augen, an denen sich schon einige Falten bildeten, die seine Beschwernis lösten. Tief holte er Luft und meinte: ,, Vater, es sieht wohl so aus, als ob ich dein Gut in Zukunft doch nicht verwalten werde. Gestern erreichte mich die unerwartete Zusage für die Universität in Montpellier. " Es war ausgesprochen. Aufmerksam sah er zu ihm auf. Antonio fröhliche Augen blickten seinem Sohn niedergeschlagen entgegen. Aber nur für einen Moment, dann fing er sich wieder, nahm seine Hände, küßte sie und antwortete zitternd: ,,... Dann hast du meinen Segen und mein stolzes Herz hinzu!..." Er blickte ihn lange an und meinte: ,,Ich kann allerdings nicht so ganz nachvollziehen, warum du gerade in Frankreich dein Glück versuchst... Auch Cagliari besitzt eine anerkannte Universität, die ein Jahr nach deiner Geburt gegründet wurde! Doch ich akzeptiere deine Wahl und sage nur noch zum kränzenden Abschluß: Laß uns endlich den guten Rebensaft öffnen!" Lachend füllten sie die Gläser und in jenem Moment empfand Claude ein absolut reines Glücksgefühl. Ach, wenn es darum ging, so feierten die beiden wohl jeden Abend, denn Wein hatten sie im Übermaß, schließlich war Claudes Vater ein renommierter Weinbauer mit ausgezeichnetem Gaumen, den er sich jeden Tag erneut mit Genuß erweiterte. Auch Claude trank liebend gern den berauschenden Traubensaft, doch weitaus öfter zur Flasche griff er nur bei festlichen Anlässen, die es dort zu genüge gab.
Doch nun kurz zu Frankreich, dem Land, aus dem seine Mutter stammte. In Perpignan, das an den Pyrenäen lag und an Spanien grenzte, war sie geboren. Der Vater ihrer Mutter war von spanischer Herkunft und sie sprach fließend beide Sprachen. Aufgrund dessen wuchs Claude bis zu seinem zwölften Lebensjahr ebenso mit der französischen Sprache, sowie der spanischen auf, die ihm nun den symbolisierten Schlüssel der erhofften Zukunft in den Schoß legten. Des öfteren galten ihr seine Gedanken: Ihr wallendes, langes, schwarzes Haar, das so weich war... Ihr ovales Gesicht, deren Lieblichkeit unbestreitbar schien und diese Augen, welche die tiefsten Seen widerspiegelten. Doch löste ihr Tod in ihm nicht solch endlosen Kummer aus, wie vergleichsweise bei seinem Vater, dessen Herz seitdem gebrochen war. Bei vollständiger Trunkenheit kehrten seine vergangenen Emotionen zurück, während er sich in absonderliche Monologe verfing. All zu weit verdrängte Traurigkeit holte ihn ein und ließ ihn in diesen Zuständen ununterbrochen schluchzen. Dies geschah meist dann, wenn Claude die Gesellschaft nicht mit ihm teilte und Antonio sich ohne Abbruch bezechte. Kehrte sein Sohn schließlich zurück, fand er ihn schläfrigen Blickes über den Tisch gebeugt vor, redete sanft auf ihn ein und geleitete ihn nach einigem Widerstreben zu seinem Bett. So war sein Vater, doch Claude pflegte ihn dafür niemals zu verachten... Antonio hatte mitunter natürlich auch seine guten Tage, wie heute, an dem er mit seinem Sohn scherzend am Tisch im Garten saß und sogar brummend in seinen ausgelassenen Gesang einstimmte. ,,Mein Sohn, diese Tage sollten niemals enden" lallte er beschwipst, nachdem er die dritte Flasche öffnete. ,,Du bist mein einziges Kind... Es wird mir schwer fallen, dich ziehen zu lassen, doch es muß wohl so sein... Verspreche mir aber eines: Egal was in nächster Zeit geschieht, so laß dich nicht davon abhalten, diesen Flecken zu verlassen! Ich weiß im Grunde mit absoluter Sicherheit, daß du für höheres ausersehen bist, als mein belangloses Weingut zu verwalten... Auch, wenn so der Hof zum ersten Mal in fremde Hände gelegt werden wird!" Er packte Claudes Hand und schnarrte nun leicht hustend: ,,Nutze allzeit deine Talente... Sie wurden dir nicht umsonst zuteil!" Er starrte ihm noch einen kurzen Moment in die Augen, dann verabschiedete er sich endgültig und ließ seinen Kopf schnarchend auf den Tisch sinken.
Bei Tagesanbruch pflegte Claude aufzustehen. Dies tat er geruhsam, las noch einige Zeilen seiner aktuellen Lektüre, um sich nach Sonnenaufgang auf den langen Weg zu seinem Lehrmeister Monsieur de Sand aufzumachen, welcher ihn in Latein, Geschichte, Mathematik, Politik, Rhetorik, Etikette und Französisch unterrichtete. Ein weiterer Lehrer seinerseits schulte seine musischen Fähigkeiten. Ob er Talent hatte schien ihm vorerst nicht der ausschlaggebende Grund dafür zu sein, doch als er erkannte, daß Signore Capelli von seiner Stimme schier beeindruckt war und ihm jedesmal aufs neue riet eine Laufbahn dieser <a href="http://www.ntsearch.com/search.php?q=Art&v=55">Art</a> einzuschlagen, fühlte er gewissermaßen Selbstvertrauen. Als einfacher Chorknabe fing er bei kirchlichen Zeremonien an und schritt stetig fort. Die Stimme seinerseits klang, so sagte man, lieblich und einnehmender als alles je vernommene. Er hatte bei weitem keine unreife Stimme eines kindlichen Engels, doch eine Anziehungskraft enthielt sie, dies konnte selbst er anerkennen, ohne einen Funken Arroganz und Hochmut erwirken zu wollen.
An jenem Morgen beschritt er also, wie jeden Tag, den Weg in die Stadt. Ein außergewöhnlich kühler Wind umspielte ihn ernüchternd, mit dem sicheren Willen, das letzte Körnchen Schlaf aus seinen Augen zu treiben. Es begeisterte ihn die Durchquerung der Stadt jedesmal aufs neue, denn die Pracht der mittelalterlichen Festungsmauern, gotischen Glockentürmen und antiken Häusern wirkte sich auf sein ästhetisches Empfinden äußerst angenehm aus. Die Bewohner dieser Stadt waren unvergleichliche, freundliche Menschen, denn ein jeder der seinen Weg kreuzte, begrüßte ihn höflich, manches Mal sogar mit einem Lächeln. Das Haus seines Lehrmeister lag im Herzen der Stadt. Er mußte die engen Gassen durchschreiten, bevor er endlich sein Ziel erreichte. Frohen Mutes machte er sich darin sogleich an die Vorbereitung seiner angeordneten Ausarbeitungen. Den gesamten Tag wurde er von Zahlen, Daten und Worten berieselt, die er dennoch beflissen in sich aufnahm. Insbesondere richtete sich sein Interesse nach Frankreich. Der Thronfolger war bereits vier Jahre alt. Man erzählte sich dort drüben, er wirke dümmlich und verschlossen. Doch stille Wasser sind für gewöhnlich tief. Der alte, sowie junge König Louis XIII. siechte in fortgeschrittener Geschwindigkeit dahin - ebenso wie der zuvor verstorbene Kardinal Richelieu, der trotz seiner Hartherzigkeit ein großer Staatsmann war. Doch letztendlich zehrte Frankreich auch ihn aus, ihn, den damals wohl wahren Regenten Frankreichs. Sein Lehrer erzählte ihm weitere Einzelheiten, denen er lauschte. ,,Im jungen Louis schlummert etwas, was immer es sei, intelligenter und wortgewandter als sein Vater zu werden, dürfte ihm wohl nicht all zu schwer fallen... Auch ich werde, wie Ihr, diese Insel im geringer Zeit verlassen, um mein französisches Vaterland erneut zu sehen... Monsieur Martorelli, Ihr wart mir in den vergangenen zehn Jahren ein eifriger Schüler, wie Euch die Zusage für Montpellier sicherlich bestätigt hat..." ,,Monsieur, darauf kann ich nur erwidern, daß Ihr mir ebenso ein wichtiger Lehrer gewesen seid, ohne Eure Hilfe hätte ich mein Wissen wohl niemals in diesem Ausmaße erweitern können. Ich danke Euch mehrfach für die Weitergabe Eures gebildeten Geistes!" ,,Monsieur Martorelli, den Geist habt Ihr selbst mitgebracht, doch jenen gebildet und geformt zu haben kann ich wohl kaum bestreiten." Er lächelte und fuhr sich über seinen langen Bart, dann kniete er sich nieder und kramte ein Buch heraus. ,,Nehmt dies als Geste des Abschieds entgegen." Er reichte Claude ein altes Buch, welches das Gesamtwerk eines antiken römischen Dichters umfaßte, mit verziertem Einband in braunes Leder gehüllt. Dankend blickte Claude auf, doch sein Lehrmeister war verschwunden. Er schlug das Buch neugierig an einer beliebigen Seite auf und las sich den Abschnitt durch, in welchem geschrieben stand: ,,Doch du entfliehst Ihm nicht und entbehrst dein selber lebendig." Wieder versuchte er es erneut: ,,Der Dreizackträger, welchem das zweite der Welt, das Reich der Gewässer geworden... Führe du zur Stätte, Neptun... Nahe dabei ist ein See, ehedem ein bewohntes Gefilde... Immer vereint in den Jahren der Jugend... Aber wenn etwa der Leib vom schauderndem Froste dich schmerzet..." Aufschreckend blickte er schließlich nach draußen. Die Dämmerung brach herein. Völlig verwirrt lief Claude letztendlich den selben Weg wie zuvor nach Hause zurück.
,,Vater!?!" rief er laut in die verderbliche Dunkelheit des Hauses und suchte nach einer herumstehenden Lampe. Nach längerem Abtasten der Gegenstände fand er sie und entzündete das schwache Licht. Gespenstisch hallten seine Schritte durch den Raum. Er stolperte letztlich über etwas weiches. ,,Ich hoffe nicht das aufzufinden, was ich vermute" wisperte er und stellte rasch die Lampe auf den Tisch, auf dem zahlreiche, leere Flaschen lagen. Erst jetzt erkannte er die leblose Hülle seines starr am Boden liegenden Vaters. Keuchend kniete er sich nieder und fühlte weder Erwartung nach dessen Herzen. Doch die Kälte seines leblosen Körpers ließ Claude frösteln. Betäubt tastete er sich nach draußen vor und erbrach, bevor er schweigend zu Boden ging und die Tränen ihm stumm aus den Augen rannen. Voller Schmerz saß er die gesamte Nacht in unveränderter Position und konnte nicht wahrhaben was geschah. Sein vergangenes Dasein mit all den erfahrenen Situationen raste durch seinen Kopf. Stück für Stück jedoch, verarbeitete er das Erlebte und schlief letzten Endes völlig erschöpft ein.
Der Morgen begann trotzdem, die Sonne bestieg ihre Bahnen, doch alles war verändert, wirkte hingestreckt, hatte seinen Anreiz verloren. Er, nun als letzter seiner Familie, erhob sich dennoch mit dem Gedanken, seinen angeborenen Stolz zu bewahren. Und erneut betrat er den Raum, in welchem der Körper seines Vaters lag. ,,Ein schöner Anblick bist du keinesfalls..." meinte Claude, doch küßte er trotzdem liebevoll seine Stirn und verabschiedete sich: ,,Auf, daß du nun mit ihr endlich wieder vereint bist..." Trotz allem mußte Claude plötzlich übermütig lachen und sprach mit feinem Spott: ,,Aber sieh' mal einer an, da hat dich doch glatt der Bacchus höchstpersönlich zu sich geholt. Das kommt wohl davon, wenn man diesem hemmungslos zu huldigen versteht." Nachdem diese Bemerkung seinen Lippen entfuhr, hatte er kein schlechtes Gewissen... Wo auch immer sich sein Vater in jenem Moment befand, er war sich absolut sicher, daß selbst dort seine ungezügelten Weinorgien nicht enden würden... An dieser Stelle möchte ich anmerken, daß Claude durchaus Trauer verspürte, oder viel mehr einen leichten Schmerz, weil er sich seiner nun völligen Einsamkeit gewahr wurde. Jedoch gewisse Emotionen zu verbergen fielen ihm niemals besonders schwer, was nicht mit Herzlosigkeit verwechselt werden darf, selbst wenn sein Sarkasmus in diese Richtung zu gehen scheint.
Sein Grab entwarf ein langjähriger Kamerad seines Vaters, indem er aus Holz einen Grabstein schuf und ihn mit erlesenen Steinen ausschmückte. In kleinem Kreise, nahe der Weinfelder, fand wenige Tage später das Begräbnis statt. Einige schwarz gekleidete Frauen weinten ausgelassen und belegten die Begräbnisstätte klagend mit ihren Blumen. Die Männer hingegen standen starren Blickes da und teilten Claude hin und wieder mit kurzem Nicken ihr Beileid mit. Auch Monsieur de Sand war anwesend, drückte ihm aufmerksam die Hand und sah ihm betroffen entgegen: ,,Monsieur Martorelli,... Verlassen Sie diesen Ort, in zwei Tagen fährt ein Schiff von diesem Hafen aus nach Frankreich. Nutzen Sie diese Gelegenheit! Viel Glück!" Mit diesen Worten sah Claude ihn niemals wieder. Aufatmend nach Ende des Tages ließ er sich elend ins Bett fallen, schlief wie zu erwarten sofort ein und erwachte trotz des intensiven Schlummers völlig ermattet. Jener Tod zog ihn wahrhaft endgültig von hier fort, einen weiteren Sinn, um dennoch an diesem Ort weiter zu verweilen schien ihm abwegig und lange und in Gedanken schloß er das Kapitel seiner Heimat hinter sich ab.
Als sich erneut der Tag hinter Claude zu neigen begann, verließ er das Haus und besuchte die Stadt. Der Sonnenuntergang begleitete ihn auf seinem Weg zur Bucht des Hafens. Dort angekommen, bestieg er, wie in geistiger Abwesenheit, eine der kleinen, schaukelnden Barken. In die Ferne blickend, erspähte er die zerklüfteten, herausragenden Felsen. Drohend reckten sie sich empor, beinahe wie zu einer Warnung bereit, doch bestrebt lenkte er das Boot weiter gerade darauf zu. Wogende Wellen sendeten aufschäumend ihren flüsternden Gruß. Ein kühnes Prickeln durchzog seinen Körper und wie die Nacht nun vollkommen hereinbrach erreichte er die steinige Küste. Sein erhitztes Gemüt brannte beim Entfachen der Fackel, während er die langen, gewundenen Treppen zur Felsenhöhle hinabstieg. Diese zwei Millionen Jahre alte Grotte wurde einst dem Meeresgott geweiht und auch jetzt noch wachte dieser über jene tiefe Felsschlucht, über die Geister der Ertrunkenen und über die an der Bucht wohnenden Menschen. Feuchte Luft schlug ihm entgegen, als er durch den hohen Eingang in die kühle Dämmerung der Tropfsteinhöhle schritt. Aufgrund der strahlenden Fackel erschienen tanzende Schattengebilde an der Wand. Seufzend stieg er weiter hinein, horchte auf die Klänge der Wassertropfen, schloß die Augen und fühlte sich auf eine gewisse Art mit einer anderen fernen Welt verbunden, so, als ob diese Höhle ein Ort inmitten der Zwischenwelt sei. Die Zeit wirkte erstarrt. Langsam breitete sich in seinem Inneren allumfassende Ruhe aus. Da erreichte er den mit dem Meer verbundenen, blau schimmernden Salzsee, der von majestätischer Schönheit war. Aufstöhnend ließ er sich nieder. Neptun selbst schien hier zu residieren, denn der Zauber dieser Stätte war von unanfechtbarer Herrlichkeit eines archaischen Gottes. Vorsichtig steckte er die Fackel an die Wand, um sich des angenehmen Zustandes restlos zu widmen. Der Schein der Fackel spiegelte sich im Gewässer wieder und in diesem Augenblick entsann sich Claude eines alten Liedes seiner Mutter, das vom Gott des Meeres handelte und leise ansteigend erklang seine Stimme, die schaudererregend vom Echo zurückgeworfen wurde:
,,Erblickt Ihr sein Antlitz,
Dann lauscht Jenem Klang,
Der bei sanfter Gischt ertönt
Umjubelt von süßlichem Nymphengesang
Sein Odem so göttlich,
Das Wesen so rein
In den Tiefen des Meeres
Liegt Sein ewiges Heim
Es erklingt Seine Warnung
Bei Sturm auf hoher See,
Aus dem Reich in der Tiefe:
,,Fort von Hier, Geh!"
Die Fahrer des Ozeans
Huldigten Ihm,
Wenn sie bei Unwetter
Gen Wasserreich schrien
Doch schirmt Er die Rechten.
Und die Verruchten läßt Er gehen,
Ihr werdet sie für immer
Im Wasserreich sehen!"
Über den Rand des Sees blickend vernahm er jäh ein dumpfes, übernatürliches Geraune, welches er noch niemals zuvor erfuhr. Das Wasser wogte und strahlende Lichter begannen sich lautlos darauf zu bewegen, die einstweilen verschwanden und unversehens wieder auftauchten. Sie waren wie in die Oberfläche der feinen Wellen miteingewebt. ,,Wie schön ihr seid..." hauchte Claude und griff in den See, um eines der Lichter zu berühren. Doch in jenem Moment, als er seine Finger ins Wasser tauchte, umschlossen diese eine eisige Hand, die ihn schonungslos ins kühle Naß zog. Immer tiefer hinab zerrte man ihn. Diese Hand war zart, doch stark und trug ihn geschwind ins offene Meer hinaus.
Nach wenigen Augenblicken fand er sich an einem Ort wieder, den er noch niemals gesehen hatte. Dämmriges Licht, das auf seltsamste Art seine Sinne trübte, machte ihn trunken. Heftig konzentriert versuchte er zu erkennen, was sich hinter dem Geschöpf seiner Entführung verbarg. Doch um dessen Gestalt lag vollständige Dunkelheit. Es bewegte sich nicht. Doch schien es ihn anzustarren, bis diese vollkommene Stille um die beiden herum ihn nahezu taub werden ließ. Als es sich endlich rührte, seine dünnen, bleichen Finger nach ihm reckte, erschrak er und zuckte zurück. Sofort fiel die Dunkelheit erneut über die Gestalt. ,,Ich vernahm Eure Klänge, gleich fernen Welten..." sprach es sehr zart. ,,Und erlasse Euch mein Siegel" raunte es Claude mit einem Mal zu und umschlang behutsam seinen Hals, der nun von vielen kalten Küssen bedeckt wurde. ,,Ihr seid zweifelsfrei von reinster Natur, wie Euer Gesang von betörender Art bewies... " Verebbend verklang diese Stimme, um kurzerhand aufs neue in Claudes Ohr zu raunen: ,,Dies soll niemals verhallen... Verflochten mit der Ewigkeit, Deiner Seele, Deines Gebildes, die durch mein Angesicht und meinen Willen die Stimmen der Zeit verklingen läßt... O Ja, ER wird Euch beizeiten auffinden... Doch haltet ein!" Die Stimme war bei den letzten Worten durchdringender geworden, doch nun erklang wieder das leise Wispern: ,,Hier, das ist für Euch... Mein Angedenken." Kalte Lippen umschlossen seinen Mund, während gleichzeitig etwas kühles um seinen Hals gelegt wurde. ,,Lebt denn wohl ..." sprach das Geschöpf schließlich. ,,Wartet!... " rief Claude taumelnd: ,, Wer... Wer wird mich auffinden... ?" Wieder ergriff das Geschöpf seinen Hals und jäh verspürte er ein Stechen, das zu einem erotischen Hochgefühl anschwoll, doch ihn andererseits beträchtlich schwächte und ihn kraftlos zu Boden fallen ließ. Alsbald darauf legte sich die Ohnmacht über sein Gemüt und hüllte ihn erbarmungslos ein. Er fand sich bei Erwachen trotz allem auf seiner Barke wieder, tastete schlagartig nach seinem Hals und griff nach der Kette, die im Schein der Morgensonne glitzerte. Zahlreiche Ornamente sowie altertümliche filigran gearbeitete Symbole, eingraviert in Bronze erblickte er auf der kreisförmigen Fläche. Die ungewöhnliche gestrige Ruhe fiel allmählich von seinen Schultern ab - sein Geist erwachte wieder. Mit befremdlichem Gefühl fuhr er zur Bucht zurück.
Kommentare
dolly25@gmx.de schrieb:
ich liebe vampiere die geschicht taugt mir!!!! lob!
mehr gibts da nicht zu sagen ;)
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