Cleo
von
Katzenfreundin
"Manuela wird sterben!"
Die Worte, die die lauschende Elke ungewollt aufschnappte, waren ein Schock für sie.
Ihr Vater hatte sie ausgesprochen und Elkes Mutter wurde daraufhin von einem heftigen Weinkrampf erschüttert.
Nein, das kann nicht wahr sein, dachte Elke, während sie wie gelähmt auf ihr Zimmer schlich. Die einzige Person, die Elke persönlich kannte und die gestorben war, war ihre Großmutter. Doch die war über Achtzig gewesen und lange Zeit krank. Elke wusste natürlich, dass auch jüngere Menschen starben, z.B. bei Unfällen usw. Doch ihre Schwester Manuela war erst dreizehn Jahre alt. Es erschien Elke unmöglich, dass sie sterben würde.
Manuela war in letzter Zeit häufig krank gewesen. Sie hatte einige Kilo abgenommen und konnte öfters nicht in die Schule gehen, weil sie sich schwach fühlte. Deswegen starb sie doch nicht gleich, dachte Elke. Nein, die Eltern mussten sich getäuscht haben.
Elke ließen die Worte keine Ruhe und sie wollte mit Manuela darüber reden. Sie würden lachen und herumalbern und alles würde so wie immer sein. Mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf dem Lippen öffnete sie die Türe zum Zimmer ihrer Schwester. Manuela stand neben ihrem Wäscheschrank und packte einige Sachen in ihre Reisetasche.
"Du packst?" Ungläubig trat Elke näher und stand nun direkt neben Manuela. Diese nickte und sah zur Seite. Doch Elke hatte die Tränen in ihren Augen entdeckt.
"Ich muss morgen ins Krankenhaus."
Ohne aufzusehen, packte Manuela weiter ein. Verwirrt verließ Elke das Zimmer. Nein, sie konnte und wollte nicht es nicht glauben, dass Manuela wirklich so krank sein sollte.
Ihre Eltern warteten bereits in ihrem Zimmer auf sie. Beide sehen sehr bedrückt und verzweifelt aus. Nun saßen auch bei Elke die Tränen locker. Ihr Vater nahm sie behutsam in den Arm und erzählte ihr, dass Manuela sehr krank war. Morgen musste sie zur Behandlung ins Krankenhaus. Elke wollte wissen, wann sie wieder zurückkam, doch der Vater zuckte mit der Schulter.
Elke und Manuela - das war immer eine besondere Beziehung gewesen. Obwohl Elke zwei Jahre jünger war, waren sie mehr Freundinnen als Schwestern. Sie hatten die gleichen Interessen und machten alles gemeinsam.
Monate vergingen und Elke spürte, dass alle Hoffnungen und Gebete für Manuela vergebens waren. Sie besuchte sie täglich und musste mit ansehen, wie die Schwester immer schmächtiger wurde. Durch die starken Medikamente hatte sie ihr gesamtes blondes Haar verloren.
Eines Tages kam ein Anruf aus dem Krankenhaus.
Manuela würde diese Nacht nicht mehr überleben, sagten man ihnen. Die Eltern wollten nicht, dass Elke noch einmal zu ihrer Schwester ging. Sie sollte sie lieber so in Erinnerung behalten, wie sie früher gewesen war, doch Elke setzte ihren Willen durch. Sie flehte und bettelte solange, bis die Eltern nachgaben.
Sie erschrak, als sie die Schwester sah. Ihr Gesicht war blaß und sie sah unendlich müde aus. Elke griff nach Manuelas Hand und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
"Wie soll ich nur ohne dich weiterleben?" schluchzte sie voller Verzweiflung. "Wir waren doch immer zusammen. Ich kann nicht ohne dich sein."
Ein zaghaftes Lächeln huschte über Manuelas Gesicht. Sie drückte Elkes Hand ganz fest.
"Du brauchst keine Angst zu haben, Elke. Niemand wird uns jemals trennen können. Ich werde immer bei dir sein und dich beschützen."
Manuela ließ Elkes Hand los und schloss die Augen. Sekunden später ging ihr letzter Atemzug.
Wie in Trance erlebte Elke die Beerdigung von Manuela. Sie sprach in den folgenden Wochen kaum ein Wort. Die Lehrer beklagten sich, dass die Leistungen der sonst so intelligenten Elke rapide nachließen und sie sich kaum mehr am Unterricht beteiligte. Die Eltern führten ein langes und intensives Gespräch mit Elke, erklärten ihr, sie hätten sie bei einem Psychotherapeuten angemeldet. Elke ging zwar wie von den Eltern gewünscht zu diesem, doch auch dort sprach sie kaum ein Wort. Es verging kein Nachmittag - und es konnte noch so schlechtes Wetter sein - an dem Elke nicht auf dem Friedhof am Grab ihrer Schwester zu finden war.
Eines Tages, als sie wieder dort war, entdeckte sie ein kleines Kätzchen am Grab. Es war erst ein paar Wochen alt und von außergewöhnlicher Schönheit. Das Fell war dreifarbig - rot, weiß und schwarz. Vorsichtig näherte sich Elke um es nicht zu erschrecken. Das Tier zeigte jedoch keinerlei Furcht und lief auch nicht davon, als Elke direkt neben ihm stand. Elke bückte sich und strich über das weiche geschmeidige Fell. Es wunderte sie, woher das Kätzchen plötzlich gekommen war. Das Fell des Tieres war samtweich und wirkte gepflegt. Nein, das war nicht das Katzenbaby einer verwilderten Katze. Kurz entschlossen packte Elke das Kätzchen und nahm es auf dem Arm mit nach Hause. Ihre Eltern staunten, als sie mit dem Tier zu Hause ankam. Elke erzählte ihnen aufgeregt die Geschichte, wie sie es gefunden hatte. Die Eltern waren der Meinung, es müßte in ein Tierheim gebracht werden. Vielleicht war es weggelaufen und es gab Menschen, die es verzweifelt suchten.
Das erste Mal seit Manuelas Tod zeigte Elke eine Gefühlsregung. Mit Tränen in den Augen flehte sie ihre Eltern an, das Kätzchen behalten zu dürfen. Die Eltern stimmten schließlich zu. Falls sie jedoch erfuhren, daß jemand das Tier vermisste, mußte Elke es zurückgeben, sagten sie ihr. Elke war einverstanden. Das Kätzchen bekam den Namen Cleo.
Im Laufe der Monate wurde aus der kleinen Cleo eine wunderschöne große Katze. Elke war seit dem Auftauchen des Tieres ein anderer Mensch. Sie wirkte lustig und unbefangen - genau wie andere Mädchen in ihrem Alter. Auch die Leistungen in der Schule normalisierten sich.
Elke und Cleo wurden unzertrennlich. Selbst in der Nacht wollte Elke sich nicht von ihr trennen und nahm sie mit ins Bett.
Fast zwei Jahre vergingen.
Elkes Tante Melanie mußte wegen einer schweren Operation ins Krankenhaus. Als Elkes Eltern sie an einem Samstag besuchen wollten, fragten sie Elke, ob sie mitkommen wollte. Seit Manuelas Tod hatte Elke das Krankenhaus nicht mehr betreten und es war ein eigenartiges Gefühl für sie, an den Ort zurückzukehren, an dem sie ihre geliebte Schwester verloren hatte. Da Elke jedoch sehr an ihrer Tante hing, entschloß sie sich, mitzufahren.
Elke und ihre Eltern blieben eine knappe Stunde bei Tante Melanie. Dann verließen sie das Krankenhaus und gingen zum Wagen zurück. Aus einem plötzlichen Impuls heraus, drehte sich Elke noch einmal um und blickte zurück auf den Eingang des Krankenhauses. Auf den Stufen des Krankenhauses saß eine Katze. Ungläubig riß Elke die Augen auf. Sie war sich sicher, die Katze hatte eben, als sie die Stufen hinabgestiegen waren, noch nicht dagesessen. Und das Merkwürdigste war, die Katze sah aus wie Cleo. Elke ging langsam auf die Katze zu. Es war tatsächlich Cleo.
Das ist unmöglich, dachte Elke ganz durcheinander, das Krankenhaus ist viele Kilometer von zu Hause entfernt und außerdem hatte Cleo im Wohnzimmer geschlafen, als sie losfuhren.
Cleo saß ganz ruhig da und sah Elke nur an. Elke bückte sich und hob sie hoch. Auf dem Arm trug sie Cleo zum Wagen. Auch Elkes Eltern schauten entgeistert, als sie Cleo erkannten. Keiner hatte dafür eine Erklärung. Elke wollte sich mit Cleo auf den Rücksitz des Autos setzen, doch die Katze war auf einmal wie verwandelt. Sie knurrte und fauchte, riss sich wütend von Elke los. Mit einem Satz war sie nach draußen gesprungen und lief davon.
"Cleo!" schrie Elke verzweifelt. "Ich muss ihr hinterher."
"Elke, dein Vater muss nach Hause", wandte ihre Mutter ein. "Er erwartet einen wichtigen geschäftlichen Anruf."
"Ich kann sie doch nicht hier lassen", schluchzte Elke verzweifelt und sah die Mutter mit Tränen in den Augen an.
"Ich fahre allein", entschied Elkes Vater und wandte sich an seine Frau. "Du bleibst hier bei Elke und ihr sucht Cleo. Ihr könnt dann mit dem Taxi nach Hause fahren."
Elke und ihre Mutter nickten und liefen in die Richtung, in die Cleo verschwunden war. Und sie brauchten gar nicht weit zu laufen. Gleich um die Ecke saß Cleo, als hätte sie gewartet, dass man sie suchen kam. Widerstandslos ließ sie sich von Elkes Mutter auf den Arm nehmen.
"Na, Gott sei Dank!" atmete Elkes Mutter auf. "Was war nur vorhin mit ihr los? Sie ist doch schon öfters Auto gefahren. Hoffentlich steigt sie uns überhaupt in ein Taxi ein."
Gegen allen Befürchtungen hatten sie keine Probleme Cleo auf den Rücksitz eines Taxis zu bekommen. Elke setzte sich neben sie und streichelte sie.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Hier passiert dir nichts!"
An der nächsten Kreuzung hatte sich ein Stau gebildet.
"Auch das noch", stöhnte der Taxifahrer. "Da ist ein Unfall passiert. Sehen Sie sich das einmal an! Der Lkw hat das Auto total zusammengequetscht."
Elke und ihre Mutter sahen gleichzeitig zum Fenster hinaus und erkannten voller Entsetzen den Wagen von Elkes Vater.
Elkes Mutter ließ einen lauten Schrei los. "Das ist das Auto meines Mannes."
Sofort parkte der Taxifahrer seinen Wagen am rechten Seitenrand.
"Du bleibst hier!" wandte sich Elkes Mutter an Elke und sprang aus dem Wagen. Elke folgte mit ihren Blicken der Mutter. Ihr Vater stand unverletzt - so hatte es zumindest den Anschein - neben seinem total zerstörten Wagen. Ein paar Minuten später kehrte Elkes Mutter zurück.
"Es ist ihm nichts passiert!" beruhigte sie Elke. "Er muss noch auf die Polizei warten. Wir sollen nach Hause fahren."
Der Taxifahrer startete den Wagen und fuhr weiter. Einige Minuten später äußerte die Mutter den gleichen Gedanken, der Elke durch den Kopf ging.
"Es ist wirklich merkwürdig. Trotz des schweren Unfalls ist deinem Vater nichts passiert. Das Vorderteil des Wagens ist unbeschädigt, nur das Hinterteil ist zerstört. Mein Gott, wenn ich daran denke, dass beinahe du hinten im Wagen gesessen hättest."
Elke erwiderte nichts, sondern sah nur zum Fenster hinaus.
Während die Mutter das Abendessen zubereitete, machten es sich Elke und Cleo im Wohnzimmer bequem. Elke saß auf der Couch und schaltete den Fernseher ein. Cleo legte sich auf einen Sessel und schlief.
Nochmals ging Elke in Gedanken die Ereignisse des ganzen Nachmittags durch. Soviel war passiert für das es keine logische Erklärung gab. Vor allem wie war Cleo zum Krankenhaus gekommen? Sie war im Haus gewesen, als sie losfuhren und alle Fenster und Türen waren verschlossen. Und warum wollte sie nicht den Wagen von Elkes Vater steigen?
Merkwürdigerweise fiel Elke in diesem Augenblick das letzte Gespräch ein, dass sie mit Manuela vor deren Tod geführt hatte.
"Ich werde immer bei dir sein. Dir kann nichts passieren, denn ich werde dich beschützen", hatte sie gesagt.
Elke spürte wie ihr bei der Erinnerung an die geliebte Schwester die Tränen übers Gesicht liefen.
"Manuela", flüsterte sie immer wieder. "Ich vermisse dich so sehr."
Unwillkürlich warf Elke einen Blick zu Cleo. Bei Elkes Worten spitzte die Katze die Ohren und öffnete die Augen. Sekundenlang sahen sich die beiden nur an. Cleo erhob sich und sprang auf Elkes Schoß, als hätte sie beim Namen gerufen.
Elke streichelte das weiche Fell der Katze und plötzlich fühlte sie sich nicht mehr einsam.
Kommentare
verena schrieb am 2006-03-17 15:21:46:
Schöne Geschichte werde sie mir für meine Beschäftigten zum Lesen ausdrucken,
Hat Spaß gemacht sie zu lesen, weiter so.
creativ-head@gmx.de schrieb:
Die Geschichte gefällt mir total gut. Wirklich toll geschrieben.
Miguel schrieb:
Muy bueno.Me gusta mucho.
Què gran historia.
Es tan bueno que narro a todo mis amigos.Pero no me gusta el fin.
Pussy Cat schrieb:
Wunderschön , aber doch so eine einfache Grundidee ........
,o8 schrieb:
manno will auch ne kartze
aber eins steht fest die geschichte ist gut
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