Clown
von
Heaven
1
~ Für Micky ~
Jasper starrt vor sich auf den Tisch. Stetig kratzt er den braunen Lack von der Holzplatte. Dann fährt er sich erschöpft mit der Hand über das Gesicht. Die rote Farbe um seinen Mund verschmiert zu einer grotesken Grimasse. Inmitten der weißen Schminke erscheinen seine Augen noch dunkler als sonst und ich frage mich, wie er es jeden Abend wieder schafft, sie während der Shows so fröhlich wirken zu lassen.
Seine Beine sind unaufhörlich in Bewegung, wippen auf und ab, auf und ab, auf und ab, …
Schließlich fummelt er eine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche. Es fällt ihm schwer, die Hand ruhig zu halten, um sich eine der Zigaretten anzuzünden.
Nachdem er den ersten tiefen Zug genommen hat, spielt er nervös mit dem Feuerzeug. Lässt den altmodischen Verschluss auf und zu schnalzen. Dann lässt er es wieder zurück in die Tasche gleiten.
Unruhig wandern seine Hände über den Tisch - als würden sie Halt suchen.
Meine Hände wollen sie einfangen. Festhalten. Halt geben. Aber sie bleiben nutzlos in meinem Schoß liegen.
„Das macht mich alles so fertig.“ Die Worte purzeln mit einem Schwall Rauch aus seinem Mund. Müde. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Wie so oft.
Er schnippt die Asche von seiner Zigarette. „Carina hat jetzt auch Schluss gemacht.“ Die Asche landet ein Stück neben dem Tisch auf dem Linoleumboden und hinterlässt ein kleines Brandloch.
„In zwei Wochen ist Winterpause.“ Seine Augen sind auf die kleine Wolke vor ihm gerichtet, als versuche er etwas in den Rauschwaden zu erkennen. Doch sein Blick geht ins Leere.
„Sie hat es nicht einmal geschafft drei Monate auf mich zu warten.“ Langsam und unbarmherzig drückt er seine Zigarette in den Aschenbecher.
Meine Hand zuckt kurz in seine Richtung, aber ihre Bewegung bricht ab, noch bevor sie richtig beginnen konnte. Stattdessen zupfe ich an der Schlaufe um meinen Finger, mit der das Kostüm befestigt ist.
Allmählich beginne ich zu frösteln. Meine Strumpfhosen sind zu dünn um in dem kleinen Räumchen ohne Heizung warm zuhalten. Ich ärgere mich, dass ich vergessen habe, vor der Show meine Kleider mitzunehmen. Doch jetzt lohnt es sich nicht mehr sie zu holen.
Jasper sitzt jetzt vollkommen reglos da. Als habe er auf einmal alle seine Kräfte aufgebraucht. Wie tot.
Wenige Minuten später wird die Tür geöffnet. Mira schaut herein und bedeutet uns, dass sie und die anderen beiden fertig sind. Ich höre sie schon redend in Richtung Wohnwägen verschwinden. Wir sind die letzten.
Über den Flur gehen wir rüber ins Abschminkzimmer. Die bloßen Glühbirnen über den Tischchen sirren leise in der Stille.
Mit einem feuchten Wattebausch fange ich an die dicke Schicht Make-up von meinem Gesicht zu wischen.
Als ich fertig bin, werfe ich einen vorsichtigen Blick in den Spiegel. In der anderen Ecke des Raumes starrt Jasper ausdruckslos sein Spiegelbild an.
Ich betrachte sein Gesicht. Es fällt mir leicht, denn eigentlich ist es ja gar nicht sein Gesicht. Nur das Spiegelbild seines Spiegelgesichts.
Die Clownmaske ist mittlerweile verschwunden. Jetzt sieht man wieder die dunklen Schatten unter seinen Augen, seine ganze Erscheinung wirkt müde. Der Stress hat seine Spuren hinterlassen – und der Alkohol. Ich weiß, dass er trinkt. Es ist auch nicht verboten – wir müssen bei den Shows unseren Job machen und immer lächeln, der Rest ist ihnen egal. Solange es im Stillen stattfindet, hinter den Wänden der Wohnwägen, wo es niemand sieht, kümmert es sie nicht.
Es kümmert sie nicht, dass er sich kaputt macht, wenn er für sie nur weiter funktioniert.
Schnell schließe ich die Augen, senke den Blick und betrachte den Staub vor dem Spiegel. Staub. Gespiegelter Staub. Und dazwischen sein Gesicht.
Dann höre ich Schritte durch das Zimmer gehen. Ich sehe auf und wende mich vom Spiegel ab. Schweigend gehen wir zur Tür. Sein Blick ist leer.
Im Gang ist es vollkommen still, nur in der Ferne hört man das Rauschen der Autos. Mir ist immer noch kalt.
Er wendet sich nach links und geht in Richtung Ausgang. Ich wende mich nach rechts. Der leere Gang sieht mich an. Die Tür an seinem Ende ist im spärlichen Licht der einzelnen Neonröhren nur zu erahnen. Ein Schemen in der trüben Dunkelheit. Unschlüssig bleibe ich mitten im Gang stehen.
Halb drehe ich mich wieder um und blicke Jasper hinterher. Er nähert sich beharrlich dem Ausgang. Verschwimmt immer mehr mit den Schatten und verschwindet langsam aus meinem Sichtfeld.
Meine Hände spielen nervös miteinander. Warum fallen mir nur nie die richtigen Worte ein?
Mein Atem geht unregelmäßig. Mehrmals hole ich tief Luft, doch ich kann keinen Anfang finden.
Am Ende des Ganges ist Jasper an der Tür angekommen. Mein Herz klopft verzweifelt.
„Jasper!“ - Es klingt seltsam verloren. Ich stelle mir vor, wie der düstere Gang seinen Namen verschluckt - ihn nicht bis zu ihm durchdringen lässt.
Lange Zeit bleibt er stehen. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor; vielleicht vergeht in Wirklichkeit nur eine Sekunde.
Doch dann dreht er sich um. Das erste Mal an diesem Abend, nein, das erste Mal seit Wochen, sieht er mir in die Augen.
Es ist wie ein starker Luftzug, der mir für einen Moment den Atem raubt. Mühsam versuche ich die Worte herauszubringen.
„Willst du, …“, ich räuspere mich, „ich meine, … hast du Lust noch ein bisschen … mit zu mir rüber zukommen?“ Ich weiß, dass es verboten ist - Keine Treffen nach der Show! - aber es ist mir egal. Die Hoffnung lässt sich nicht aus meiner Stimme verdrängen.
„Es ist abends immer so langweilig alleine …“ Und einsam. Unsicher sehe ich ihn an – in seinem Gesicht ist keine Regung zu erkennen. Ich beiße mir auf die Lippe, es kommt mir vor als hätte ich eine unsichtbare Grenze überschritten; eine Grenze die er selber um sich gezogen hat.
Automatisch weiche ich zurück. Eine Entschuldigung liegt auf meinen Lippen und in Gedanken bin ich schon im Gang und an der Tür.
Da verändern sich seine Züge plötzlich. Ein leichtes Lächeln legt sich auf seine Lippen.
Es ist kein großes, strahlendes Lächeln – nur ein kleines - aber ein ehrliches.
Mir fehlen die Worte. Regungslos sehe ich ihn an. Ich kann mich nicht erinnern, ihn schon einmal so lächeln gesehen zuhaben. Eigentlich kenne ich nur das blendende, einnehmende Lächeln – den Schein. Zaghaft lächele ich zurück.
Und auch wenn der matte Lichtschein der Neonröhren sich nicht verändert hat, kommt es mir so vor, als wäre der triste Durchgang gerade ein bisschen heller geworden.
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Kommentare
Tollens schrieb am 2009-01-15 22:43:50:
Schön.
Ich hab eine Gänsehaut bekommen...
Die ganze Zeit traurig und die Gefühle schön beschrieben. Wirklich gut. Manchmal nur mir einem Wort aber alles macht einen Eindruck...
Und endlich mal n Happy End :-)
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