Cowboy in Sandalen
von
Markus Schwarz
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Knack…Das war das Geräusch, dass mir signalisierte, dass jemand zur Tür eingetreten ist. Knack; damit begann die gesamte Geschichte…nein, eigentlich begann sie mit einem „Poch, poch“…eines jener „poch poch“, die mich schon warnten und mir verraten sollten, wie der Tag werden würde.
Er stand in der Tür. Die langen Arme beladen mit Dokumenten jeglicher Art. Was es genau war? Er würde es mir später erzählen, ich würde nicken, nebenbei, gespannt auf meinen Computerbildschirm starren und später nicht die Hälfte von seinen Worten zusammen bekommen.
„Herrich“, sagte er, die Augen verwirrt durch den Raum gleitend, „Herrich, wir haben ein Problem!“ Ich mochte es nicht, wenn er mich beim Nachnamen nannte. Wozu haben wir alle einen Vornamen, wenn er doch nie gebraucht würde? In frühester Kindheit nennen wir unsere Erzeugerin „Mama“ und unseren Erzeuger „Papa“. Niemals würden wir auf die Idee kommen, „Claudia“ nach der nächsten Mahlzeit zu fragen, oder „Heinz-Peter“ um eine verlängerte Aufenthaltsgenehmigung bei unserem besten Freund zu bitten.
Hier jedoch, im 12. Stockwerk des Gebäudes – eine gelungene Mischung aus Gewächshaus und gläsernem Gefängnis übrigens – ist man nur Herrich, Schulze oder Klarmanikov. Über die Existenz Letzteren möchte ich mich jedoch nicht streiten müssen.
Nun denn, laut Humpe haben wir ein Problem.
Nur kommt es jetzt darauf an, was Humpe als Problem definiert. Humpe ist der Typ Mann, für den das Öffnen einer Tür bereits ein nicht zu bewältigendes Problem darstellt. Seine Frau ist genauso schlimm…Moment…hat er überhaupt eine Frau?
„Ist das denn soweit in Ordnung, Herrich?“ Ich schreckte leicht auf. –„Jaja, Humpe, machen Sie das genau so und nicht anders!“ Spätestens jetzt hätte mich Humpe´s noch verwirrterer Blick aufhorchen lassen sollen. „Tatsächlich? Genau… so? Mit all den Konsequenzen? Wissen Sie, Herrich, Sie haben die Verantwortung für den Laden hier und ich möchte…“ –„Lassen Sie es gut sein, Humpe, machen Sie das, was Sie für rich… das, was Sie mir gerade vorgelegt haben! Genau so! Nicht anders! Guter Mann!“ Ich stand auf, schob ihn unter Verwunderung seinerseits mit freundlichem Druck die Tür hinaus, schloss sie unter noch größerer Verwunderung seinerseits, atmete tief durch und sank zu Boden. Sah auf die Uhr. Sah wieder zu Boden. Verdammt!
Ich stürzte zum Telefon, wählte hastig die Nummer, entschuldigte mich bei der alten Dame, wählte erneut, verneinte die Anfrage nach Käse auf meiner Pizza, legte auf, wählte „Raute hundertelf Raute“ und räusperte mich, bevor sie abhob.
„Herrich?“, seufzte eine schwache Stimme ins Telefon. –„Schatz, hey, wie geht’s Dir? Übrigens, ich werde heute etwas später nach Hause kommen, warte nicht mit dem Essen auf mich, hörst du? Die Kinder? Klaar, ich hol sie ab…wie? Gestern? Vergessen? Ja, du weißt, es ist im Moment ein wenig stressig hier in dem La…ja, ich denke dran…einkaufen? Was denn? Oh Schatz, es klopft gerade an der Tür, ich ruf dich zurück, ja? Ich dich auch!“ Ich legte auf. Es würde mir später noch leidtun.
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Es klopfte tatsächlich. „Herein“, rief ich mit dem Tonfall, den man so hat, wenn man gerade eine Horde Stiere durch Pamplona gejagt hat.
„Dirk, alles klar bei dir?“, fragte eine Männerstimme unsicher. Es war Holzmann, der aus dem zweiten, der immer den Kaffee für uns kocht, wenn wir wieder eine Sitzung oder sonstein unnötiges firmenerhaltendes Ritual praktizieren. Nebenbei, er kocht ihn fürchterlich. Vielleicht ist das der Grund, weswegen ich seit Jahren auf Konferenzen jeglicher Art ausschließlich Tee trinke. Vielleicht war der erste Kaffee, den ich unter dem Kaffeemaschinen-Kommandanten Holzmann trank, das traumatisierendste Extrakt, dass ich jemals wahrgenommen habe. Holzmann, die Flasche! Stand jetzt in meinem Büro, schaute mich mit diesem „Ich-weiß-dass-sie-mich-nicht-leiden-können-aber-ich-werds-euch-allen-noch-beweisen“-Blick an, der mich schon während seines Vorstellungsgespräches angewidert hat. Aber nein, Frau Eisenhardt musste ja auf seine Erpressungsversuche eingehen, bei Nichteinstellung kämen peinliche Details zu Tage.
Kennen wir das nicht? Im frühesten Kindesalter gibt es in eigens zur kindlichen Selbstdarstellung und Willensdurchsetzung – und zum Zwecke der minderen Freizeitbeschaffung zugunsten der Eltern – errichteten Anstalten, auch Kindergärten genannt, irgendeinen Volltrottel, der einem die Legosteine klaut, nur um den höheren Turm zu bauen und zu jeder Zeit seitens des Pflegepersonals – der Erzieherinnen – fugendicht mit Lobpinseleien eingedeckt wird, während er mit einem dreckigen verräterischen Grinsen hinter dem Erzieherinnenrücken einem selbst den Drang vermittelt, die Legosteine möglichst bald als Wurfgeschosse gegen ihn zu missbrauchen. Genau so einer war Holzmann! Denke ich. Nun stand er hier, der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee drängte sich durch mein Büro wie eine Schafherde durch den Weidenzaun. Und er wollte was. Er redete. Ich nicht. Er ging davon aus, dass ich etwas verstehe. Ich nicht. Er roch nach Kaffee. Ich nicht. Er sah mich an. Ich sollte etwas tun.
„Nun denn, Herr Holzmann. Ich halte die Idee für ausgezeichnet! Machen Sie das! Überhaupt, Sie sind DER Mann hier! (Anmerkung: Betonen kann ich wirklich überzeugend gut) Worauf warten Sie noch! Ab, runter, realisieren Sie das Ganze! Auf, auf!“, sagte ich in die Hände klatschend, während ich aufstand und ihn mit sanftem Druck in Richtung der Tür schob! Doch plötzlich blieb ich stehen und hielt inne. Hat er mich eben geduzt? Hoffmann, dieser Versager, kommt in die Chefetage und duzt mich, so, als würde meine Türe den ganzen Tag offen stehen und ein riesengroßes „OPEN“-Schild meinen Eingang schmücken, während hinter meinem 25.000 €-teurem Panoramafenster die hell erleuchteten Casinos der Stadt blinken. Fehlt nur noch, dass er hier im Anzug auftritt, dieser…Kaffeekocher!
„Holzmann, so geht das nicht“, sagte ich in einem Ton, der mich erzittern ließe. Nachts. Nach viel Alkohol. Im Winter.
„Wie?“ Holzmann schaute mich verdutzt an. „Was meinst du?“
„Du – ähm – Es geht einfach nicht, dass Sie mich duzen! Ich bin immerhin Ihr Vorgesetzter!“ Dieser Tonfall klang schon schärfer. Respekt. Das funktionierte derart nur selten.
-„Dann benimm dich gefälligst wie einer!“, schrie Holzmann und eh ich mich versah, knallte die Tür in den Rahmen und das gesamte Gebäude drohte einzustürzen. Das war deutlich! Ich soll mich wie einer benehmen? Also gut, gleich morgen werde ich damit beginnen.
Das Telefon klingelte. Ich hob ab.
„Schmidtchen, haben Sie schon Dienst? Pizza? Ja, hoch in den zwölften! Ja, ich bezahle. Wie? Ich soll herunterkommen? Was bildet… schon gut, ich bin unterwegs!“
Entnervt trat ich aus der Bürotür auf den Gang. Seltsam, wie leer er während der Mittagspausen doch war. Ansonsten rannte hier stets die Elite der Geschäftsführung gestresst von einer Tür zur nächsten. Erreichten sie jedoch ihr eigenes Büro, nahm der Stress plötzlich schlagartig ab. Ich ging am Kopiercenter vorbei, dort, wo die
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