DAEFELIA
von
Christian Heynk
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DAEFELIA
von Christian Heynk
Im Jahre 1974 veröffentlichte die englische Sussexmedia Corporation einen experimentellen Zeichentrickfilm, der eigentlich für Kinder konzipiert war, aufgrund seiner drastischen Symbolik und subtilen Weltuntergangsszenarien vier Jahre später aber vom British Board of Media Control indiziert und vom Markt genommen wurde. Der Film trug den Titel Daefelia. In diesem Schwarzweißfilm ging es um eine Katzenfamilie, deren Junges, Felicia, nachts davon träumt, wie der vorhandene Vorrat an Milch aufgebraucht wird und wie die Gemeinschaft der Katzen beginnt, sich stattdessen von Menschenblut zu ernähren. In einem sich anbahnendem Überlebenskampf entwickeln die Katzen immer perfidere Methoden, um an Menschenblut zu gelangen. Die Menschen ihrerseits wiederum versuchen Hunde, Füchse, Vögel und sogar Schweine auf das Töten von Katzen abzurichten und so den Erhalt ihrer eigenen Spezies zu gewährleisten. In einem apokalyptisch anmutenden Entscheidungskampf sterben schließlich die letzten Vertreter der Gemeinschaft der Katzen und Felicia, der einzigen Überlebenden, wird die Legende von Daefelia, dem Katzenparadies, anvertraut. Am nächsten Morgen, aus dem Albtraum erwacht, macht Felicia sich allen Unkenrufen zum Trotz auf die Suche nach Daefelia. Eine Odyssee homerischen Ausmaßes schließt sich an, in der Felicia erkennt, dass sowohl die Menschen als auch die anderen Tiere in Wirklichkeit nur ein Spiegel ihrer Selbst und daher Freunde sind.
Grace, zu der Zeit, als der Film verboten wurde, vier Jahre alt, liebte Daefelia.
„Wir ziehen zurück!“
Es war 1979. Graces Mutter und Graces Vater gaben die Wohnung in Brighton auf und zogen nach Deutschland. Da Grace keine Vorstellung von diesem Land auf der anderen Seite des Flusses hatte, versuchte die Mutter, ihr das Land zu erklären.
„Wir ziehen in das Land von Frau Holle, das Land von Rumpelstilzchen und Dornröschen. Es gibt dort Schlösser und Burgen und dunkle Wälder, in denen du dich verläufst, wenn du dir den Weg nicht merkst!“
Grace freute sich. Es war, als ob all die Geschichten, die ihre Mutter ihr bis dahin vorgelesen hatte, nun wahr werden würden. Daefelia, dachte Grace. Wir fahren nach Daefelia.
Am Abend vor der Abreise konnte sie vor Aufregung nicht schlafen. Ihre Mutter musste sie in den Schlaf wiegen. Sie sang:
Ba-Ba-black sheep, have you any wool,
Yes, sir, yes, sir, three bags full,
One for the master,
One for the dame,
One for the little boy
Who lives down the lane.
Ba-Ba-black sheep, have you any wool,
Yes, sir, yes, sir, three bags full!
Graces Vater war Deutscher. Er hatte an der 1961 in Brighton gegründeten Universität von Sussex gearbeitet und kehrte nun nach Heidelberg zurück. Auch die Mutter von Grace freute sich auf Heidelberg, schließlich hatte sie ihren Mann 1965 dort kennen- und lieben gelernt. Sie hielt Heidelberg für einen der wenigen Orte in Deutschland, in dem die alte und glorreiche germanische Tradition noch existent war. Sie empfand Heidelberg als eine Insel inmitten eines Meeres der Zerstörung. Auch wenn die fleißigen Deutschen viele Städte schon lange wieder aufgebaut hatten, sprach Graces Mutter immer von den Trümmerstädten, wenn sie von Köln, Hamburg oder Dresden redete. Für sie war Heidelberg eine Zeitmaschine, mit der sie sich in die von ihr innig geliebte Vergangenheit katapultieren konnte. Mindestens einmal pro Woche stieg sie mit Grace auf den Vorsprung des Königstuhls, um vom Schlosshof aus auf den Neckar und die umliegenden Gebirge zu schauen. Grace selbst glaubte dann jedes Mal, im Schloss von Dornröschen zu sein, das nun, alt und verwittert, das letzte Zeugnis dieser märchenhaften Geschichte war.
Im Gegensatz zu ihrer Mutter lernte Grace sehr schnell das deutsche Idiom. Da Grace mit jeder Sprache eine feste Bezugsperson verband – das Queen’s English mit ihrer Mutter und den preußisch-deutschen Tonfall mit ihrem Vater – kam es auch nie zu irgendwelchen Komplikationen, wie sie in anderen, bilingualen Familien häufiger auftreten. Grace wechselte ohne Probleme vom Deutschen ins Englische, nahm in beiden Sprachen einen authentischen Akzent an und wurde folglich sowohl von Deutschen als auch von Briten für eine Einheimische gehalten. Auch intellektuell gesehen ermöglichte diese Kombination zweier Kulturen Grace ein schnelleres Voranschreiten im schulischen Bereich. Es wäre vermessen, sie als überbegabt zu bezeichnen – ihre mathematischen Fähigkeiten ließen beispielsweise sehr zu wünschen übrig – aber sie war doch ein wenig offener, kreativer, phantasievoller und aufgeweckter als ihre Grundschulkameraden.
Eines Tages kaufte Graces Vater einen Malkasten mit Acrylfarben. Er gab seiner Tochter eine Leinwand und einen Pinsel und ließ sie dann alleine in ihrem Zimmer. Er selbst schloss sich für drei Stunden in seinem Arbeitszimmer ein um ungestört eine Biographie über Generalfeldmarschall Erwin Rommel lesen zu können. Da Graces Vater selbst im deutschen Afrikakorps gedient hatte, verschlang er das Buch geradezu. Bestens im Bilde über die Vorgänge in Afrika zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, meinte Graces Vater, einige Ungenauigkeiten und sogar grobe Unwahrheiten in dem Buch entdeckt zu haben. Die Buchstaben und Bilder des Buches erweckten einige schöne und einige weniger schöne Erinnerungen wieder zum Leben, und Graces Vater erwischte sich in den drei Stunden ein ums andere Mal dabei, wie er vom Buch aufschaute, aus dem Fenster in die Ferne sah und einen glasigen Blick bekam. Er dachte an den großen Krieg, an die Kameraden, die er verloren hatte, an Artillerie, Schrapnell und Streufeuer, an die sandigen Dünen und die wilde Wüste, an El Alamein und die sengende Hitze der satten Sonne. Er musste unweigerlich an Sand denken, aber nicht an gewöhnlichen Sand, sondern an von Blut verfärbten Sand, in dem die Stiefel keinen Halt fanden und in dem man das Gefühl hatte, beständig tiefer zu versacken, bis man schließlich durch den Sand hindurch fiel.
Als Graces Vater die letzte Seite des Buches zu Ende gelesen hatte und das Buch schweren Herzens wieder zuklappte, merkte er, wie durstig er war. Er hievte seine müden Knochen zurück in die aufrechte Position und machte sich auf den Weg in die Küche. Als er an Graces Zimmer vorbei kam, horchte er an der Tür. Für einen Moment meinte er, das Miauen von Katzen zu hören.
Als er die Tür öffnete, quietschte diese aufs Grässlichste.
Grace saß auf dem Boden. Um sie herum lagen etliche Maltuben verstreut und einige Farbspritzer hatten den Teppich bereits verunstaltet. Da Grace mit dem Rücken zur Tür saß, konnte ihr Vater zuerst nicht sehen, was sie in den drei Stunden seiner Abwesenheit zuwege gebracht hatte. Und weil Grace trotz der quietschenden Tür sein Hereinkommen nicht bemerkt hatte, schaute sie auch nicht auf. Sie schien immer noch ganz versunken in ihrer Arbeit und emsig ließ sie den Pinsel über die Leinwand fahren.
Behutsam trat Graces Vater näher auf seine Tochter zu. Langsam eröffnete
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Kommentare
Piaf schrieb am 2010-10-23 19:09:35:
Ich mag deinen Erzähl-stil sehr, es wirkt alles so logisch und realistisch. Vor allem diese geschichts-Ereignisse, echt klasse. Es war jetzt nicht DER Horror aber das hat mir gerade gut gefallen... :o).
Den Schluss finde ich sehr gut. Es hätte ,glaube ich, ein bisschen den Zauber zerstört wenn jetzt das ganze noch erklärt werden würde usw. also wenn es noch weitergegangen wäre. Es is doch auch klar was passiert sein muss oder? Sogar der Anruf vom Krankenhaus wäre, meiner Meinung nach, garnicht nötig gewesen... ;o)
Echt klasse Story, freue mich auf noch mehr Geschichten von dir.
benny schrieb am 2008-03-15 11:18:43:
wow sehr schöne geschichte und vorallem auch spannend
hat mich gefreut ma wieder was gutes zu lesen mach weiter so freu mich auf mehr von dir
mfg benny
alexandermangoldt@hotmail.de schrieb am 2007-11-30 20:27:31:
Als Verfasser dieser Geschichte verstehe ich die Kommentare nicht. Die Geschichte ist zuende als der Vater sagt: "Das muss das Krankenhaus sein!". Weiter geht es nicht. Ich finde auch nicht, daß es ein abruptes Ende ist, eher ein logisches! Vielleicht müsst ihr die Geschiochte einfach noch mal lesen, vuielleicht macht der Schluß dann mehr Sinn!
JazzMina schrieb am 2007-10-13 00:21:35:
kann nur meinen vorrednern zustimmten
hab richtig gebant gelesen und hoffe es gibt auch noch das ende
wirklich spanend
Sonnenwoelfin schrieb am 2007-07-15 20:05:55:
Wow! Das ist mal ne geschichte die so richtig Stephen-King-mäßig ist ;) und das abrupte abbrechen ist gerade das spannende daran ;) wie gesagt...: wie stephen King :D
Sarina schrieb am 2007-05-23 11:25:38:
Grossartige Geschichte! Die Einbindung der geschichtlichen Begebenheiten ist genial! Ausserdem sehr flüssig und ansprechend geschrieben.
Habe gleich Daefelia gegoogelt; hab das mit dem Trickfilm für bare Münzen genommen... :-)
Annemarie (aenni@tischlerei-boenisch.com) schrieb am 2007-04-27 20:58:58:
warum bricht diese geschichte einfach ab? ich finde sie schon spannenend... nur das sie einfach abbricht find ich nicht so gut... wie endet diese geschichte???
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