 |
|
 |
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln. |
 |
 |
 |
|
|
 |
 |
DAS LEBEN IST WIE EIN LABYRINTH !
von
Melusine Silber
1
„DAS LEBEN IST WIE EIN LABYRINTH !“
... eine symbolische Betrachtung ...
Eine große Ruhe breitet sich aus meinem Inneren aus und umhüllt mich wie ein warmer Mantel. Über mir erhebt sich ein unendlich erscheinendes Rippengewölbe. Ich fühle mich leicht, und wachse in der Weite des Raumes. Ohne dass ich mir dem so richtig bewusst bin, wird mein Geist nach oben gezogen. Überwältigt von der Größe und Schönheit der Kathedrale von Chartres setze ich mich auf einen der vielen kleinen Holzstühle, die in engen Reihen dort aufgestellt sind, wo ich normalerweise die üblichen Kirchenbänke erwartet hätte. Wundersame Lichtspiegelungen dringen durch tausend bunte Scheiben der antiken Glasfenster, um das weihrauchgeschwängerte Zwielicht zu beleben.
In dieser Abendstunde bin ich fast alleine an diesem heiligen Ort, es dringen nur vereinzelte Schritte und leises Geflüster an meine Ohren. Ich schaue mich um und lass dies alles auf mich einwirken. Zu meinen Füßen sehe ich dunkle Linien die in den Steinboden eingelassen sind, ich versuche ihnen unter den Stühlen mit meinem Blick zu folgen, was mir jedoch nicht gelingt, denn die Zeichnung die sie in den Boden malen scheint groß zu sein.
Von der anderen Seite der Stuhlreihen dringen Wortfetzen eines Mannes, der an eine Handvoll Zuhörer spricht, zu mir herüber: „Viele Kathedralen die der Notre-Dame gewidmet sind besaßen diese Labyrinthe, eigentümlich daran ist, dass bei all diesen nur ein Weg existiert, der sich ständig um sich selber windet und langsam aber sicher in die Mitte des Kreises führt!“
Wie aus dunklem Nebel tauchen plötzlich die Worte meines Großvaters wieder auf:
„Das Leben ist wie ein Labyrinth!“ Er sagte es immer wieder, bis ich ihn einmal fragte, was er damit meinte. „Im Laufe des Lebens eines jeden Menschen gibt es viele Strassen die er begehen kann, viele Abzweigungen, die augenscheinlich in eine ganz andere Richtung führen, viele Abkürzungen und Sackgassen ... Wir gehen all diese Strassen entlang und erkennen meist früher oder später im Leben, dass wir viel falsch gemacht haben und nicht die richtigen Strassen gewählt haben. Dann würden wir gern zurückkehren, um von neuem zu beginnen und andere Wege einzuschlagen; was aber leider nicht mehr möglich ist!
In den Wirren des Labyrinths des Lebens kommen nur sehr wenige wirklich dort an, wo sie auch hinwollen. Die meisten verlieren sich auf halber Strecke, weil sie sich selbst aufgeben und nicht ihrem eigenen Weg, sondern dem des Vordermannes folgen ...“ Mein Großvater schaute mich dabei bedeutungsvoll an: „Nur wenn du dein Ziel ständig vor Augen behältst wirst du es auch irgendwann erreichen, und alle Abwege werden dich dennoch zum Ziel führen!“
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals sehr traurig wurde. Das geht mir auch jetzt wieder so, denn so wie damals als kleines Mädchen, habe ich auch jetzt, nach gut dreißig Jahren noch kein konkretes Ziel vor Augen. Manchmal kommt es mir eher so vor, als ob ich, wie ein verlassenes Boot über den Tiefen der Ozeane, auf den Wogen der Zeit schwimme.
Ich erhebe mich und versuche erneut den Linien des Labyrinths, das unter den Stühlen verborgen liegt, zu folgen. Die Wege schlängeln und drehen sich wie in einem magischen Tanz um sich selbst. Bald verstehe ich was der Mann vorhin gemeint hatte, es gibt in diesem Labyrinth keine Sackgassen, aber auch keine Abkürzungen - ein langer Weg führt langsam aber sicher bis zur Mitte dieses kreisrunden Labyrinths.
„Dann gibt es in diesem Labyrinth gar keine Möglichkeit Fehler zu machen; es gibt nur einen langen, langen Weg ...“, überlege ich mir.
„Du musst nur ganz tief in dich hineinschauen und auf dein Innerstes hören, denn dort liegt dein Ziel verborgen!“ Ich erschrecke, denn ich habe die Frau neben mir gar nicht bemerkt. „Folge nicht deinem Vordermann“, sagt nun auch sie, genau wie mein Großvater vor Jahren, „sondern folge nur dem Weg den du in dir trägst. Versuche nicht, dir mit dem Schwert in der Hand deinen Weg zu bahnen und dein Handeln zu unterstreichen, denn oft ist es gar nicht dein Wille auf den du mit Waffengewalt bestehst. Wenn du nie vergisst auf deine innere Stimme zu hören, dann gibt es keine Sackgassen, dann sind die Umwege nichts weiter als ein Tanz um das Zentrum deines Seins.
Das ist das Geheimnis dieses Labyrinths und das große Geschenk der „Notre-Dame“ an dich!“
Ich drehe mich erneut nach ihr um, sehe aber nichts als die leeren Stühle, die in engen Reihen dort aufgestellt sind, wo ich normalerweise die üblichen Kirchenbänke erwartet hätte ...
Melusine Silber (Januar 2008)
1
Kommentare
Ute schrieb am 2012-01-11 19:40:56:
Ich finde es sehr gut beschrieben - unsere Suche nach dem Sinn des Lebens und unseres Seins.
Haben wir kein Ziel mehr vor uns und damit keine Aufgabe, dann ist unser Leben wertlos oder wir sind schon am Ziel unseres Lebens. Möge jeder am Ziel ankommen und auf ein erfülltes Leben zurückblicken können. Danke!
Auch der Kommentar von Dirk regt einem zum Nachdenken an und ich finde ihn gut und eine sinnvolle Ergänzung.
Dirk Bachem, http://dibaem.kulturserver-nrw.de/ schrieb am 2009-10-25 17:24:18:
Die Geschichte hat mich sofort berührt, weil sie etwas beschreibt, dass ich von mir selber kenne: die Suche nach dem Ziel, dem richtigen Weg; manchmal die Reue über vermeintliche Sackgassen oder abgebrochene Wege. Sie zeigt, dass es so etwas wie Brüche garnicht gibt, nur Erfahrungen. Alles deutet auf das Ziel, auch wenn manche Schlaufen des Labyrinths sehr weit vom Zentrum entfernt sind. Als Castaneda-Leser kommt mir natürlich sofort der "Weg mit Herz" in den Sinn. Zitat:
"Ist dieser Weg ein Weg mit Herz?
Alle Wege sind gleich: sie führen nirgendwo hin.
Ist es ein Weg mit Herz?
Wenn er es ist, ist der Weg gut; wenn er es nicht ist, ist er nutzlos.
Beide Wege führen nirgendwo hin, aber einer ist der des Herzens, und der andere ist es nicht.
Auf einem ist die Reise voller Freude,
und solange du ihm folgst, bist du eins mit ihm.
Der andere wird dich dein Leben verfluchen lassen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich."
Das klingt brutal endgültig, aber an anderer Stelle wird gesagt, dass es keine Schande ist einen einmal eingeschlagenen Weg zu verlassen, wenn man feststellt, dass man ihn nicht mehr gehen will. Vielleicht geht es um die richtige Haltung, nicht gewalttätig oder ängstlich, auch nicht zaudernd sondern offen für die innere Stimme.
Deine Geschichte bringt eine Seite in mir zum klingen, eine, die ich manchmal verdrängen möchte um eine Klarheit der Richtung nicht zu gefährden, von der ich doch weiss, dasss es sie nicht gibt. Gerade die Ungewissheit aushalten, das Vertrauen, dass ich geführt werde, das ist das Sinnbild. In der Kathedrale ist das Labyrinth vielleicht der Weg zu Gott, aber es geht wie du schreibst, auch um das "Zentrum des Seins". Interessant ist ja auch, dass man in einem Labyrinth immer wieder die gleichen Stellen passiert, nur jedesmal näher am Zentrum.
Ich muss sagen, dass deine Geschichte so etwas wie mein Lebens-Thema spiegelt: die Suche nach dem Weg. Vielleicht geht es uns allen so, nur sind wir vielleicht oft zu beschäftigt oder es ängstigt uns, über den Weg, die innere Stimme, nachzudenken bzw. zu horchen. Mir geht es jedenfalls oft so.
Für mich steckt in deiner Betrachtung ein riesiges Thema, symbolisch dargestellt und lebendig geworden durch die Erinnerung an den Großvater.
Ich finde, es gibt an der Geschichte nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen, für mich ist sie selber wie ein Labyrinth, daß am Ende wieder zum Ursprung zurückkehrt, nur auf einer höheren Ebene.
Hab Dank dafür.
Auch dafür, dass sie mich glauben macht, es gibt Andere die ähnlich empfinden.
Es schimmert eine Verbundenheit hindurch, auch über Zeitalter; Dass es immer welche gab und geben wird, die sich ähnliche Gedanken machen über ihren, über unseren Weg als Menschen.
So, nun ist es genug. Ich hoffe, meine freie Interpretation oder Deutung ist nicht allzu abwegig oder irgendwie verletzend, denn das war sicher nicht meine Absicht.
Meinen tiefsten Respekt vor deinem Text.
alles Gute und weiter auf dem Weg
Dirk
Kommentar hinzufügen
|
 |
|
|