DIE ABENDDÄMMERUNG
von
Lex Divina
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DIE ABENDDÄMMERUNG
ist ein Liebesakt ohne Berührung.
Als würde ein hochklassiger Pianist – im Sog künstlerischer Ekstaseströme – mit seinen in musikalischen Rhythmen bibbernden Fingern und hochsensiblen Fingerspitzen über die schwarz-weißen Klaviertasten hin- und hergleiten, tänzeln plattgedrückte, in schimmernde Abendfarben getauchte Wölkchenstreifen das Balkongeländer entlang. Als wären sie Gourmetkäsescheiben, die über einem unsichtbaren Stück Vollkornbrot schweben, hat die hinter dem Horizont langsam und leise entschwindende Sonne sie mit ihren blutroten, sich im Halbschlaf wiegenden Augen mit winzigkleinen Löchern durchbohrt, damit sie in Form von sich in Kreisen drehenden Lichtsprossengesichtern auf der, wegen des kaum wahrzunehmenden Windatems, der im Begriff ist, mit seinem Hauchmeißel eine Nachtstatue aus dem Tagessteingerümpel zu formen, sich in Wellen bewegenden Oberfläche der zugezogenen Satinfenstergardinen widergespiegelt werden.
Als wären sie verspielte Lichtwatteflöckchen mit sorgfältig zerfetzten Rändern, wirbeln die Abendsonnenlichtmuttermale durch den schattenreichen Raum und legen sich wie in eisiger Kälte bibbernde Glühwürmchen auf der leicht angespannten Hautoberfläche seines angeregten Körpers nieder. Hie und da lassen die durch die Hautporen entschwindenden Wärmenebelchen sie wie gereizte Elektronen aufsteigen und, hin- und herschwebend, die Konturen seines nackten Körpers mit sensiblen, kaum wahrzunehmenden Pinselstrichen eines impressionistischen Aktmalers immer und immer wieder nachzustreichen, damit die Grenze zwischen der schlafenden Seele und des wachen Körpers erhalten bleibt, denn in einem in der Abenddämmerung ertrinkenden Zimmer neigt die Essenz der Formen, wegen des lauten Geschreis der Schatten, stets dazu, ihr Gehör zu verlieren.
Auf seinen geschlossenen Augenlidern, deren rhythmisches Zittern den Versuch der Träume, in die Welt des Wachseins hineinzudringen, Preis geben, sammeln sich winzigkleine Sandkörnchen an, die wegen der unruhigen Augenlider wie Sandstückchen im Sieb eines Goldgräbers nervös auf- und abspringen, wobei die extrahierten Goldkrümel die ineinandergeflochtenen Unter- und Oberwimpern zusammenkleben und sie wie auf einer mit Butter bestrichenen Brotscheibe mäandrierenden Honigstreifen glitzern lassen. Ein Schmetterling ruht sich auf seinen leichtgeöffneten Lippen aus, flattert im Zeitlupentempo mit seinen Flügeln, um mit sanften Windstößchen das Zahnfleisch zu massieren, die Zungenpapillen geschmacklich zu verwirren, die Mundhöhle und den Rachen zu durchlüften, und bestäubt mit seinem Rüssel die Zahnzwischenräume, die sich wie mit Regentropfen besprühte Dachrinnen vom Zahnweiß emporheben. Aphrodite hält seinen Kehlkopf in den Händen und bewundert im glatten Schalenmantel des goldenen Adamsapfels mit der Überschrift „Der Schönsten.“ ihr auf ewig schön und jung bleibendes Antlitz. Marienkäfer brummen um seine ins blasse Purpurrot getauchten Brustwarzen und spielen verstecken in der Flora seiner Brustlandschaft, die leichtem Atembeben ausgesetzt ist, um im Trommeltakt des Herzschlags die Schwingungen der Traumbilder aufzufangen und auszugleichen. Eine Antilope galoppiert durch die Steppe und bleibt am Rand seines Bauchnabels stehen. Sie striegelt kurz mit ihren Ohren, beschnuppert mit ihrer feuchten Schnauze die Luft und lässt anschließend ihren Kopf in den mit frischem Mineralquellwasser gefüllten Brunnen abtauchen, um ihren Durst zu stillen, während hie und da ein Skorpion mit der Giftschwanzspitze seinen eigenen Namen in den straffen Bauchgobelin hineinstickt. Dohlen durchstreifen mit ihrem Kreischen sein Sinaigebirge und wecken von Zeit zu Zeit das Interesse der sich labenden Antilope, da die Schatten ihrer hoch in der Luft schwebenden Körper manchmal in der Wasseroberfläche des Brunnens widergespiegelt werden, so dass der Anschein geweckt wird, vom Tageslicht angelockte Fische würden nahe der Wasseroberfläche schwimmen, um nach Luft zu schnappen, da die Antilope mit jedem ihrer Züge dem Wasser Sauerstoff entlockt. Rehe lecken den salzigen Geschmack seiner freiliegenden Eichel ab und zwingen sie dadurch zur kirschenähnlichen Errötung, als blickte man ins Gesicht eines in Verlegenheit gebrachten Kleinkindes, das beim heimlichen Bonbonnaschen vor dem Mittagessen erwischt wurde. In der Talenge verringert sich der Steilhang des Sinaigebirges und mündet in zwei aneinandergepressten, kugelförmigen Hügeln, deren Relief seitens des durch den ganzen Körper wandernden und sich im Hodensack ansammelnden Herzschlags immer wieder kaum vernehmbar aufgekrauelt wird. Wenn man genau hinhört, kann man dem Geflüster der Spermien lauschen, die wie Olme, deren Körperumrisse wie Finger durch einen Teller aus chinesischem Porzellan durchsickern, umherschwirren. Regenwolken ziehen wie donnernde Liebhaber die Beine entlang und liebkosen mit den abgeladenen, elektroschockartigen Blitzen die Beinmuskulatur. Bei den Füßen angelangt, werden sie von den Zehen in die Höhe geschleudert, wobei sie das in sich angestaute Wasser in Form eines heftigen Monsunschauers, der durch sein Kitzeln den Lippen des Schlafenden seltene Lächelnchen entwendet, niederfallen lassen. Er vergräbt seine zuckenden, zu Fäusten geballten Finger tief in das meerähnlich aufgetakelte Bettlaken, wobei er manchmal seinen Becken leicht anhebt und die Pobacken, die auf der Bettmatratze siegelähnliche Schweißflecken hinterlassen, zusammenzuckt.
Sich mit Ellbögen abstützend, lässt sie ihren Kopf nach hinten fallen und überlässt sich den unregelmäßigen Stockungen ihres Atems. Ihr Mund ist krampfartig geöffnet, ihr Körper ist leicht wie eine Feder und schwer wie ein gewaltiger Felsenbrocken zugleich. Mit weitgespreizten Beinen lässt sie dem Schatten seines Gliedes in die glückseligen Tiefen ihrer Scheide hineindringen. In der Liebesgrotte entladen sich Tristans Leben schenkenden Säfte in Isoldes Leben gebendem Körper. Ohne es zu wissen und ohne sie je berührt zu haben, ließ er sie in wilden Orgasmusströmen ertrinken. Nur ein erholsames Lächeln, das sich zwischen seinen Mundwinkeln verfangen hat, und die Spuren der Verwüstung, die das aus seinem, vor kurzem eruptierenden Vesuv entglittene Magma hinterließ, zeugen vom Anfang eines neuen Lebens, das die Abenddämmerung, wie beutehungrige Piraten ihr Schiff in einer Schatzbucht, inmitten ihrer Eierstöcke verankert hat, um den im Sog der Schatten entschwindenden Formen eine neue, tiefere Bedeutung auf der Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit einzuverleiben.
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Kommentare
Pfuhler schrieb am 2008-03-24 20:14:18:
kann mich oben nur anschließen wobei mein lob dir gegen über was dein sprachliches talent angeht eindeutig überwiegt. hier gibt es kaum jemanden der so gut mit wörtern umgehen kann wie du
jo schrieb am 2008-02-29 22:34:23:
die vergleiche stolpern manchmal etwas und die Betitelungen der Körperteile wirken sehr biologisch, aber es ist eine tolle Idee und es macht immer Spaß, wenn solche stories einen am Ende nicht enttäuschen.
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