DIE PURE MAGIE DER BEGIERDE
von
Lex Divina
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DIE PURE MAGIE DER BEGIERDE
Meine Frau ist die Mutter unserer Kinder.
Welche unerklärliche, tiefverborgene Macht zieht mich zu Ihr? Warum schleicht sich Ihr atemberaubendes Antlitz wie eine gelenkige Siamkatze – furcht- und lautlos – in meine Träume?
Um mit ihrem Augenlicht Leben in die todesähnliche Dunkelheit meiner nächtlichen Gedanken zu bringen?
Um mir mit ihren sanften Pfoten Spuren im glitzernden Sand, der meine Augenlider verklebt, zu hinterlassen, um mir dadurch den Weg zum warmen Atem Ihres rhythmischen Knurrens zu weisen?
Um mit ihren messerscharfen Krallen meine Albträume wie ein, das trauernde Gesicht eines mit Herz- und Seelenschmerz durchdrungenen Mannes verbergendes Seidentuch zu zerfetzen?
Um einen mit mineralischen Mosaiksteinchen gestickten Teppich aus den Spinnweben meiner tiefsten Wünsche und Ängste zu flechten?
Um mir mit Ihrer wässrigen Zunge die salzigen Tränen abzulecken, die tiefe, unübersehbare Kraterkanäle in meine Gesichtshaut hineinbohren?
Um sich auf meinem sich unregelmäßig sinkenden und hebenden Brustkorb schlafen zu legen, dem nervösen Trommeln meines Herzens zu lauschen und mit Ihrem wuschligen Schwanz fürsorglich und liebevoll, nahezu mütterlich, meinen entzündeten Hals wie mit einem Wollschall zu umschmiegen?
Diese unerklärliche, tiefverborgene Macht ist die pure Magie der Begierde. Doch, was begehre ich? Ihr Fleisch? Ihr Blut? Ihr Herz? Ihre Seele?
Ihr geschmeidiges Haar, das wellenartig die Konturen ihres Gesichtes umringt? Als würde man dem Rauschen der Niagarafälle lauschen! Als hätte sich der Amazonas senkrecht aufgestellt, um eine fließende Brücke zwischen Himmel und Erde zu schaffen!
Nein.
Das Glitzern in Ihren kohlenschwarzen Augen? Als würden Sterne mit ihrer ganzen Leuchtkraft die aufgedunsen Regenwolken durchbohren! Als würde die silberne Lanze eines Ritterschwertes in der Wärme der Sonnenstrahlen baden!
Nein.
Ihre rosaroten Wangen? Als hätte man frische, mit tränenartigen Tautropfen besprühte Rosenblätter über die schneeweißen Bettlaken und Kopfkissen zerstreut! Als würde man mit seiner Fingerspitze über den mit Zimt bedeckten Cappuccinoschaum gleiten! Als erblickte man ein kaleidoskopisches Weltbild, wenn man durch eine Eiskerze hindurchschaut!
Nein!
Ihren geschmeidigen Hals mit dem leicht hervorstechenden Kehlkopf? Als bewunderte man die Säulen des Panthéon! Als könnte man den Duft der Lilien, die in die Oberfläche einer dorischen Säule eingemeißelt sind, mit allen Sinnen umfassen! Als könnte man die Spitze des Eisbergs, wegen dem die Titanic ihr Ende nahm, mit der heißen Spitze seiner eigenen Zunge berühren, um ein ornamentreiches Relief in seine kuppelartige Krone hineinzuschmelzen!
Nein!
Ihre üppigen Brüste mit knusprigen Brustwarzen? Als könnte man sein ganzes Gesicht in zwei Eiskugeln des eigenen Lieblingseiskrems hineintauchen! Als würde man mit der bloßen Berührung den bittersüßen Geschmack einer leicht in Alkohol getauchten Mon-Chéri-Kirsche schmecken können!
Nein!
Ihren angespannten Bauch mit dem muschelförmigen Bauchnabel? Als badete man in Berninis Fontane der vier Flüsse! Als könnte man über den steinigen Rand in die glückselige Tiefe des Laudinebrunnens hineinschauen! Als würde man in der Wasseroberfläche – so wie Narziss sein Antlitz – die Essenz des Seins bewundern! Als könnte man als armseliger Bettler jederzeit eine Münze in die Brunnenmitte werfen, um die ruhige Wasseroberfläche nur ein Bisschen aufzureizen, um nur für einen kleinen Moment dem unbeschreiblichen Gefühl zu verfallen, die eigenen Wünsche könnten doch in Erfüllung gehen!
Nein!
Ihr Parfum? Als würden sich unsichtbare Schweißperlchen in Form von mit betörender Parfumnote durchdrungenen Wasserbläschen von Ihrer Hautoberfläche abkapseln, sich durch ihren Körper bedeckenden Kleidungsstoff den Weg in die ewige Freiheit ebnen, mit ganzer Liebeswucht gegen meinen Körper prallen und wie eine alle meine Sinne verwirrende und raubende Atombombe explodieren!
Nein!
Ihre Arme und Beine? Als wäre man Zeuge der Neugeburt Aphrodites, deren nacktes Haupt sich langsam – wie der goldene Phoenix aus der grauen Asche – aus dem schaumigen Wasser hebt, die schneeweißen Beine jungfräulichzart überkreuzend und die schönen Arme und Hände – Als hätte sie Michelangelo mit seinen eigenen Händen aus Marmor geschaffen! – dem sonnigblauen Himmel emporragend!
Nein!
Ihr süßes Blut, das in Ihren Adern kocht? Als wäre man Graf Dracula, dem das Blut seiner Auserwählten ermöglicht, sich nicht vor dem Sonnenlicht in einem dunklen, nach verwestem Leben stinkenden Sarg verstecken zu müssen! Als könnte man wie Moses das Rote Meer teilen! Als könnte man wie Jesu Christi das Wasser in Wein verwandeln! Als würde man wie ein böser Stier, dem das Rote des Torerotuches nach dem Leben trachtet, allseits das erdrückende Gefangen-Sein der Stierarena und des neurotisch applaudierenden und schreienden Publikums verspüren!
Nein!
Was dann?! Was, in Gottes Namen?! Was?!
Nicht in Gottes Namen! In Ihrem und in meinem Namen, denn wegen der vielen unausgesprochenen Wünsche, die wie elektrisierende Funken umherschwirren, in der Hoffnung, sich mit vereinten Kräften in einen starken Blitz zu verwandeln, der uns, wie zwei sich suchende, zusammengehörende Hälften eines niemals zerbrochenen Edelmetallherzens für immer und ewig zusammenzuschweißen, wegen der schlecht versteckten Sehnsucht nach Berührung, nach einem sanften Kuss, dessen Duft und Geschmack – obwohl noch immer unvollstreckt – nicht nur erahnt und empfunden, sondern sogar ertastet werden können, und wegen der lustvollen Blicke, die Geheimnisse Preis geben, die die Hände zum Zittern bringen und die unausgesprochenen Gedanken enthüllen, die die Beine mit Gewalt zum Stehen zwingen, gibt es zwischen unseren Körpern – obwohl, so scheint es eben, meilenweit voneinander entfernt – keinen Atom Platz für Gott. Sondern nur für Sie, und für mich, und für uns beide als kosmisch-universelle Einheit, die anhand dieser jenen unerklärlichen, tiefverborgenen Macht aufblüht.
Welche Macht?!
Die pure Magie der Begierde. Die Antwort auf die Frage: „Was (an/in Ihr) begehre ich?“
Alles, weil Nichts. Die reine Kraft, die sie mit Ihrem Dasein in mir weckt, in Ihrer Nähe das unaufgezwungene Bedürfnis zu verspüren, ein noch besserer Mensch zu werden: Die Ihrerseits in mir geweckte und bestätigte Vergewisserung eines im Verborgenen liebenden (und geliebten?) Mannes: Sie wünschte und würde, wenn Sie nur könnte, die Frau Unserer Kinder sein.
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Kommentare
Mary schrieb am 2009-06-14 17:06:46:
Wow, das ist super geschrieben. So etwas liest man nicht alle Tage. Respekt!!
jo schrieb am 2008-02-29 22:48:58:
das finde ich ein schönes bild, was sich mir da offenbart. und wieder ist es der schluss, der mich positiv stimmt. Ich frage mich, das ist doch eine Frau, die da schreibt? schwer einem Mann zuzutrauen, leider. Lex Divine, hast du schon mal was von Elfriede Jelinek gelesen? Ich mag ihre Art, wie sie die Vergleiche ohne ein wie oder ähnliches direkt in ihren Text einflechtet, Redensarten zusammen und auseinanderbastelt und alles mit einem simplen Reim auf den Punkt bringt: keine Männer, die sie benützen oder beschützen könnten (die Klavierspielerin ist empfindungslos)
Janine schrieb am 2008-01-25 23:54:44:
Respekt!
Das ist mal eine Geschichte.....
melek schrieb am 2008-01-07 19:24:32:
wat fürn ding hast du da kreiert?? hamma!!!^^
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